Der digitale Wandel verändert gegenwärtig vieles im Alltag. Die Verdrängung von traditionellen Einkaufsläden durch den Onlinehandel ist nur eines der Anzeichen für diese Umwälzung. Eine Transformation des Alltags der Menschen erlebte auch Johann Georg Müller. Als er 1822 als sechstes von 15 Kinder zur Welt kam, wurde Europa nach und nach von der Eisenbahn erschlossen. Die fauchenden und lärmenden Ungetüme erschreckten viele Menschen und auch die Pferde vor den angestammten Kutschen und Fuhrwerken.

Die Menschen fanden damals in lauten Fabrikhallen Arbeit, sie zogen vom Land in die Städte. Die sozialen Verhältnisse veränderten sich. Gleichzeitig breitete sich die Aufklärung aus, sie entzauberte die Welt und erklärte sie wissenschaftlich mit nüchternen Fakten und Zahlen; gerade so wie es heute im digitalen Wandel die allgegenwärtigen Computer mit ihren riesigen Datenmengen tun.

Mittelalter als Rückzugsort

Als Reaktion auf diese irritierenden Umbrüche im Alltag entstand eine idealisierende Rückbesinnung auf die Vergangenheit, in Form der Epoche des Biedermeiers und der Romantik. Sie drückte sich vor allem in Gedichten, in der Malerei und in der Musik aus. Insbesondere das Mittelalter mit seinen Burgen und Sagen war damals ein beliebtes künstlerisches Motiv. Daraus entwickelte der Stil der sogenannten Neugotik. Damals gebaute Kirchen, Verwaltungsbauten, Markthallen, Bahnhöfe sowie Schulen und Universitäten erinnern dem Zeitgeschmack entsprechend an gotische Kathedralen. Ein besonders prominentes Beispiel für diese stilistische Anleihen aus dem Mittelalter ist das Schloss Neuschwanstein, das der Bayernkönig Ludwig II errichten liess. Und Themen der Opern Richard Wagner beziehen sich auf das Mittelalter.

Johann Georg Müller gilt bei Experten als typischer Vertreter dieser Neugotik. Ein besonders bekannter Beleg dafür ist die St. Laurenzen-Kirche in nächster Nähe zum St. Galler Dom. Müller entwarf die Pläne für die Renovation. Allerdings wurde der Architekt aus Wil nur gerade 27 Jahre alt, er starb 1849 an Lungentuberkulose. Die Umsetzung seiner Vorlagen in der Kantonshauptstadt erlebte er nicht mehr.

Akademische Ehren

Wenige Jahre vor seinem Tod wurde Müller beauftragt, die Altlerchenfelder Kirche in Wien zu bauen. Auch diese Umsetzung seiner Pläne erlebe er nicht mehr. In der österreichischen Hauptstadt wurde er zudem als Professor für Baukunst an die k.u.k. Ingenieurakademie berufen. Er starb jedoch, bevor er seine Lehrtätigkeit aufnehmen konnte.

Wie kommt ein junger Architekt aus Wil zu derart prestigeträchtigen Bauaufträgen und zu einer renommierten Professur? Kurz und bündig formuliert: In dem er immer wieder auf Menschen traf, die sein aussergewöhnliches kreatives Talent erkannten.


Jugend an der Fürstenlandstrasse

Müller wurde 1822 in Mosnang geboren. Als Johann Georg 11-jährig war, übersiedelte die Familie nach Wil ins Haus «Frohsinn», das noch heute an der Ecke Fürstenlandstrasse/Neulandenstrasse steht. An dessen Fassade erinnert heute eine Gedenktafel an den begabten Künstler. In Wil war es sein Zeichnungslehrer Franz Müller, der das schöpferische Talent des Knaben fördert. Beide trugen zufällig den gleichen Nachnamen, waren aber nicht verwandt. Nach der Kantonsschule folgte eine Lehre beim Architekten Kubly in St. Gallen. Dieser hatte unter anderem das Kirchplatzschulhaus in Wil gebaut. 

Sein Lehrmeister vermittelte ihm eine Anstellung in München beim Architekten Ziebland. In der bayrischen Metropole besuchte Müller zudem die Königliche Akademie. In München kam er auch mit dem Schweizer Nationaldichter Gottfried Keller in Kontakt, der feststellte, dass Müller auch ein begabter Lyriker war. Der Komponist Robert Schumann vertonte später ein Gedicht von Müller. Es folgte eine Anstellung in Basel, wo der junge Architekt mit Rudolf Merian in Kontakt kam. Der Vermögende lud ihn 1842 zu einer längeren Studienreise nach Italien ein, wo sie berühmte Bauwerke in Florenz, Rom sowie auf Sizilien besuchten. Der junge Wiler hielt viele von ihnen im Bild fest, denn er war auch ein talentierter Zeichner und Maler. Er legte zudem einen Entwurf über die Vervollkommnung der Fassade des Domes von Florenz vor, der grosse Beachtung fand, aber nie umgesetzt wurde.

Entwürfe für Bahnhöfe

Schliesslich kehrte er nach Wil zurück und liess sich als freischaffender Architekt nieder. Ab 1846 zeichnete er unter anderem Entwürfe für Bahnstationen, für die sich damals ausbreitende Eisenbahn. Die ursprünglichen Bahnhöfe von Frauenfeld und von Weinfelden basieren auf Vorschlägen von Müller. Auf Empfehlung übersiedelte er schliesslich nach Wien, wo er noch zwei Jahre zu leben hatte.

Wer weiss, welche weiteren herausragenden kulturellen Spuren der mehrfach ausgezeichnete Wiler Dichter, Maler und Architekt hinterlassen hätte, wenn ihm ein längeres Leben vergönnt gewesen wäre?