Frau Morgenegg, welche Auswirkungen hatten die Corona-Pandemie und die entsprechenden behördlichen Anordnungen bisher auf Ihre berufliche Tätigkeit?

Ich arbeite seit bald einem Jahr reduziert unregelmässig und extrem flexibel. Letzten August legte ich wieder voll los, bis die Gruppenkurse Jodel/Gesang seit letzten Oktober abgesagt/verschoben oder online weiterliefen. Der Bereich Auftritte liegt seit einem Jahr fast ganz lahm...Planung in die Zukunft wird immer zaghafter. Anfragen kommen keine mehr rein. Was besonders schmerzt ist, das letztes Jahr gleich zwei grosse Auftritte (Festival) verschoben und dann abgesagt wurden, die unseren Durchbruch bedeutet hätten... Einzelunterricht ist mit Schutzkonzept zum Glück immer noch möglich. Da der Erwerbsausgleich bei Weitem nicht ausreicht fürs Leben, bin ich nun enorm dankbar, dass wenigstens Einzeln und Online noch geht. So komme ich einigermassen über die Runden und kann etwas tun. Dafür bin ich dankbar. In dieser Zeit eine berufliche Umorientierung zu machen, ist auch ein Hintergedanke. Wurde aber zum Glück durch viele innovative Ideen meinerseits immer wieder verschoben. 

Wie lauten Ihre weiteren Erfahrungen? 

Der Online Unterricht hat sich zum Beispiel gut entwickelt, spricht aber längst nicht alle Menschen in meinem Kreis an. Viele singen seit einem Jahr oder halben Jahr fast nicht mehr regelmässig. Wer aber mitmacht, ist total dabei und schätzt dieses Angebot sehr. Zudem habe ich gelernt Videos zu produzieren und so meinen Basis- Jodelkurs auf Video aufgenommen. Dieser wird nun gar weltweit gerne von Auslandschweizern in Anspruch genommen. So kommt es, dass ich im Montagskurs Zoom nun auch eine Teilnehmerin aus Hawaii mit dabeihabe. Wie toll ist das denn?

Hatten die Einschränkungen negative Auswirkungen Ihr Einkommen?

Ja klar! Der Umgang damit war von Anfang an flexibel. Als selbständige Gesangs- und Jodellehrerin bin ich es gewohnt, flexibel auf Schwankungen zu reagieren. Solange ich Ende Jahr alle Rechnungen bezahlen kann, mein Kühlschrank voll und ein Dach über dem Kopf da ist, ist für mich alles gut. Die rasche Auszahlung des Erwerbsersatzes durch den Kanton Thurgau hat mich positiv erstaunt und auch etwas gerettet, da ich sonst als Selbständige durch alle Netzte gefallen wäre. Auch wenn die 75% nun auf einen 50% Lohn damals ausgerechnet wurden, wo ich noch eine minderjährige Tochter zu betreuen hatte...besser als nichts.

Hatte die zurückliegende Zeit auch positive Auswirkungen auf Ihre kreative Tätigkeit?

Ja klar! Erstmals habe ich die ruhige Zeit aber zur Erholung genutzt. Meine allererste Auszeit seit ich weiss... Das war echt ein Geschenk und ich habe viele neue Talente entdeckt. Wie zum Beispiel meine Freude an kreativen Blumen und die Arbeit mit Pferden wieder entdeckt. Ah ja, ein Kontrabass steht nun Leihweise in meinem Wohnzimmer und ich erfreue mich sehr am Lernen dieses Instrumentes. Kostprobe?

 

Neu kann mein einzigartiges Kurskonzept "Jodeln lernen - leicht gemacht" jetzt auch mit Videos Schritt für Schritt zu Hause gelernt werden. Darauf bin ich sehr stolz. Ich habe wohl einen Nerv der Zeit getroffen, mein Info-Video dazu hat auf Youtube bereits über 23'000 Klicks. Das freut mich sehr.

 

Wie sehen Ihre mittelfristigen beruflich-künstlerischen Perspektiven aus?

Perspektiven als performende Künstlerin, die sich nicht impfen will? Lach! Im Moment gleich Null...der ganze Sektor liegt ja lahm. Ich weiss, so dürfte ich nicht reden, aber im Moment fühlt sich planen wie ein grosses, schwarzes Loch an. Ich nehms Schritt für Schritt und denke nicht zu weit nach vorn. Es kommt eh anders. Ich widme mich im Moment ausschliesslich musikalischen Spassprojekten, die mich persönlich bei guter Laune halten. Das Geschenk der Musik und meiner freien Stimme kann mir kein Gesetz nehmen. So hat sich in der Zeit eine tolle Acapellagruppe gebildet mit sehr guten Sängern und Sängerinnen. KlatschXang. 

Gibt es weitere Projekte? 

Da ist noch die ganz neue Zusammenarbeit mit Mattias Zuber KOSMA! Wir bereiten Musik vor, die dann tanzbar sein soll. Ja und Chorsingen fühlt sich leider auch noch weit entfernt an. Obwohl dies den Menschen gerade jetzt (wenigstens draussen) so guttun würde. Ich fühle mich zwischendrin im Einzelunterricht mehr als Therapeutin denn als Gesangslehrerin. Da kommen mir meine privaten Weiterbildungen im Bereich Coaching sehr entgegen. Ja gerade das Singen und Jodeln kann enorm befreiend wirken in solchen Zeiten. Ich bin froh und dankbar, nutzen die Menschen diese Möglichkeit des Einzelunterrichts...

Zur Person:

Sonja Morgenegg studierte an der Jazzschule St.Gallen Jazz-Gesang. Danach folgten diverse Weiterbildungen in den Bereichen Atem, Körper, Stimme, Improvisation und Theater. (www.integratives-stimmtraining.com). Seit 2008 arbeitet sie als selbständige Stimmtrainerin, Chorleiterin und Sängerin. Während ssechs Jahren war Morgenegg mit dem regional bekannten folkloristischen Bassacella-Trio Unerschrocken (1. Preis Swisstar-Wettbewerb 2012) unterwegs, sowie Leadsängerin in diversen Bandprojekten. Das freie Jodeln begleitet sie seit ihrer Kindheit und hat durch die Stimmimprovisation eine neue, freiere Ebene erhalten. So kam es, dass sie 2013 meine eigene Jodelschule im Thurgau eröffnete, wo Improvisation (Stegreif Jodeln) neben Tradition ihren Platz bekommt.

Seit vier Jahren befasst Morgenegg sich intensiv mit dem Naturjodel aus aller Welt. So lernt und lehrt sie unter anderem Muotathaler Juuz, Joik, und Georgischen Jodel.

Morgenegg war regelmäßig mit der Bestseller-Autorin Daniela Schwegler (Traumalp, Hüttenwartinnen, Landluft) als Solo-Künstlerin und Improvisations-Jodlerin unterwegs. Die freie Improvisation zelebriert sie mit zwei Formationen in St.Gallen (Triado, StimmSaiten).

Mit "Sooon" vereinte ich meine gesamten Fähigkeiten in Improvisation, Jodel, Worldmusik und Komposition in einer neuen, in der Schweiz einzigartigen, Formation. 2019 kam unsere CD auf den Markt: "Youchz NOW".