Frau Rüdiger, am 8. März wurde der Internationale der Tag der Frau begangen, glauben Sie, dass es in der Schweiz noch immer Verbesserungsbedarf in der gesellschaftlichen Stellung von Frauen gibt?

Ich bin der Meinung, dass die gesellschaftliche Stellung in der Schweiz den Frauen sehr viele Möglichkeiten gibt, sich zu entfalten. Ich finde es nicht gut, wenn der Staat in die verschiedensten gesellschaftlichen Belange hineinregiert und Unterstützung anbietet. Das geht notgedrungen mit mehr Abhängigkeit vom Staat einher und dabei ist mir nicht wohl. Mir ist es wesentlich sympathischer, wenn wir auf Eigenverantwortung setzen, sowohl Männer als auch Frauen.

Woran denken Sie konkret?

Mit den Kitas und Tagesstrukturen bietet der Staat genügend Unterstützung für Frauen in prekären Situationen an. Das ist sehr gut und nützlich, sollte aber nicht überstrapaziert werden. Verbesserungsbedarf gibt es selbstverständlich immer, aber von der individuellen Warte aus betrachtet. Jede Person kann ihre Situation optimieren, wenn sie das möchte. Speziell in der Schweiz haben auch wir Frauen da sehr viele Möglichkeiten. Das Bildungssystem steht uns offen. Auch in der Arbeitswelt sind wir gefragt und setzen uns konstruktiv ein.

Was müsste Ihrer Meinung nach gesellschaftlich unternommen werden, um die Situation von Frauen zu verbessern?

Ich fühle ich als Frau diskriminiert, wenn der Staat mir beispielsweise als Quotenfrau unter die Arme greifen möchte. Ich möchte als gleichwertig anerkannt sein. Mir gefällt dieser biologistische Ansatz überhaupt nicht, der von einem Geschlechterunterschied ausgeht. Ich will für meine Leistung belohnt werden und nicht, weil ich Frau bin.

Können Sie dies etwas ausführen?

Es ist nun einmal so, dass die Frauen diejenigen sind, die schwanger werden und das Kind zur Welt bringen. Und die Entwicklungspsychologie zeigt uns zweifelsfrei, dass es für das Kind in den ersten zwei Jahren sehr wichtig ist, eine sichere Bindung zur Mutter aufbauen zu können. Diese Aufgabe kann notfalls auch der Vater übernehmen, aber dann konsequent. Das splitten zu wollen, ist keine gute Idee. Und auch Kinder in Kitas bringen zu wollen, bevor sie 2 Jahre alt sind, wird von Pädiatern, Psychologen und Pädagogen als sehr heikel beurteilt. Eine sichere Bindung ist die Grundlage für Lernfähigkeit und das wiederum ist die Voraussetzung für ein gelungenes Leben. Mit anderen Worten: Es ist sinnvoll, wenn die Mutter mindestens in den ersten beiden Jahren beim Kind bleibt. Das ist natürlich auf dem Arbeitsmarkt ein Nachteil, aber mit unserer Geschlechterrolle zwingend verbunden.

Gab es in Ihrem Leben Situationen, in denen Sie sich als Frau diskriminiert gefühlt haben?

Nein, ich kann mich nicht erinnern, dass ich als Frau benachteiligt wurde. Ich habe weder in der Schule noch an der Universität, noch am Arbeitsplatz irgendetwas als diskriminierend erlebt. Vielleicht habe ich mit zwei älteren Brüdern es aber speziell gut gelernt, mich in der Männerwelt durchzusetzen.

Engagieren Sie sich persönlich in irgendeiner Weise für die Situation von Frauen?

Während dem Studium war ich sehr aktiv in der Frauenbewegung. Ich habe an der Gründung eines Frauenhauses mitgewirkt. Dort haben wir misshandelte Frauen betreut. Ich habe mich auch sonst im Frauenkomitee stark mit Frauenthemen auseinandergesetzt. Ich musste aber feststellen, dass auch bei uns Frauen sich sehr schnell hierarchische Strukturen herauskristallisiert haben, wie man sie zur Genüge aus politischen Parteien kennt. Auch bei uns im Frauenkomitee gab es die Frauen, die den Kaffee kochen wollten, und solche, die die Thesenpapiere ausformuliert haben. Da haben Sie genau die gleiche Hierarchisierung – einfach unter Frauen.

Zur Person:

Dr. Christina Rüdiger besuchte das Gymnasium hat anschliessend studiert und mit Promotion abgeschlossen. Anschliessend unterrichtete sie am Gymnasium Deutsch und Psychologie. Seit Sommer 2020 ist sie pensioniert und politisiert nun neu im Parlament in Wil in der Fraktion der SVP. Zusammen mit ihrem Mann hat sie zwei erwachsene Kinder.