Wie viele Kebab-Restaurants können auf 5000 Quadratmeter nebeneinander existieren? Drei sind eindeutig zu viel, sagt Vedat Arda vom «Vedo Bistro» an der Hubstrasse. Seit 2011 betreiben er und seine Frau das Restaurant im Gebäude mit der markanten Holz-Backstein-Fassade. Zwischen der Konkurrenz in der Bahnhofsunterführung und beim Bergholz war das «Vedo Bistro» lange Zeit das einzige Kebab-Restaurant im Bereich Säntisstrasse/Hubstrasse.

Doch das hat sich in den letzten Monaten drastisch verändert. Zuerst öffnete vor ein paar Monaten nur 130 Meter Fussweg vom «Vedo Bistro» entfernt das Lokal «Säntis Kebab Pizzeria» an der Säntisstrasse. Am 8. Juni war Wiedereröffnung nach Corona, über Mittag gab es gratis Kebab. Seit zwei Wochen hat Arda nun noch nähere Konkurrenz – Konkurrenz in direkter Nachbarschaft. Gegenüber der Post öffnete vor zwei Wochen «Railside Burger & Kebab», das es auch am Frauenfelder Bahnhof gibt, zum Testlauf. Am Mittwoch war nun grosse Eröffnung.

Gegenseitig Strafverfahren pendent

Arda ist nicht gut zu sprechen auf die zugezogene Konkurrenz. «Das versaut mir das Geschäft», sagt er am Stehtisch vor seinem Bistro. In den zwei Wochen, in denen das «Railside» jetzt offen ist, sei sein Umsatz merklich zurückgegangen. Und das nach Corona. Arda: «Wir sind ein Familienbetrieb, unsere Existenz hängt an diesem Restaurant.» 

An einem Abend in den letzten Wochen machte der Dienstälteste am Platz seiner Wut Luft. Arda schildert es so: Weil ihn der Inhaber des «Railside» beim Betreten seines Lagers wiederholt provoziert habe, sei es zum Streit gekommen. Der Nachbar habe ihn gefilmt und angezeigt, unter anderem wegen massiven Drohungen. Letzteres bestreitet Arda, der seinerseits an die Polizei gelangt ist. In der Version des «Railside»-Chefs Özgür Şimşek verlief der Streit anders: Arda sei zu ihm rübergekommen, habe ihn beschimpft und bedroht. Die St. Galler Staatsanwaltschaft bestätigt, dass gegenseitige Strafverfahren pendent sind.

«Railside» will expandieren

Knapp 40 Meter weiter wiegen rote und weisse Ballons im Wind. Kunden verlassen das «Railside» mit frischen Dürüms und Bechern mit schäumendem Ayran in der Hand. Beides zusammen gibt es zur Eröffnung für zwei Franken. Auf der Terrasse im Schatten bittet Özgür Şimşek zum frisch gezapften Joghurtdrink, der neben dem Eingang in einer transparenten Mischmaschine schäumt. Vor der Terrasse steht ein militärgrüner Dodge mit «Railside»-Aufschrift, Şimşeks Privatauto. 

Schnell wird klar: In den benachbarten Kebab-Restaurants prallen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite der eingesessene Quartier-Döner, auf der anderen Seite das Social-Media-affine Gastro-Start-Up. Eine Holzwand verdeckt die Sicht rüber zum «Vedo Bistro», er habe sie eigens dafür aufgestellt, sagt Şimşek. Er will «Railside» zu einer kleinen Kette machen. Das Konzept: Kebab und andere Snacks aus hochwertigen Zutaten in Gleisnähe und Restaurant-Atmosphäre. So finden sich auf der Karte auch Pizza und französische Tacos. Das laufe in Frauenfeld, wo sich das Mutterbistro befindet, seit zwei Jahren so gut, dass er nun «grösser werden» wolle.

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Bei der Eröffnung des «Railside» am Mittwoch gab es Kebab und frisch zubereiteten Ayran für lau. 

Anders als viele Kebab-Verkäufer, denen es reiche, wenn sie sich selbst Ende Monat einen Lohn zahlen könnten, wolle er mit Kebab Geld verdienen, sagt Şimşek, der an beiden Standorten mehrere Angestellte beschäftigt. Mit dem Bahnhof, dem Stihl-Werk und der Kanti in der Nähe habe er genügend Potential gesehen, um im Wiler Südquartier einen zweiten Standort aufzubauen, sagt Şimşek. 

Ihm gehe es darum, Kebab aus der Fast-Food-Ecke zu holen, sagt Şimşek, der schon in der Türkei, im Kanton Obwalden und in Schaffhausen Kebab verkauft hat. Als Vorbild nennt er eine Zürcher Kette, bei der man auch einen 100 Franken teuren Kobe-Rind-Kebab bekommt. Neben der Karte, mit der er sich abheben will, sei auch die Aufmachung entscheidend. Er zeigt auf die Holztische im rustikalen Stil im Innenraum: «Die habe ich selber designt.» Auf die Frage, ob er den Unmut des Nachbarn verstehe, antwortet Şimşek nur, für ihn sei letztlich wichtig, dass die Kunden zufrieden seien.

Der «Vedo»-Wirt wünscht sich besseren Schutz

40 Meter weiter Richtung Kanti ist Arda überzeugt, dass die Unterschiede zwischen Kebab-Restaurants dieser Grösse zu klein seien, als dass mehrere so nah an einander vorbeikommen könnten. Auch im «Vedo Bistro» würden nur frische Zutaten verwendet, zudem gibt es hausgemachtes Pide-Brot. Er sieht ein grundsätzliches Problem. Es sei ihm klar, dass auch in der Gastronomie die Prinzipien des freien Markts gelten, sagt Arda. Er würde sich aber trotzdem wünschen, dass die Stadt bei Baubewilligungen das bestehende Gewerbe besser schützt. Zwei Kebab-Restaurants innerhalb 40 Metern hält er in einer Kleinstadt wie Wil mit ohnehin schon hoher Döner-Dichte für planerischen Unsinn. Angst habe er keine, sagt Arda, er habe eine solide Stammkundschaft und sei im Quartier verankert. Er sagt aber auch: «Beide Restaurants können hier nicht überleben.»