Was seit geraumer Zeit zu befürchten war, ist nun unumstösslich: Der Bahnknoten Wil zerfällt – und zwar schon in weniger als drei Monaten. Hauptverantwortlich für das schlechter werdende Angebot ist die neue Fahrplage von Fern- und Güterverkehr. Der Fernverkehr wird ausgebaut, der Güterverkehr höher priorisiert. Als Konsequenz daraus muss die Taktlage die S-Bahn Wil-St. Gallen um eine Viertelstunde verschoben werden. Aber auch die um ein paar Minuten versetzten Schnellzug-Abfahrtszeiten haben spürbare Auswirkungen. Wer von St. Gallen kommend ins Toggenburg will, der wartet am Bahnhof Wil ab dem Fahrplanwechsel im Dezember satte 21 Minuten. Ähnlich sieht es für aus, wenn man nach Bettwiesen will.

Ein letzter Rettungsanker war das Vernehmlassungsverfahren, welches nach der Publikation des Fahrplanentwurfs gewährt wurde. Knapp 30 Personen äusserten sich zur Verschlechterung des Anschlusses zwischen der S9 aus dem Toggenburg und der S1 nach St. Gallen. Zwar haben sich der Kanton St. Gallen und die betroffenen Gemeinden seit Bekanntgabe der neuen Planungen gewehrt, jedoch erfolglos. «Der Kanton St. Gallen fordert bei der SBB und dem Bundesamt für Verkehr die Wiederherstellung des Knotens Wil. Dieses Ziel wird für den nächsten Ausbauschritt mit sehr hoher Priorität verfolgt», schreibt der Kanton St. Gallen in einer Mitteilung.

Maugwil braucht einen Wendeplatz
Auch in den Stadteilen Maugwil und Rossrüti ist man nicht zufrieden mit dem neuen Fahrplan. Aus Maugwil kam im Rahmen der Vernehmlassung die Anmerkung, dass man weiterhin dem Schnellzug Richtung St. Gallen beim Abfahren zuschauen dürfe. Die 22 Minuten Aufenthalt am Bahnhof Wil werden als «unhaltbarer Zustand» bezeichnet. Etwas zugespitzt formuliert lässt sich sagen, dass die Reise von Wil nach St. Gallen eine geschlagene Stunde dauert, so man den Öffentlichen Verkehr nimmt und in Maugwil beginnt.

Der Kanton St. Gallen sagt dazu, dass auf dieser Buslinie, welche im thurgauischen Braunau ihren Endpunkt hat, ein Zielkonflikt mit dem Kanton Thurgau bestehe. Dieser wünsche, dass die Braunauer eine Anschluss Richtung Zürich hätten. In Wil können ab Dezember aber nicht mehr schlanke Anschlüsse Richtung St. Gallen und Zürich angeboten werden. Es musste eine Priorisierung vorgenommen werden. Der Einsatz eines zusätzlichen Busses würde zu sprunghaft höheren Kosten und einem ineffizienten Angebot führen. «Die gesetzlichen Vorgaben können nicht eingehalten werden», schreibt der Kanton. Mittel- bis langfristig sei in Maugwil der Bau eines Wendeplatzes geplant. Da dafür grössere bauliche Massnahmen nötig sind, ist dies nicht kurzfristig umsetzbar. Mit der ÖV-Strategie der Jahre 2030/2035 ist in Maugwil an Werktagen ein durchgehender Halbstundentakt geplant.

Verlängerung des Stadtbusses nach Rossrüti geplant
Auch aus Rossrüti kam im Rahmen der Vernehmlassung Kritik. Rossrüti wird von der Buslinie 722 Wil-Wuppenau-Hosenruck bedient – zur Rush-Hour halbstündlich, sonst im Stundentakt. «Auf dieser Linie ist kein Angebotsausbau möglich, da der Kostendeckungsgrad zu tief ist», schreibt der Kanton und verweist ebenfalls auf die Jahre 2030 bis 2035. Spätestens dann soll der Wiler Stadtbus bis nach Rossrüti verlängert werden. Dieser würde von Montag bis Freitag im 15-Minuten-Takt verkehren. Die Einführung des verbesserten Angebots wird bereits auf den Fahrplan 2021 geprüft.

Kampf um Bahnhof Algetshausen-Henau geht weiter
Dicke Luft herrscht auch in Algetshausen. Einerseits, weil der im Jahr 2013 geschlossene Bahnhof Algetshausen-Henau zumindest vorerst nicht wiedereröffnet wird. Andererseits: Ab Dezember gibt es für die Algetshauser in Uzwil keinen schlanken Anschluss mehr auf den Schnellzug Richtung Zürich. Dass künftig zusätzlich die Haltestelle Henau Wirmeten angefahren wird, stösst auf weiteres Unverständnis. Die Hoffnung auf das Erreichen der Anschüsse am Bahnhof Wil schwindet damit aufgrund der regelmässigen Staus in der Äbtestadt.

Der Kanton entgegnet, dass eine direkte Streckenführung zwischen Algetshausen und Uzwil Nachteile für Henau mit sich bringen würde. Durch die Bedienung der Haltestelle Wirmeten werde die Verfügbarkeit des öffentlichen Verkehrs erhöht. Die Wiedereröffnung des Bahnhofs Algetshausen-Henau sei angestrebt, von der SBB aber abgelehnt worden. Der Kanton hat beim Bundesamt für Verkehr das Begehren gestellt, den Bahnhof wiederzueröffnen.