Weltweit erkranken ungefähr drei bis vier Prozent der Bevölkerung in Laufe ihres Lebens an einer Psychose – das sind 53 Millionen Menschen. Die meisten erkranken zwischen dem 20. und dem 35. Lebensjahr, aber auch ältere Frauen sind betroffen.
«Wer an einer Psychose erkrankt, hat bereits einen langen Leidensweg hinter sich», sagte Funda Akkus, Oberärztin am Ambulatorium der Psychiatrie St.Gallen Nord, am traditionellen Referat am Montag vor einer grosser Zuhörerschaft. Bei den meisten Patienten zeigen sich Monate und Jahre voraus Frühsymptome, wie etwa Konzentrationsstörungen, Schlaf- und Antriebsstörungen und Misstrauen gegenüber anderen Menschen. Häufige Symptome sind Störungen des Denkens und der Wahrnehmung.

Besonders charakteristisch seien Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die sich meist akustisch zeigen, aber auch im Geruchs- und Geschmacksinn. Die Betroffenen hören Stimmen, positive wie auch negative, vor allem auch in Befehlsform, sagte die Fachärztin. Gerade bei jungen Erwachsenen werden diese Symptome oft missverstanden und der Pubertät zugeschrieben. Der Konsum von Cannabis könne die Symptome verstärken.

Bin ich die, die ich meine zu sein?
Wahnsymptome treten häufig in Form von Verfolgungswahn oder Beziehungswahn auf, bei denen der Betroffene Wahrnehmungen fälschlicherweise auf sich bezieht. Viele glauben, dass sie ausspioniert werden und dass Menschen sich an ihnen bereichern oder rächen wollen. Einige sind überzeugt, dass fremde Menschen ihre Gedanken lesen können und wagen sich deshalb nicht mehr auf die Strasse. Die Denkstörungen zeigen sich häufig in Form von Problemen im Gedankenablauf, was als Unkonzentriertheit oder Verwirrtheit interpretiert wird. Zudem haben diese Menschen den Eindruck, dass die Umwelt nicht mehr real sei oder dass sie selber nicht die Person sei, die sie zu sein scheinen.

Viele glauben, dass ihre Gedanken manipuliert und fremdbestimmt werden. Oft verändern sich die Interessen der Menschen, viele interessieren sich vermehrt für Religiöses, für unnatürliche Dinge oder Magie und ziehen sich in ihre eigene Welt zurück.

Mutterleib und Pubertät sind sensible Phasen
Die Medizin unterscheide die körperlich bedingte Psychose, welche bei Verletzungen im Hirn, bei neurologischen Erkrankungen, beispielsweise Epilepsie, bei Tumoren, Blutungen oder nach Operationen auftreten könne und der nicht körperlich bedingten Psychose. Diese Form nenne sich schizophrene Psychose, erklärte Funda Akkus den Anwesenden. Die Ursachen von schizophrenen Psychosen sind unterschiedlich. Eine ungünstige Gen-Umwelt-Interaktion sei eine mögliche Erklärung, aber auch ungünstige Umwelteinflüsse, wie Drogen, Mangelernährung, Infektionen, Trauma, psychosoziale Belastungsfaktoren wie beispielsweise eine Scheidung der Eltern, Tod in der Familie oder im Freundeskreis, Wechsel beim Arbeitsplatz, der Übergang von der Schule in die Lehre und anderes können die Krankheit auslösen.

Man wisse, das Menschen zwei massgebliche Entwicklungsschübe durchlaufen und zwar den ersten im Mutterleib und den zweiten in der Pubertät. Wenn in diesen sensiblen Phasen noch erschwerende Faktoren dazukommen und auch genetische Faktoren dazukommen, sei es gut möglich, dass junge Erwachsene an einer Psychose erkranken können.

Bei 70 Prozent gehen Symptome zurück
Oft treten die Frühwarnzeichen in der Adoleszenz oder im frühen Erwachsenenalter auf, halten Wochen bis Monate oder können auch schubweise verlaufen. Oft gehe es dann nochmals drei bis fünf Jahre, bis eine Psychose als Krankheit erkannt werde. Ungefähr ein Viertel verlaufe mit chronisch verheerenden Folgen. «Es ist wichtig, dass es der Medizin gelingt, diese zu vermeiden», so die Ärztin. Gleichzeitig gibt sie auch Entwarnung und erklärt, dass nur ungefähr ein Drittel der Patienten mit Risikostatus innerhalb von 36 Monaten eine Psychose entwickle. Bei den anderen Zweidritteln entwickeln sich die Symptome zurück und diese finden den Weg zurück zu einem normalen Leben.

Trotzdem sei es sehr wichtig, dass Menschen mit den vorher genannten Anzeichen, eine ausführliche Anamnese erhalten und man genau abkläre, welche Risikofaktoren vorhanden seien. Zudem werde auch eine neuropsychologische Testung durchgeführt. Erst dann könne mit Sicherheit festgestellt werden, ob eine Psychose vorliege oder eben nicht. Je früher Patienten untersucht werden können, je besser seien die Heilungschancen.

Cannabis und Psychose
In der Fragerunde warnt eine Anwesende davor, Eltern oder Erziehenden Schuldgefühle aufzuerlegen. Eine psychische Erkrankung müsse wie eine somatische Krankheit angeschaut werden. «Wir müssen nach Lösungsansätzen suchen und nicht verurteilen», sagte sie und wurde von der Referentin klar unterstützt. «Niemand dürfe stigmatisiert werden, die Medizin müsse noch viel mehr Aufklärungsarbeit leisten, damit die Gesellschaft lerne, auch über psychische Krankheiten zu reden» sagte sie überzeugt.

Das Thema Cannabis und Psychose wurden bei den Anwesenden kontrovers diskutiert. Die Ärztin warnte davon, dem Kiffen die alleinige Schuld an der Erkrankung geben zu wollen. Hingegen bestätigt sie, dass gerade in der Phase, in der sich das Gehirn junger Menschen noch entwickelt, Drogen, wie Cannabis das Risiko erhöhen, eine psychische Störung zu entwickeln. Hier spreche man aber nicht vom gelegentlichem Kiffen, sondern von einem täglichen oder zumindest regelmässigen Konsum.