Die Jugendlichen von Rickenbach und Wilen können sich auch weiterhin im Jugendraum innerhalb des Sekundarschulzentrums Ägelsee in Wilen treffen, sobald die Restriktionen wegen dem Coronavirus gelockert werden. Das haben die erwachsenen Stimmbürger am Sonntag an der Urne entschieden. Gefragt wurde in beiden Gemeinden, ob der provisorische und seit dem Jahr 2017 bestehende Betrieb in einen definitiven umgewandelt werden soll. Dafür nötig ist ein Netto-Beitrag von 55'000 Franken pro Gemeinde und Jahr.

In beiden Gemeinden sagten die Stimmbürger am Sonntag klar ja: In Rickenbach genügten 188 positive Bekundungen, um eine 70-Prozent-Zustimmung zu erlangen. 71 Personen sprachen sich gegen eine Weiterführung aus. Die Stimmbeteiligung lag bei mageren 18,5 Prozent. In Wilen war die Zustimmung noch deutlicher. Auf 347 der 430 Stimmzetteln stand ein «Ja», nur auf deren 74 ein Nein. Dies entspricht einer Zustimmung von gut 80 Prozent.

Weg Mühle-Dorfzentrum kommt

In den beiden Gemeinden waren noch andere Dinge an der Urne zu befinden, da dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie auf eine Gemeindeversammlung hatte verzichtet werden müssen. Zuerst Rickenbach: Der Jahresabschluss mit einem Gewinn von knapp 210'000 Franken wurde mit 244 zu 10 Stimmen angenommen. Die Zustimmung belief sich also auf rund 93 Prozent. Auch das Budget für 2020 mit dem gleichbleibenden Steuerfuss von 51 Prozent wurde klar gutgeheissen. 243 Personen waren dafür, 19 dagegen. Auch hier gab es über 90 Prozent Zustimmung.

Etwas umstrittener war ein Kredit von 330’000 Franken (Gemeindeanteil) für die Erstellung einer Fusswegverbindung von der Mühle ins Dorfzentrum. Mit 191 zu 67 wurde aber auch diese Vorlage klar angenommen – und zwar mit einer Zustimmung von rund 71 Prozent. Das revidierte Benützungsreglement für den Mehrzwecksaal wurde mit 222:34-Bekundungen durchgewinkt, was einer Zustimmung von gut 83 Prozent entspricht. Und die revidierte Gemeindeordnung ist mit 203 zu 40 Stimmen gutgeheissen worden (gut 77 Prozent Zustimmung). Bei allen sechs Vorlagen lag die Stimmbeteiligung zwischen 18 und 19 Prozent.

Wilen investiert in den Umweltschutz

Auch lauter Zustimmung gab es in Wilen. Der Jahresgewinn der Politischen Gemeinde von rund 50'000 Franken wurde mit 378:26-Stimmen gutgeheissen. Die Zustimmung belief sich auf knapp 90 Prozent. Auch der gleichbleibende Steuerfuss von 42 Prozent wurde angenommen, und zwar mit 382:25-Stimmen, was einem Ja-Anteil von 90 Prozent entspricht. Ebenfalls gutgeheissen wurde ein Reglement zur rationalen und sparsamen Energieverwendung und zum Schutz der Umwelt. Dies mit 334:66-Stimmen und einer Ja-Bekundung von ziemlich genau 80 Prozent. Die Gemeinde wird nun wie andere Thurgauer Gemeinden der Region Wil 50 Prozent der vom Kanton Thurgau und dem Bund geleisteten Förderbeiträge leisten. 30'000 Franken kommen ins Budget des laufenden Jahres. Einem Reglement über die Nutzungsabgaben für die Verlegung von Leitungen und Kabeln in Gemeindestrassen und -wegen wurde ebenfalls zugestimmt. Und zwar mit 311:79-Stimmen, was einer Zustimmung von gut 75 Prozent entspricht.

Keine neue Grenzziehung der Primarschulen

Auch die Primarschulen hatten ihre Geschäfte an der Urne zu erledigen. In Rickenbach ging es unter anderem darum, ob die Schüler des Gebiets «Vogelherdweg» künftig in Wilen beschult werden sollen und nicht mehr in Rickenbach. Eine entsprechende Petition war eingereicht worden. Die Rickenbacher Primarschulbehörde sprach sich jedoch dafür aus, diese für nicht erheblich zu erklären – und kam mit einer Drei-Viertel-Mehrheit durch. 187 Personen unterstützten den Antrag der Schulbehörde, nur 60 jenen der Petitionäre.

Auch sonst gab es bei der Primarschule Rickenbach lauter «Ja». Die Schulbürger sprachen rund eine halbe Million Franken für Investitionen – oder zumindest Planungen dazu. Für 290'000 Franken kann nun die Fassade des «Schulhauses 1911» saniert, für 170'000 Franken ein neuer Spielplatz gebaut und für 32'000 Franken ein neues Schulhausareal geplant werden. Der Rechnungsabschluss mit einem Gewinn von rund 285'000 Franken und das Budget 2020 samt gleichbleibendem Steuerfuss von 54 Prozent wurden deutlich angenommen.

Ja, Ja und nochmals Ja

Bei der Primarschule Wilen wurde ein Projektierungskredit von 190'000 Franken für die Sanierung des Hauptgebäudes und die Umnutzung der Turnhalle mit grossem Mehr gutgeheissen. Jahresrechnung 2019, Budget 2020 und der Steuerfuss von 60 Prozent wurden ebenfalls positiv beurteilt. Auch bei der Sekundarschulgemeinde Rickenbach-Wilen gab es keine Opposition. Rechnung 2019, Budget 2020 und Steuerfuss von 30 Prozent waren unbestritten.

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Vor der Jugendtreff-Abstimmung (13.5.)

«Bei uns dürfen Jacken, Schuhe und so weiter auch mal auf dem Boden liegen», sagt Jugendarbeiterin Milena Kuster von der Jugendarbeit der beiden Gemeinden Rickenbach und Wilen. Die auf dem Boden liegenden Klamotten sind ein Sinnbild für den Freiraum, den der Jugendtreff Ägelsee Kindern ab der fünften Klasse und Jugendlichen bietet. «Bei uns dürfen die Jugendlichen sein, wie sie sind.»

Natürlich gebe es Regeln zu beachten, so seien beispielsweise Fluchtwege freizuhalten, auch wenn Kleider auf dem Boden landen. Türen dürfen nicht zugeknallt werden, sonst werden sie auch mal ausgehängt, erzählt die 28-jährige Jugendarbeiterin: «Wir sind immer im Dialog mit unseren Jugendlichen. Es ist wichtig, dass wir Transparenz und Klarheit schaffen, so nehmen sie die Regeln auch an.» Ausser, eben, bei der Türe im obersten Stock. Das habe auch nach mehrmaligem Hinweisen nicht geklappt. «In der Konsequenz haben wir die Tür einfach ausgehängt.» Am wichtigsten sei der respektvolle Umgang miteinander: «Es ist egal, woher jemand kommt, mit wem man befreundet ist, wir respektieren uns.»

«Wenn Licht brennt, sind wir hier»

Im März 2017 haben die beiden Gemeinden Rickenbach und Wilen einem dreijährigen Pilotprojekt zugestimmt, der Jugendtreff nahm im Herbst 2017 den Betrieb auf. Schon im Jahr 2018 habe man das Angebot für Kinder ab der fünften Klasse erweitert. Graffiti, Filmnacht und Weihnachtsmarkt: Die Aktivitäten, die der Jugendtreff Ägelsee anbietet, sind vielfältig. Man kann, muss aber nicht mitmachen. Man kann auch einfach vorbeikommen und Freunde treffen. Ohne Konsumationszwang, wie er etwa in Restaurants üblich ist.

Video-Talk: «Jugendliche orientieren sich immer weniger an der Familie»

 
Video: Mikhailo Zinchenko

Der Jugendtreff Ägelsee ist in der mehrstöckigen ehemaligen Hauswartwohnung direkt auf dem Sekschulareal in Wilen untergebracht. Das habe mehrere Vorteile: Zum einen werde es von den Jugendlichen sehr geschätzt, dass sie mehrere Stockwerke nutzen können. Das vermittle das Gefühl von einem zweiten Zuhause. Zum anderen sind die Kinder und Jugendlichen auch immer willkommen, auch ausserhalb der Öffnungszeiten. «Wenn Licht brennt und wir hier sind, haben wir ein offenes Ohr für sie.» Für Jugendarbeiterin Milena Kuster ist zudem die Nähe entscheidend: «Uns ist der direkte Kontakt sehr wichtig. So sind wir nahe an den Themen, den Fragen, den Problemen.»

Erwachsene bestimmen über Jugendtreff

Der Treff wird regelmässig gut besucht, und die beiden Jugendarbeiterinnen sind bekannt und beliebt. «Kürzlich spazierten wir durchs Dorf, als es plötzlich aus einem vorbeifahrenden Auto rief: 'Hoi Milena, hoi Noelle.' Ich bezweifle, dass man die Eltern so euphorisch im Dorf gegrüsst hätte.»

Im Sommer endet der Pilotversuch, die Weiterführung des Jugendtreffs hängt von den anstehenden Urnenabstimmungen am kommenden Sonntag ab. Diese gibt es anstelle der Gemeindeversammlungen, welche im März wegen dem Coronavirus abgesagt werden mussten. Nicht nur Milena Kuster wünscht sich, dass es mit dem Betrieb weitergeht: «Die Jugendlichen fragen: Was soll ich sonst tun, wenn der Treff geschlossen wird?» Das Bizarre an der Situation: Erwachsene stimmen über ein Thema ab, das sie nicht direkt betrifft. Und diejenigen, die direkt davon betroffen sind, dürfen nicht mitstimmen. «So machen wir die Jugendlichen darauf aufmerksam, dass sie sich in ihrem Umfeld dafür stark machen, dass die Erwachsenen entsprechend abstimmen», sagt Milena Kuster.

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Gemütlichkeit auf dem Sofa oder Aktivität am Ping-Pong-Tisch: Beides ist im Jugendtreff möglich.