Im Gemeindesaal Uzwil versammelten sich 130 Personen aus dem ganzen Kanton St. Gallen, welche sich für Jugendliche mit dissozialen Verhaltensweisen einsetzen, zur diesjährigen Fachtagung des Jugendheims Platanenhof. Heimleiterin Dagmar Müller und Regierungsrat Fredy Fässler führten ins Thema «Arbeit der Jugendlichen in stationären Einrichtungen» ein. Drei Fachreferate zeigten anschliessend den aktuellen Erkenntnisstand und die daraus abgeleiteten Vorgehensweisen auf.Schulmüde Jugendliche entwickelten oft erstaunlich viel Motivation, wenn es um den Einstieg in die Arbeitswelt gehe, stellte Dagmar Müller, Heimleiterin des Jugendheims Platanenhof Oberuzwil, fest. Der Wunsch, eine externe Lehre zu absolvieren, um einer Stigmatisierung zu entgehen, erweise sich oft als unrealisierbar. Das interne Angebot des Platanenhofs umfasse Schreinerei, Mechanik, Betriebsunterhalt und Küche. Wenn die Ressourcen für einen externen Arbeitsplatz fehlten, sei die sozialpädagogische Institution gefordert. Rückschläge, Frust oder gar das Scheitern dürften die positive Entwicklung eines Jugendlichen nicht behindern.

Selbstwert durch Arbeit
Regierungsrat Fredy Fässler, Vorsteher des Sicherheits- und Justizdepartementes des Kantons St. Gallen, wies auf die Bedeutung der Arbeit hin. Sie vermittle Selbstwert, gesellschaftliche Anerkennung und Zugang zu sozialen Kontakten. Dies gelte gerade auch für Jugendliche, welche ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden hätten. In einer Institution wie dem Platanenhof müssten sie deshalb befähigt werden, ihre schulischen und beruflichen Fähigkeiten weiter zu entwickeln. Anzustreben sei eine sinnstiftende Tätigkeit mit der Möglichkeit, den Lebensunterhalt bestreiten und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten sich die einzelnen Bereiche des Heimes untereinander gut vernetzen.

Integration über Arbeit
Ein grosser Teil der Bestrebungen in den Jugendheimen habe zum Ziel, die Jugendlichen für den Arbeitsmarkt fit zu machen, stellte Tobias Studer, der erste Referent, fest. Dies sei auch eine Erkenntnis seines Forschungsprojekts «Erziehung durch und mit Arbeit». Arbeit sei ein bedeutender Faktor für ökonomische Unabhängigkeit, gesellschaftlichen Status, soziale Identität und subjektives Wohlbefinden.

Schnell ersetzbare Arbeitskräfte sind nötig
In den Heimen konzentrierten sich die Bestrebungen auf Lehre oder Anlehre. Erziehung und Arbeit stünden dabei oft in einem Spannungsfeld. Dieses ergebe sich aus dem unterschiedlichen Verständnis von Arbeit. Tobias Studer regte ein Überdenken der aktuellen Situation an. Nötig sei eine Flexibilisierung und Entgrenzung lebenslanger Berufstätigkeit. Es müssten Alternativen zur Lohnarbeit geprüft werden. Arbeitsagogik ziele nicht auf die Herstellung von Arbeitstauglichkeit ab, sondern diene als Werkzeug zur Entwicklung selbstbestimmten und kooperativen Arbeitens. Erziehung müsse kritisches Denken, nicht Unterwerfung zum Ziel haben.

Er weiss, wovon er spricht
Hanspeter Achermann, der zweite Referent, weiss, wovon er spricht, wenn er über schwierige Jugendliche redet. Als Vollwaise mit zu viel Freiheiten sei er selber schwierig geworden. Den Weg zurück verdanke er nur einem Vormund, der ihm klare Schranken gesetzt aber auch viel Vertrauen geschenkt habe So hat er die «Besserungsanstalt», in der er nach der Androhung seines Lehrers landen werde, kürzlich nach langjährigem Wirken als Direktor verlassen. Und aus seinem Vortrag wurde klar, er hat seine Lektion gelernt und in seinem Wirken den Jugendlichen grosses Vertrauen entgegengebracht.

Arbeitsagogik zum Durchbruch verholfen
In seinem Heim habe er das Ziel erreicht, dass in jedem Team ein Arbeitsagoge tätig sei, stellte Hanspeter Achermann mit Genugtuung fest. Der Graben zwischen Sozialpädagogen und Arbeitsagogen sei zugeschüttet worden. Arbeit werde nicht mehr als Strafe und Disziplinarmassnahme eingesetzt. Arbeit diene der Rehabilitation. Ziel sei die Stabilisierung der Jugendlichen sowie die Erhaltung und Erweiterung der Handlungskompetenz durch individuelle Förderung.

Kraft der positiven Zuwendung
Alle Massnahmen müssten hilfreich und rachefrei sein und zum Ziel haben, das Selbstwertgefühl zu stärken. Dazu müsse der Jugendliche seine Wertschätzung spüren. Hanspeter Achermann führe die 4-M-Regel an: «Man muss Menschen mögen.»

Entscheidend sei, was vorhanden sei, nicht was fehle. Lösungen zu suchen mache mehr Spass als Probleme zu definieren. Vier Forderungen formulierte der Referent abschliessend: Sich auf Lösungen zu fokussieren, auf Erfolgen aufzubauen, Ressourcen zu benützen und neue Sichtweisen zu gewinnen.

Wie wichtig es ist, Jugendliche zu motivieren, verdeutlichte der Referent abschliessend mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry: «Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, Arbeiten zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem endlos weiten Meer.»

«Geschichte der Zukunft»
Stefan Paulus blickte in die Zukunft. Er nahm seine Zuhörer aber vorerst mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Er beleuchtete sozusagen die Geschichte der Zukunft. Dabei machte er aber klar, dass er kein Wahrsager sei und auch nicht wisse, wie die Zukunft aussehe. Seine Arbeitsweise aber sei die der Meteorologen. Die Erfahrungen der Vergangenheit erlaubten es, Schlüsse auf die Zukunft zu ziehen.

Es ging im Folgenden um die Technologietreiber der Vergangenheit und ihre Wirksamkeit für die Zukunft. Stefan Paulus erwähnte die Industrialisierung (Dampfmaschine, 18. Jahrhundert), das Fliessband (Fordismus, 20. Jahrhundert), die elektrische Revolution (Computer, 1970) und die Digitalisierung (2000). Das Arbeitstempo sei immer rascher, die Arbeitsprozesse immer effizienter geworden. Und diese Entwicklung gehe rasant weiter.

Psychosoziale Risiken
Die Orientierung an Naturzyklen sei durch abstrakte Zeitauffassung und nun durch Kybernetik abgelöst worden. Kybernetik definierte Paulus als Wissenschaft von Kommunikation und Kontrolle durch Feedback. Algorithmen, von Menschen gemachte Programme, bestimmten die Arbeitswelt, aber auch den privaten Bereich immer stärker. Damit verbunden seien aber zunehmend psychosoziale Risiken. Burnout werde in zwei Jahren mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen gleichziehen. Ein Viertel der Arbeitnehmenden werde künftig im Verlauf der Erwerbstätigkeit von Burnout betroffen sein.

Tröstlich zum Schluss: Nicht alle Dinge im Leben – etwa zärtlich zu sein oder zuzuhören – lassen sich beschleunigen. Damit die Gesellschaft nicht auseinanderdriftet, braucht es auch in Zukunft gemeinsame Zeit und Zwischenmenschlichkeit.