An den beiden Esstischen wird geplappert. Es ist Punkt elf Uhr vormittags. Im überschaubaren Esszimmer der Kindertagesstätte (Kita) Süd an der St. Gallerstrasse in Wil ist es nicht laut, aber es herrscht ein buntes Treiben. Der 18-Monate alte Enio* sitzt ruhig auf einem Hochstuhl und wartet geduldig auf den Zmittag. Der kleine elf Monate alte Ben* weint in seinem Hochstuhl, während ihm Erzieherin Janine Püntener ein Lätzchen um den Hals bindet. Er hat Hunger, kann das Mittagessen kaum noch abwarten. Robin* und Leon* krabbeln durch die quadratischen Löcher in der Wand, die zum Esszimmer führen. Sie gehen direkt zum Regal und holen sich je einen Teller und eine Gabel, die sie auf dem Tisch vor sich hinstellen. Köchin Jdda Martinez steht noch am Herd und rührt die Menüs in den beiden Pfannen. An diesem Tag gibt es grünen Salat, Rissotto Gnocchi mit Tomatensauce. «Ich möchte keinen Salat», ruft die kleine Noemi* aus. Eine Erzieherin streichelt ihr über den Kopf und meint mit ruhiger Stimme: «Dann musst du auch keinen essen, iss was du magst.» Während die Babys und Kleinkinder bis zwei Jahren zuerst das Mittagessen bekommen, spielen die älteren Kinder an der Verkaufstheke, die im Flur der Kita steht. «Weil die Kleinen gegen 12 Uhr einen Mittagsschlaf machen, bekommen sie als erstes das Mittagessen», sagt die verantwortliche Kita-Leiterin und blickt in die Runde. 

Seit 34 Jahren leitet Edith Götz die beiden Wiler Kitas Süd und Nord. Und die Kita-Leiterin findet, dass es in der Schweiz grosse Unterschiede zwischen einzelnen Kitas gibt. «Das beginnt beispielsweise bei der Hülle einer Kita», erzählt Götz, «leider hat nicht jede Kita die Möglichkeit kindergerecht zu bauen». Die beiden Kitas der Stiftung Kindertagesstätten Wil seien daher in einer glücklichen Lage: Der Standort Süd konnte im Jahr 2016 durch einen Neubau ersetzt werden und im 2012 wurde die Kita Nord eröffnet. «So konnten wir alles auf Augenhöhe der Kinder bauen», sagt Götz sichtlich stolz. Das sei wichtig und gehöre zur Strategie der beiden Kitas. Schliesslich solle die Selbständigkeit der Kinder gefördert werden. Sogar das kleinste Kind soll den Erzieherinnen zeigen können, was es möchte, was es interessiert und beschäftigt. «Wir möchten nicht nur von morgens bis abends auf die Kinder aufpassen», sagt Götz «nein, wir sehen uns als Bildungsinstitut». Die grossen Unterschiede zwischen den Kitas kommen daher, weil nicht alle die gleiche finanzielle Absicherung haben. So stehe hier die gezielte Förderung eines jeden Kindes im Mittelpunkt. «Eine Kita ist nichts anderes als ein Gasthaus, das sich nach den Bedürfnissen der Kinder ausrichtet, erklärt Götz weiter. 

Dieses Konzept spricht für die beiden Wiler Kitas: Seit dem Jahr 2013 sind die beiden Standorte mit dem nationalen Label «Quali Kita» ausgezeichnet. Dieses Label wurde als nationaler Standard festgelegt und bewertet Schweizer Kitas in ihrer pädagogischen und betrieblichen Qualität. «Wir haben in allen acht Qualitätsbereichen, die bewertet werden, 100 Prozent erreicht», so Götz. 

 
Im Video erklärt Edith Götz, Lietung Kita Süd und Nord in Wil, wie man das Label «Quali Kita» bekommt. (Video: Magdalena Ceak)

Altersdurchmischte Gruppen

Im Gruppenraum im ersten Obergeschoss schreien zwei Kinder auf. Erzieherin Patricia Roth, die gerade mit Ben* auf dem Boden mit einem Xylophone spielt, steht auf. Sie fragt, was passiert sei und warum herumgeschrien werde. «Maja hat uns geschlagen, weil wir auch mit der Magnetwand spielen wollen», antwortet der dreijährige Pepe* direkt. Die Erzieherin nimmt Maja bei der Hand und verlässt für einen kurzen Moment den Raum. Roth geht auf Augenhöhe des zweijährigen Mädchens und fragt sie mit einer netten Stimme: «Warum hast du das getan?» Sie erklärt dem Mädchen, dass dies nicht in Ordnung ist und dass sie es auch nicht mag, wenn andere sie schlagen. Das Mädchen nickt kurz und rennt dann wieder ins Spielzimmer, wo Kindertische und -stühle mit Bastelluntensilien stehen, eine Bücherecke zum Kuscheln einlädt, wo ein paar Jungs mit Autos spielen und wo eine Babywippe an der Decke hängt. Maja entscheidet sich, mit den Bauklötzchen zu spielen und einen Turm zu bauen. 

«Uns liegt es am Herzen, dass unsere Gruppen durchmischt sind», betont Götz. Altersdurchmischt, meint die Kita-Leiterin. So wären in einer Gruppe nur wenige Monate alte Babys über einjährige Babys, zwei- bis dreijährige Kleinkinder bis hin zu Kindern im Kindergartenalter. Das sei wichtig. Für die Entwicklung jedes einzelnen Kindes, für die Lernförderung brauchen Kinder andere Kinder und ein Umfeld wo sie eine grosse Facette an Möglichkeiten haben, weiss Götz. Hier werde viel Wert auf eine gute soziale Durchmischung geachtet. Wegen den beiden geographischen Lagen sei dies aber nicht immer möglich, wie sich die Kita-Leitung das wünscht. Vergangenes Jahr ist zudem ein sogenanntes Kita-Plus-Kind in der Kita Nord aufgenommen worden. Kita-Plus Kinder sind Kinder mit einem erhöhten Betreuungsaufwand zum Beispiel weil es eine Behinderung hat. «Im Alltag ist das für das Kind, Eltern und uns eine Bereicherung», ist Götz überzeugt. 

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In der Kita bekommen Kinder nicht nur eine liebevolle Betreuung, die sie fördert, sondern auch drei Mahlzeiten pro Tag. (Symbolbilder Magdalena Ceak)

Auf die Frage, ob Schweizer Kitas zu teuer sind, hat die Kita-Leiterin eine klare Meinung. «Ja», sagt sie, «aus der Sicht der Eltern ist die Betreuung in einer Kita teuer». Auch wenn die Stadt Wil den Eltern einen subventionierten Tarif, der sich nach dem Nettoeinkommen rechnet, in der Kita anbiete. Aber aus der Sicht der Kita ist der Tarif nur knapp kostendeckend. Mit einem Stundenansatz von weniger als neun Franken pro Betreuungsstunden ist es ein Balanceakt, erklärt sie. Und das sei sehr wenig, wenn man die kantonale Auflagen, den Betreuungsschlüssel und eine gute Qualität über den ganzen Tag, inklusive drei Mahlzeiten, einrechne. Laut Götz müssten Kindertagesstätten wie die Schule organisiert und subventioniert sein, damit alle zufrieden seien.

Eine Herzensangelegenheit

Die fünfährige Carla* steht im Flur und beobachtet ihre Spielkameraden. «Ich komme bald in den Kindergarten», sagt das kleine Mädchen mit den blonden langen Haaren. Sichtlich stolz und aufgeregt fiebert sie diesem Meilenstein entgegen. Sie wickelt ihre blonde Mähne um ihren Zeigefinger und führt zu ihrem Plätzchen, wo ihre Jacke, ihr Rucksack und ihre Schuhe sind und zeigt ihre persönlichen Sachen, die sie in die Kita mitgenommen hat. «Seit ich so klein bin», sagt das Mädchen und streckt ihre Hände etwas mehr als einen halben Meter auseinander, «komme ich hierher». Kita-Leiterin Götz kommt in diesem Augenblick vorbei und guckt das Mädchen leicht wehmütig an. «Ja und du wirst uns sehr fehlen», sagt sie und umarmt das Mädchen. Carla* horcht auf und meint: «Ja, dafür bekommt ein anderes liebes Kind meinen Platz». 

Götz erklärt, dass es normal sei, dass man zu Kita-Kindern eine emotionale Bindung aufbaut. «Einige kommen mit drei Monaten zu uns und bleiben bis sie in den Kindergarten kommen – und in diesen ersten Jahren entwickeln sich Kinder unglaublich», sagt sie. Kinder auf all den Meilensteinen zu begleiten, «ist eine Herzensangelegenheit». Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, ein Kind zur Fremdbetreuung in die Kita zu geben? «Den richtigen Zeitpunkt gibt es so nicht», sagt Götz. Das sei von Familie zu Familie, von Kind zu Kind unterschiedlich. «Die Gründe, warum und wann Kinder zu uns gebracht werden, sind sehr verschieden und immer für die Familie wichtig und richtig. 

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«Eine Herzensangelegenheit»: In der Kita werden Kinder begleitet – mit all den Meilensteinen in ihrer Entwicklung. 


Die Stärken und Schwächen kennen

Bunte Buchstaben hängen an jeder einzelnen Türe. So auch an der, die gleich links des Flures zum Eingang steht. Badezimmer. Ein Schritt in diesen Raum und schon wird man von mehreren Kleinkindern verfolgt. So, als hätte das Badezimmer eine besondere Anziehungskraft. Ganz rechts an der Wand stehen bunte Becher. Jeder einzelnen ist mit einem Namen angeschrieben. Und jeder Becher besitzt eine Zahnbürste. Die drei Waschbecken stehen in drei verschiedenen Höhen – egal, welche Körpergrösse, die Kita-Kinder sollen möglichst selbständig sein. Auch der Wickeltisch ist kinderfreundlich. So kann jedes Kind, das alleine laufen kann, mit Hilfe von einer Treppe allein auf die Wickelkommode klettern. 

«Wir trauen den Kindern, die bei uns sind, alles zu», sagt Götz. «Und deshalb sollen sich auch alleine die Zahnbürste nehmen, sich waschen und auf die Toilette gehen können». Eine Regel würden auch die Betreuerinnen verfolgen: Ein Kind in der Kita muss nicht, es darf. Sie würden viel mehr eine bewusste Förderung ihrer Stärken brauchen. Und deshalb bekomme jedes Kind beim Eintritt in die Kita ein Portfolio mit der persönlichen Lerngeschichte, in dem sein Alltag und seine Entwicklung dokumentiert werden. «Dieses Dossier dürfen die Kinder und die Eltern jederzeit anschauen und beim Kita-Austritt mitnehmen.» Eine wunderschöne Erinnerung. 

*Namen von der Redaktion geändert.

In der Serie «Kita im Fokus» ist bisher noch dieser Artikel erschienen: 

- Teil 1: Ein Porträt über eine Mama, die nicht beide Kinder in die Kita schickt.