Vier Altarbaufirmen hatten einst ihren Sitz in Wil, dies ist Schweizer Rekord. Besonders bekannt und erfolgreich war das im Jahr 1840 gegründete Unternehmen der Gebrüder Müller. Es bestand als Familienunternehmen 100 Jahre lang und führte Aufträge für rund 200 Kirchen in der Schweiz aus – dazu zählt auch die Kathedrale in Fribourg.

Von 1868 bis 1930 war auch der Altarbaubetrieb Holenstein aktiv. Er wurde zwei Generationen lang geführt. Sein  Standort war am Bleichplatz. Im Jahr 1892 nahmen in Wil eine Firma für kirchliche Dekorations- und Kirchenmalerei ihre Geschäftstätigkeit auf. Ihr Gründer war der aus Süddeutschland eingewanderte Carl Glauner. Sein gleichnamiger Sohn ist als Kunstmaler unvergessen geblieben. Allerdings schrieb er sich mit K.

Die Werkstatt von Glauner senior wurde später von neuen Inhabern unter dem Namen Marmon und Blank weitergeführt. Auch sie stammten aus Süddeutschland. Der in Chile lebende Wiler Künstler Urban Blank ist ein Nachkomme des einen Firmeninhabers. Wo heute der Coop City seine Kunden empfängt, war einst der Standort des väterlichen Betriebs.

Schweiz wird neu geordnet

Wie kam es, dass sich Wil zu einem Zentrum des Altarbaus entwickelte? Im Zuge der französischen Revolution besetzten französische Truppen ab 1798 auch Teile der Schweiz. Sie fegten die bisherige gesellschaftliche und politische Struktur weg. Und sie brachten neue Perspektiven ins Land: Es gibt keine Menschen mit Sonderrechten und Privilegien, alle Menschen haben die gleichen Möglichkeiten zu einem Leben in Freiheit und Würde. Der Bildung und die Wissenschaft wird eine erhöhte Bedeutung zugemessen. Wissen ist Allgemeingut und nicht mehr das Vorrecht bestimmter Gruppen. Das korrekte Denken ist möglichst vernunftbezogen. Der Mensch soll sich seines Verstandes bedienen und selber über sein Leben bestimmen und sich nicht bevormunden lassen.

Gleichzeitig hatte auch eine gegenteilige Sichtweise ihre Anhänger, sie forderte eine Rückbesinnung des Menschen auf die Verbindung zur Natur und betonte seine gefühlshafte Seite. Nach ihrer Meinung, habe der Mensch einst in einer natürlichen Ordnung und Hierarchie gelebt, zu dieser müsse er wieder zurückfinden.

In dieser Phase der Landesgeschichte prallten fortschrittlich auf konservativ Orientierte aufeinander, oder anders ausgedrückt: Aufbruch und Fortschritt gegen Rückbesinnung und Konservativismus. Dabei ging es auch um die Machtverteilung zwischen Kirche und Staat.

Bürgertum gewann an Einfluss

Das 19. Jahrhundert war insgesamt eine Zeitenwende in der Ordnung der Gesellschaft. In ihm breiteten sich auch die Industrie und die Eisenbahn aus. Viele Menschen, die die Landwirtschaft bisher ernährt hatte, fanden in den Fabriken eine neue Existenz. Auch Elektrizität und Telegrafie wurde zunehmend bedeutsamer.

Tüchtige Menschen konnten es damals zu Wohlstand und zu Ansehen bringen. Auch ohne adlige Herkunft konnte man in die Oberschicht aufsteigen. Das Bürgertum wurde zu einer wichtigen gesellschaftliche Klasse, die in der Politik an Einfluss gewann. Andererseits lebten Hilfskräfte in der Textilindustrie zum Teil in ärmlichen Verhältnissen. 


Rückbesinnung auf die Antike

All diese widerstrebenden Verwerfungen schlugen sich auch in der Kultur und den künstlerischen Darstellungen nieder. Bei der äusseren und der inneren Gestaltung von Bauwerken setzte die eine Zeitströmung auf klare Formen mit wenigen Verzierungen. Ihre Vorbilder fanden sie vor allem in der Antike und in der Renaissance. In jenen Jahren wurden archäologische Funde gemacht, die dem Thema zu besonderer Aufmerksamkeit verhalfen.

Eine andere Seite fand ihre Orientierung im Mittelalter. Damals habe der Mensch in einer natürlichen Gesellschaftsordnung gelebt, lautete ihre Sichtweise. In ihrer Perspektive spielte das Mythische eine wichtige Rolle. Die Musik von Richard Wagner sowie das Schloss Neuschwanstein sind besonders bekannte Beispiele dieser gestalterischen Richtung. Weil ihre Bauwerke an mittelalterliche Kathedralen erinnern, wird dieser Stil als Neugotik bezeichnet.

Klare Formen oder viele Verzierungen

In diesem gesellschaftlichen Spannungsfeld arbeiteten damals auch die Kirchenausstatter bei der Formgebung von Kanzeln, Altären, Beichtstühlen sowie bei Holzverkleidungen von Orgeln, sogenannten Orgelprospekte.

In den einen Gotteshäusern waren eher nüchterne an der Antike und an der Geometrie orientierte klare Formen erwünscht, bei anderen herrschten dagegen gotische Schnörkel sowie Statuen vor. Die Werkstatt der Gebrüder Müller erarbeiteten sich einen Ruf als Schöpfer der «Wiler Gotik», weil sich ihre Auftragsausführungen sehr an gotischen Formvorbildern orientierten. In den politischen und gesellschaftlichen Wirren im Land waren zahlreiche Kirchen im Unterhalt vernachlässigt worden. Daraus resultierten zahlreiche Aufträge für die Wiler Altarbauer.