Die Micarna möchte mehr Poulet-Fleisch produzieren, um die stetig steigende Nachfrage besser decken zu können – und braucht dafür mehr Platz. In diesem Zusammenhang wurde in den vergangenen Jahren ein Vorprojekt für einen zweiten Schlacht- und Verarbeitungsbetriebes durchgeführt. Unweit des Bahnhofs Lütisburg Station war ein Neubau in Planung, an dem zehn Millionen Tiere pro Jahr hätten geschlachtet werden sollen. 200 neue Arbeitsplätze waren vorgesehen und mit den Landbesitzern bestand bereits Konsens.

Doch nun ist alles anders: «Die Evaluations- und Analysephase hat ergeben, dass dem Neubau des aktuellen Verarbeitungsbetriebes in Courtepin im Kanton Fribourg eine höhere Priorität zugeschrieben werden muss als einem zweiten Geflügelbetrieb an einem neuen Standort. Als Teil der M-Industrie steht die Micarna zudem in Abhängigkeit zur gesamten Migros-Gruppe», lässt Unternehmensleiter Albert Baumann am Mittwochvormittag verlauten.

Doch was hat dagegen gesprochen, sowohl einen Standort in der Ostschweiz zu bauen, als auch einen in der Westschweiz? Im Video-Interview geht Unternehmensleiter Baumann auf diese Frage ein. 

 
Albert Baumann, Unternehmensleiter Micarna, nimmt Stellung zum Entscheid, dass in der Gemeinde Bütschwil-Ganterschwil nun doch kein Geflügel-Schlachthof gebaut wird. (Video: Magdalena Ceak)

Gemeinde bedauert den Entscheid

«Wir bedauern den Entscheid», sagt Karl Brändle, Gemeindepräsident Bütschwil-Ganterschwil, «es ist nun einmal ein unternehmerischer Entscheid, den wir natürlich akzeptieren müssen.» Ein zweiter Betrieb in der Gemeinde hätte zu einer weiteren wirtschaftlichen Belebung im Toggenburg geführt. Mit dem geplanten Schlachthof in Lütisburg Station wären rund 200 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. Und deshalb sei die Gemeinde Bütschwil-Ganterschwil auch etwas enttäuscht. «Es wäre auch eine grosse Chance für die regionale Landwirtschaft gewesen», meint Brändle auf Anfrage von hallowil.ch, «trotzdem wissen wir, dass es kein Entscheid gegen unsere Gemeinde ist.» Die Gespräche mit der Micarna und mit dem Kanton seien immer einvernehmlich und konstruktiv gewesen.

Nach Angaben von Gemeindepräsident Brändle habe die Gemeinde alle Rahmenbedingungen erfüllt, um ein solches Projekt realisieren zu können. Trotz des negativen Entscheids der Micarna sieht Brändle positiv in die Zukunft. Betrachte man die Lage des Lerchenfelds, das unmittelbar an der Hauptverkehrsachse durch das Toggenburg liege, erkenne man, dass dieses Gebiet für Neuansiedlungen von anderen Unternehmen hervorragend sei. «Der Verzicht der Micarna bietet nun eine Chance für andere Betriebe», sagt Brändle.

Entschädigung für die Landbesitzer

Nicht nur die Gemeinde Bütschwil-Ganterschwil wurde bereits über den Entscheid, dass künftig keine zehn Millionen Tiere in Bütschwil-Ganterschwil verarbeitet werden, informiert – sondern auch die Landbesitzer. Schliesslich war man sich mit diesen einig, in Lütisburg Station einen grossen Geflügel-Schlachthof zu bauen. Auch Baurechtsveträge waren bereits unter Dach und Fach. «Mit den Landbesitzern haben wir Kaufrechte abgeschlossen, die nun normal auslaufen werden», informiert Robert Jaquet, Leiter Standortevaluation ATV Ost, im Rahmen einer Pressekonferenz. Und: «Wie üblich bei Kaufrechtsverträgen werden die betroffenen Landbesitzer für die verbindliche Reservation finanziell entschädigt.» 

Bütschwil ist noch nicht ganz vom Tisch

Die strategische Ausrichtung der M-Industrie sowie die höhere Dringlichkeit des Neubaus in der Westschweiz hätten dazu geführt, dass die Micarna das Projekt ATV Ost in der Gemeinde Bütschwil-Ganterschwil momentan nicht weiterverfolgen wird. «Wir schliessen nicht aus, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Betrieb bauen, mussten aber erkennen, dass wir uns zuerst auf einen Neubau des bestehenden Betriebes in der Westschweiz konzentrieren müssen», so Baumann.

Während der Pressekonferenz betont Unternehmensleiter Baumann, dass dieser Entscheid nichts an der Bedeutung der Ostschweiz für das Gesamtunternehmen Micarna ändert. «Die Micarna ist seit über einem halben Jahrhundert mit der Ostschweiz verbunden und hat auch in Zukunft nicht vor, an der regionalen Zugehörigkeit etwas zu ändern.»

Durch den Neubau des ATV West könne die Verarbeitungskapazität erhöht werden, womit die Micarna der wachsenden Nachfrage nach Schweizer Geflügel in den kommenden Jahren gerecht werde, so das Unternehmen. (pd/red/mac)

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«Wir mussten erkennen, dass wir uns zuerst auf einen Neubau des bestehenden Betriebes in der Westschweiz konzentrieren müssen», sagt Micarna-Unternehmensleiter Albert Baumann.