Mehr als fünf Jahrzehnte wurde die Liegenschaft an der Scheibenbergstrasse 14 als Kinderhort und Kindergarten für Migrantenkinder aus Italien geführt. Im Volksmund sprach man von der «Italiener Mission».

Prägende Figuren waren der Italienerseelsorger Don Peppino Salvadé sowie drei Ordensschwestern. Der Priester ist mittlerweile verstorben und die drei Frauen sind in ihr Kloster in Italien zurückgekehrt.

Erheblicher Sanierungsbedarf

Um die verwaiste Liegenschaft bewohn- und vermietbar zu machen, seien aufwändige Sanierungsarbeiten erforderlich, schreibt der Wiler Kirchverwaltungsrat in seinem Amtsbericht. 

Seit dreissig Jahren sind nur noch die dringendsten Unterhaltsarbeiten vorgenommen worden. Eine weitere Nutzung als Kinderhort ist laut Amtsbericht wenig sinnvoll, da mittlerweile in Wil andere Angebote der Kinderbetreuung bestehen.

Begehrte Lage

In seinem Bericht beantragt der Rat den Kirchbürgern den Verkauf des 1 227m² grossen Areals an «bester Wohnlage über dem Stadtweier». Es sei mit der aktuellen Bebauung stark unternutzt. Es wäre beispielweise für den Bau von Eigentumswohnungen geeignet. 

Gemäss Antrag soll der Kirchenverwaltungsrat an der Urne ermächtigt werden, die Liegenschaft zum bestmöglichen Preis zu veräussern. Der amtlich geschätzte Verkehrswert beträgt Fr. 972 000.-

Mit dem Antrag des Kirchenverwaltungsrats ist der Kirchbürger Fredy Rüegg nicht einverstanden. Für ihn ist es heutzutage wenig sinnvoll Land an einer besonders begehrten Lage zu verkaufen, wie er im Gespräch mit hallowil.ch erklärt.

Vermisste Nachhaltigkeit 

Um seine Meinung zu unterstreichen, nennt er das Parkhaus beim Bahnhof sowie weitere Beispiele von Liegenschaften in Wil, die von institutionellen Grundstückseigentümern im Baurecht abgegeben wurden und so regelmässige Einnahmen generieren. 

Wiederkehrende Einkünfte erachtet Kirchbürger Rüegg als nachhaltiger, als einen einmaligen Verkaufserlös.

Zugunsten von Jugendlichen

Der Ertrag aus dem Areal an der Scheibenbergstrasse soll in ein jugendfürsorgerisches Projekt der Kirchgemeinde fliessen. In seinem Amtsbericht erwähnt der Kirchverwaltungsrat ein entsprechendes Vorhaben, das sich derzeit im Planungsstadium befindet.

hallowil hat den Kirchenverwaltungsrat zu einer Stellungnahme zu den Einwänden von Fredy Rüegg eingeladen: 

Hier die Argumente im Wortlaut:

«Das Anliegen von Fredy Rüegg, die Liegenschaft nicht zu verkaufen, sondern nur im Baurecht abzugeben, ist verständlich. Der Kirchenverwaltungsrat hat aus diversen Gründen anders entschieden, und macht der Bürgerschaft den Verkauf der Liegenschaft Scheibenberg in Wil beliebt.

Die Kirchgemeinde hat für diese Liegenschaft 2006 beim Erhalt von der Stiftung Kinderkrippe Wil bereits Fr. 580'000.00 (damaliger Schätzwert) investiert, indem sie diesen Betrag für die Jugendförderung (Rücklagen in Renovationsbaureserve und Jugendfürsorgekonto) eingesetzt hat. Ein ansehnlicher Betrag von gut Fr. 400'000.00 ist aktuell nach 15 Jahren immer noch zweckbestimmt für die Jugendhilfe vorhanden.

Nun erachtet der Kirchenverwaltungsrat eine Baurechtsabgabe dieser Liegenschaft für nicht zielführend und zweckmässig. Verhandlungen darüber mit Interessenten dürften schwierig sein und viel Zeit in Anspruch nehmen. Zudem sind die Zinsen sehr tief, die Erträge wären es mittelfristig ebenso.

Baurechtsinteressenten sind schwerer zu finden als Kaufinteressenten, da die Aussichten für die Zukunft unsicherer sind.

Idee und Sinn des Verkaufs der Kirchgemeinde ist eine Reinvestition des Mehrerlöses über dem Buchwert in ein bereits konkretes Jugendförderungsprojekt der Kirchgemeinde. Mittels Umbau einer bestehenden und viel besser geeigneten Liegenschaft zur Realisierung eines Jugendhilfeprojektes für günstige Wohnmöglichkeiten für Jugendliche und junge Erwachsene in der Stadt Wil wird der zurückgelegte Mehrerlös über Fr. 580'000.00 aus dem Verkauf Scheibenberg zumindest teilweise dafür eingesetzt und verwendet. Bis im Herbst wird dieses Projekt entscheidungsreif sein und der Bürgerschaft zum Entscheid vorgelegt werden können.

Die Nettoerlöse aus diesem Jugendhilfeprojekt mit der Investition des Verkaufserlöses Scheibenberg kommen wiederum dem Jugendhilfefonds zugute. Sauber geregelt für die Zukunft wird dies alles mit dem ebenfalls vorgelegten Reglement über den Fonds Jugendhilfe (siehe: www.kathwil.ch/buergerversammlung, Reglement Jugendhilfefonds).

Das Anliegen von Fredy Rüegg, für nachhaltige Erträge zugunsten des Jugendhilfezwecks zu sorgen, ist damit so direkt und besser verwirklicht, als wenn die Liegenschaft Scheibenberg dauernd im Baurecht fremdgenutzt im Besitz der Kirchgemeinde bleibt.

Durch ein Baurecht käme der Jugendhilfefonds zwar auch dauernd zu Erträgen, aber das Kapital wäre nicht verfügbar für eine Projektinvestition in ein Jugendhilfeprojekt und würde auch dauernd fehlen. Mit dem Verkaufsmehrerlös, der Reinvestition in ein Jugendhilfeprojekt und den Nettoerträgen daraus kann beides, und das erst noch besser und nachhaltig verwirklicht werden. Der Kirchenverwaltungsrat ersucht aus diesen Gründen um Zustimmung zur Verkaufsermächtigung und beantragt ein Ja zur Abstimmungsfrage 5.»