Die Journalistin war nur einen Tag vorher aus ihrem heutigen Wohnort Bangkok in die Schweiz gereist. Doch von einer Art Jetlag war nichts zu spüren.

Bücherlesung ohne vorgesehenes Buch

Begleitet wurde die mutige Frau vom Kulturagenten und selber als freiberuflicher Journalist tätigen Urs Heinz Aerni. Er hat in der Bibliothek Uzwil schon fast einen Stammplatz, kam er doch schon etliche Male mit spannenden Persönlichkeiten nach Uzwil. Eigentlich war vorgesehen gewesen, dass Karin Wenger ihr neuestes Buch vorstellen würde. Dessen Titel «Bis zum nächsten Monsun – Menschen in Extremsituationen». Aber Pläne können auch platzen. Das Buch war nämlich auf den vorgesehenen Termin noch gar nicht verkaufsbereit, konnte deshalb nicht besprochen werden.

Doch Karin Wenger hatte während der Pandemiezeit, die ihr einen elfmonatigen Europa-Aufenthalt aufzwang, zwei weitere Bücher geschrieben, so das berührende Porträt von Mina, einer afghanischen Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und Sängerin. Es heisst «Verbotene Lieder – Eine afghanische Sängerin verliert ihre Heimat». Auch das Buch. «Jacob, der Gefangene – Eine Reise durch das marode indische Justizsystem» entstand in dieser Zeit.

Woher diese Reiselust?

Aerni fragte die Journalistin, woher denn diese Lust auf fremde Länder und das Reisen an sich stamme. Scheinbar hat das die Journalistin bereits in die Wiege gelegt bekommen. Ihre Eltern fuhren mit einem VW-Bus während fünf Jahren durch die Welt. Das weckte auch in der kleinen Karin die Neugier auf fremde Kulturen und deren Lebensweisen. Karin Wenger meinte, dass das Aufwachsen in der so geordnet funktionierenden Schweiz Flügel fürs Ausfliegen gegeben habe, da man bei Problemen ja immer wieder zurückkommen könne. Sie empfindet das Reisen bis heute als grosses Privileg. Menschen aus armen Ländern oder aus solchen mit diktatorischer Regierung sind zudem gar nicht in der Lage zu verreisen. Da ist es gut, wenn Menschen zu ihnen kommen, damit die Welt etwas aus den dortigen Zuständen erfährt. 

Neugierde Hauptmotivation

Schon immer spürte Karin Wenger eine unbändige Neugierde auf andere Lebensentwürfe. Bereits ihr Studium führte sie zu verschiedenen Kulturen. So sass sie in Freiburg, in Limerick oder auch im Nahen Osten in den jeweiligen Hörsälen. Sie beschrieb, wie sie oft ins kalte Wasser geworfen worden sei, keine Ahnung gehabt habe, was auf sie zukommen könnte. Natürlich habe sie zuhause nie alles erzählt. Mit 24 Jahren war sie im Westjordanland, nahe bei der Familie Arafats, als dieser starb. Ja, sie zog sogar ins doch recht unsichere Gaza. Sie war auch schon öfters in Armeeflugzeugen unterwegs «embedded» - also eingebettet – und deshalb besonders nahe am Geschehen.  Aus der sicheren Schweiz in Länder mit Konflikten zu reisen und über die dortigen Verhältnisse als Augenzeugin zu berichten braucht aber auch Mut. Und etwas Leichtsinn gehört vermutlich ebenfalls dazu.

Nahe an menschlichen Schicksalen

2010 reiste Karin Wenger nach Afghanistan und lebte seither jedes Jahr einen Monat lang dort. Sie lernte die Vorteile der Burka kennen. Mit einer solchen Verhüllung fällt man auch nicht auf, kann sicherer reisen. Im Hindukusch fuhr sie Ski, konnte das ganze Land bereisen. Aber das wurde immer schwieriger. Wenn auch eine Burka einen gewissen Schutz vor Entführung oder anderen Übergriffen biete, so sei es doch ratsam, keine allzu eleganten Schuhe zu tragen, denn die könnten jemanden als Ausländerin verraten. Und Fremde aus dem dekadenten Westen haben bekanntlich Geld, was das Risiko einer Entführung stark erhöht. Eine Burka verengt laut Wenger aber das Gesichtsfeld derart, dass man oft nicht genau sieht, wo man hintritt.

Kulturelle Unterschiede

Die unfassbare Armut in Bangladesh, aber auch die riesige Gastfreundschaft in muslimischen Ländern sind für Karin Wenger immer wieder überwältigend. Sehr oft wollten sie Männer beschützen, manchmal fast zu sehr. Einmal war sie bei einer – offenbar speziell für sie inszenierten – Opiumfeld-Vernichtung dabei. Allerdings dauerte es unendliche Teerunden lang, bis der Termin dafür endlich feststand. Und auch dann sass sie noch drei Stunden auf einem Polizeiposten fest, bis es – endlich, endlich! - losging. Am Schluss der doch eher befremdlichen Aktion fragte der Polizeichef: «Und, reicht es jetzt für deinen Bericht?» Sie sei richtig beschämt gewesen, allein schon deshalb, weil durch eine solche Aktion arme Bauern ihre Existenz verlieren würden, dies ja oft ihre einzige Einnahmequelle sei.

Vorteil Frau

Beim Reisen in muslimischen Ländern kann es von grossem Vorteil sein, als Frau unterwegs zu sein, denn Frauen dürfen zu Frauen in deren intime Wohnräume, was familienfremden Männern verwehrt ist. Frauen werden kaum als Gefahr wahrgenommen. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Journalistin sehr nahe an die Lebenswirklichkeit dieser Menschen kommt. Meist ist diese jedoch für Männer und Frauen völlig unterschiedlich. Die Reportagen von Karin Wenger gehen deshalb auch ans Herz, berühren und haben so eine viel grössere Wirkung als eine einfache Schilderung der jeweiligen politischen Situation.

Erst berühmt und gefeiert, dann verfemt und verfolgt

Die wenigen Passagen, die Karin Wenger aus dem Buch „Verbotene Lieder“ mit ihrer ruhigen Stimme vorlas, zeigten das Porträt einer mutigen Frau, seit zehn Jahren von der Journalistin immer wieder kontaktiert. Das 167 Seiten starke Taschenbuch enthält die tragische Geschichte einer afghanischen Sängerin, die wegen ihrer Lieder ihre Heimat, ihren Mann und ihre Lebensperspektive verlor. Der chaotische Abzug der amerikanischen Einheiten aus dem Land und die Rückkehr der Taliban haben gerade den Frauen schwere Einbussen in der Bewegungs- und Handlungsfreiheit eingebracht.

War Afghanistan in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts noch ein Sehnsuchtsort für viele Menschen, die überwältigende Bergwelt ein Kraftplatz und das Leben in Kabul elektrisierend, so hat sich das durch die rigide Politik der Taliban ins Gegenteil verkehrt. Mina war eine richtige Berühmtheit, kannte das Leben in Freiheit. Mit ihren Liedern wollte sie eine Art «Jihad» auslösen, einen Mentalitätswandel. Plötzlich wird sie in ihrem eigenen Land bedroht, möchte mit ihrem Mann flüchten, was ihr allerdings erst nicht gelingt. Ein Bruder lebt in der Schweiz. Wenger versuchte ihr mit einem Härtefallgesuch für einen Aufenthalt in der Schweiz zu helfen – keine Chance: Die Frau lebt jetzt irgendwo – und illegal - in Istanbul. Minas Geschichte steht als Sinnbild für das Leben ganz vieler afghanischer Frauen, berührt und beschämt gleichzeitig.

Berichterstattung gerade in Diktaturen wichtig

Karin Wenger betonte, wie wichtig es gerade für Menschen in Ländern mit eingeschränkter Redefreiheit sei, dass Andere für sie sprächen. Ganz besonders berührt hat sie das Leid der Hundertausenden – sie nannte die Zahl 700’000 - aus Myanmar vertriebenen Rohingyas, die in unvorstellbar prekären Verhältnissen in Bangladesh – selber schon bitterarm – völlig ohne Perspektive und staatenlos dahinvegetieren. Es ist unfassbar, was dort geschehen ist und noch immer geschieht. Und auch hier sind es vor allem skrupellose Schlepper, die an diesem Leid verdienen.

Und die persönliche Befindlichkeit?

Urs Heinz Aerni fragte Karin Wenger, wie sie sich denn selber schütze, damit ihr all das Leid, über das sie fast täglich berichte, nicht allzu sehr ans Herz gehe. Die Journalistin ist überzeugt, dass ihre Arbeit sinnvoll ist, den Menschen vor Ort eine Stimme und Würde und ihr selber deshalb auch etwas gibt. Objektivität im eigentlichen Sinne des Wortes gibt es laut Wenger nicht, da man auch als Journalistin immer mit einem kulturellen Rucksack, einem von der eigenen Gesellschaft geprägten Blick kommt. Als Ausgleich hört die Frau Musik und pflegt, soweit es ihre Zeit zulässt, den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen. 

Das Publikum war von den Ausführungen der jungen Frau sichtlich berührt und spendete herzlichen Applaus. Es kann gut sein, dass bei einem nächsten «Echo der Zeit» nun genauer hingehört wird, wenn Karin Wenger berichtet...

Am Sonntag, 15. Mai, wird die Journalistin auch in der Sendung «Persönlich» von SRF 1 zu hören sein, zusammen mit dem bekannten Harfenisten Andreas Vollenweider, um 10:00 am Radio, nachmittags um 16:00 Uhr am TV auf SF 1 und zu jeder Zeit online auf der Homepage von SRF. Moderator ist Dani Forler. Persönlich - Audio & Podcasts - SRF 

Karin Wenger hat alle Fotos aus ihrem Tätigkeitsgebiet zur Verfügung gestellt und dazu Informationen geliefert, ein Sonderservice erster Klasse!

Nächster Anlass in der Bibliothek: Dienstag, 24. Mai 2022 ab 19.00 Uhr in der Bibliothek Uzwil, Bahnhofstrasse 83a: «Die Caran d’Ache-Saga», verfasst von Ralph Brühwiler – wie immer mit Apéro...