Ihre Idee sei eine Utopie. Sagt sie in die kleine Runde. Sie zuckt mit der Schulter und grinst. «Aber ich finde, dass wir eine sogenannte Velostrasse brauchen», ist Julia überzeugt. Ihr sei bewusst, dass es ein grosse Herausforderung sei, gewisse Strassen für Autos zu sperren, um sie nur für Fussgänger sowie Velofahrer zu gestalten. Die drei jungen Herren in der Runde sind für wenige Augenblicke still. Rümpfen leicht die Nase. «Das ist wirklich utopisch», antwortet Jan. Auch wenn er eine solche Velostrasse unterstützen würde. «Wil ist verkehrstechnisch eine Katastrophe», fügt er hinzu. Für seinen Geschmack drehe sich zu vieles um den Strassenausbau und er erkenne, dass die Autos überall eine hohe Priorität geniessen würden. An dieser Stelle kommt Julia noch einmal auf ihre Idee zurück: «Nehmen wir das Beispiel Kopenhagen – dort ist es bereits normal, dass einzelne Strassen nur für Fussgänger und Velofahrer zugänglich sind.»

Bereits in der ersten Diskussionsrunde während des ersten Wiler Klima-Dialogs am Samstagnachmittag in der Volksschule Wil im Hof zu Wil wird deutlich, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen genau wissen, welche Ziele sie erreichen wollen. «Das ist auch gut so», sagt Stadtrat Dario Sulzer, «denn wir haben für diese Veranstaltung explizit nur die Jungen eingeladen.» Sulzer ist der Meinung, dass Erwachsene genug Möglichkeiten haben, sich und ihre Meinung auszudrücken oder ihre Visionen zu realisieren. «Auch die jungen Leute haben gute Ideen», führt er weiter aus. Schliesslich gehe es beim Klima-Dialog darum, dass Jungendliche sowie Erwachsene die Köpfe zusammenstecken. Schliesslich sei es höchste Zeit, dass die Stadt Wil, die konkrete Klimaforderungen auf den Tisch bekommt, wie Kantischülerin und Klima-Aktivistin Anna Miotto sagt. Immerhin hat das Stadtparlament am 16. Mai den Klimanotstand in Wil ausgerufen.

Von Sensibilisierung bis Verbot

Julia, Timo, Jan und Rui diskutieren noch weiter in ihrer Gruppe. Mittlerweile geht es nicht mehr, um den öffentlichen Verkehr, sondern um das Thema Sensibilisierung. «Es geht doch nicht nur darum, dass wir, die Jungen, uns aktiv mit der aktuellen Klimalage auseinandersetzen müssen», ist Julia überzeugt. Ihre Kollegen in der Gruppe nicken zustimmend. «Du bist der Meinung, dass die ältere Generation besser informiert sein muss?», hackt Timo einmal nach. Die junge Erwachsene nickt. «Gerade die Generation der Baby-Boomer sollte auch Interesse für das Thema Klima zeigen», ergänzt Julia. Denn gerade die ältere Generation sei für einen grossen Teil des CO2-Ausstosses verantwortlich. «Schliesslich sind sie auch die, die sich ein Auto und ein Haus leisten können», fügt die junge Erwachsene hinzu. An dieser Stelle spricht Jan auch das Thema Ölheizung an. «Ich bin der Meinung, dass diese verboten und damit in allen Schweizer Haushalt ersetzt werden sollte», fordert er.

«Bevor man ein Projekt erarbeiten und Verbesserungsvorschläge zusammenfassen kann, muss man die Ausgangslage kennen», erklärt Stadtrat Daniel Meili den jungen Teilnehmern noch zu Beginn der Veranstaltung. Deshalb nimmt sich Meili besonders gerne die Zeit und schildert den Jungen die aktuelle Situation in Wil. Die Äbtestadt trage bereits seit dem Jahr 1998 das Label Energiestadt. Und als eine solche Energiestadt setze sich Wil für mehr Energieeffizienz, erneuerbare Energien und den Klimaschutz ein. Deshalb sei der Stadtrat daran interessiert Jugendliche und junge Erwachsene mit ins Energiekonzept miteinzubeziehen.

Fachwissen ist vorhanden

Pflanztag steht gross auf dem Flipchart-Papier. Zu dieser Idee ist eine Gruppe mit sieben Schülerinnen gekommen. Und damit haben die Jugendlichen bereits eine konkrete Forderung. «Wir schlagen vor, dass man einen solchen Tag in allen Schulen einführt», sagt Kantischülerin Sandrine. Man könne den sogenannten Pflanztag noch grösser aufziehen und «in der ganzen Stadt durchführen». Hierfür schlagen die Jugendlichen vor, dass an allen möglichen Orten in der Stadt die unterschiedlichsten Pflanzenarten angepflanzt werden. «Zum Beispiel bei den Bäumen an der oberen Bahnhofstrasse, am Weier, bei einzelnen Kreisel oder es können neue Gemeinschaftsgärten entstehen», führt die Kantischülerin weiter aus.

Die Ideen und Vorschläge der jungen Teilnehmer sind bereits sehr konkret, meint Stadtrat Sulzer in einer Diskussionsrunde im Plenum. «Einige Ideen könnte man wirklich umsetzen», lobt Sulzer die erarbeiteten Vorschläge der Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Dabei zeigt sich Sulzer erstaunt, wie gut die jungen Leute informiert sind und welches Fachwissen sie rund um die ganze Klima-Diskussion besitzen. Bis zum Schluss der Veranstaltung wird noch einmal deutlich, warum es bei der Klima-Debatte auch die Jugendlichen und jungen Erwachsenen braucht. Auch Stadtrat Meili ist von den Ergebnissen des Klima-Dialogs begeistert. Was ihn während des ersten Klima-Dialogs besonders beeindruckt, erzählt er im Video-Interview:  

 
Voller Einsatz beim ersten Wiler Klima-Dialog. (Video Magdalena Ceak)