Es war ein historischer Moment, als das Wiler Stadtparlament am 16. Mai des vergangenen Jahres mit 23:15-Stimmen den Klimanotstand ausrief. Vor dem Parlament und beim Allee-Schulhaus hatten Umweltaktivisten am gleichen Abend protestiert. Was ist seither gelaufen in Sachen Klimaschutz?

Am Samstag fragte die Juso Wil-Toggenburg in einem Facebook-Post: «1 Jahr Klimanotstand – Was ist passiert?» Ihre Antwort gab die Jungpartei gleich selber: «Nichts.» Zwei Tage später gibt die Stadt Wil in einer Medienmitteilung bekannt, was unter anderem passiert ist: die Erarbeitung einer «Klima- und Energiecharta», an der Wil in Person von Stadtrat Daniel Stutz (Grüne Prowil) beteiligt war. Die unterzeichnenden 14 Städte und Gemeinden anerkennen den Klimawandel als «eine der grössten globalen Herausforderungen unserer Zeit» ebenso wie die «spezielle Verantwortung der Schweiz» als Land mit hohem Treibhausgas-Ausstoss pro Kopf. Doch ist die Charta mehr als eine Absichtserklärung, mehr als ein gut gemeintes Papier?

Eindeutig formulierte Ziele

Es habe ihn gefreut, als er am Montagmorgen von der Charta erfahren habe, sagt Juso-Politiker und Klimaaktivist Timo Räbsamen zu hallowil.ch. Er betont aber auch, dass jetzt Handlungen folgen müssten. Für ihn sei etwa unklar, wie verpflichtend die Handlungsleitsätze sind, nach denen die unterzeichnenden Städte gemäss Charta «im Rahmen ihrer Möglichkeiten handeln wollen».

Verpflichtenden Charakter haben die in diesen «Handlungsleitsätzen» formulierten Ziele nicht. Doch sie tönen konkret und ambitioniert: So soll «auf und an allen geeigneten Gebäuden erneuerbare Energieproduktion» betrieben werden, «bestehende Infrastrukturen der fossilen Wärmeversorgung» – Ölheizungen zum Beispiel – sollen «umgenutzt, stillgelegt oder rückgebaut» werden und der Strom in der ganzen Stadt soll zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Nach diesen drei Beispielen bleiben weitere 9 Handlungsleitsätze.

Ziel: 100 Prozent erneuerbare Energie

Daniel Stutz war bei der Initialisierung der Charta dabei. Die Initiative dazu sei im Städteverband unter dem Eindruck des in verschiedenen Städten ausgerufenen Klimanotstands entstanden. «Nachdem es lange hiess, das sei unrealistisch, wollten die Städte schauen, was es bedeutet, bis 2050 klimaneutral zu werden», sagt Stutz. Es sei darum gegangen herauszufinden, was sofort umgesetzt werden kann, ohne dass erst noch eine Studie in Auftrag gegeben werden müsse.

Das ambitionierte Ziel ist die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energie, in den Bereichen Strom, Wärme und Mobilität. Dies soll bei Gebäuden und Infrastruktur, die der Stadt gehören, bis 2030 erreicht werden. Bis 2050 soll das ganze Stadtgebiet folgen.

Nach der Ausrufung des Klimanotstands sprach das Stadtparlament für ein Umsetzungs-Programm 80’000 Franken. Derzeit sei der Stadtrat daran, dieses Programm in Auftrag zu geben. Als Grundlage für das Umsetzungs-Programm dienen die Ziele der «Klima- und Energiecharta», so Stutz.

Beim Strom auf gutem Weg

Und wie weit ist Wil in den einzelnen Bereichen? Beim Storm sei die Äbtestadt schon nahe dran, sagt Stutz. So stammt der in Wil verbrauchte Strom schon heute zu fast 100 Prozent aus Schweizer Wasserkraft. Dies im Unterschied zu anderen Städten, die zum Beispiel «Atomkraft aus Frankreich einkaufen», sagt Stutz.

Bei den Heizungen sei der Weg hingegen noch weiter. Im Stadtgebiet gibt es noch viele Ölheizungen. Zumindest sollen aber keine neuen Ölheizungen mehr eingebaut werden. Zudem sollen die Anreize für Bauherren, bei der Heizung auf Wärmepumpen oder künftig auf Fernwärme zu setzen, verstärkt werden. «Die Ölheizungen müssen bis 2050 ganz verschwinden, darüber muss man nicht mehr diskutieren», sagt Stutz. Bereits heute unterstützt die Stadt über den Energiefonds Bauherren, die eine nachhaltige Heizung einbauen wollen. Dieser Fonds müsse weiter aufgestockt werden, fordert Juso-Politiker Timo Räbsamen.

Ähnlich wie bei den Heizungen sei es bei den Elektroautos. Der Förderung von Elektroautos gilt im Bereich Mobilität das Hauptaugenmerk der Charta. Der Einbau von Aufladestationen in Mehrfamilienhäusern wird in Wil durch die öffentliche Hand gefördert.

Juso: Kommunikation der Stadt war ungenügend

Städte und Gemeinden seien aber auch auf die nationale Gesetzgebung angewiesen, sagt Stutz. Wichtig sei, dass das Parlament in der Sommersession die Totalrevision des CO2-Gesetzes rasch abschliesst. Dieses konnte in der abgebrochenen Frühjahrssession nicht mehr zu Ende beraten werden. «Letztlich muss der Bund Vorgaben machen, damit die Schweiz ihre Klima- und Energieziele erreichen kann», sagt Sutz.

Besonders an der Kommunikation habe es bei der Stadt Wil im ersten Jahr nach Ausrufung des Klimanotstands gefehlt, sagt Timo Räbsamen. Er erinnert sich an den Klimadialog zwischen zwei Stadträten und Wiler Jugendlichen im letzten Herbst. Der sei zwar kreativ und konstruktiv verlaufen, danach sei die Aktion aber im Sand verlaufen. «Die Leute, die dort ihren Kontakt hinterlassen haben, haben bis heute nichts mehr gehört.»

Die Nagelprobe steht noch aus

Stutz und Räbsamen hoffen, dass die Massnahmen zum Klimaschutz nicht in einer Corona-bedingten Sparwelle untergehen. Investitionen in nachhaltige Energie und Wärme könnten auch helfen, die Wirtschaft anzukurbeln sagt Stutz. Unternehmen, die nach hohen sozialen und ökologischen Standards produzieren, müssten bei Hilfsgeldern bevorzugt werden, fordert Räbsamen. Auch Stadtrat Stutz ist sich darüber im Klaren, dass die Nagelprobe in Sachen Klimaschutz für das Stadtparlament noch aussteht: Nämlich dann, wenn es über grössere Ausgaben für konkrete Massnahmen abstimmt.