Optimistisch hatten die Konzertverantwortlichen im Andachtssaal des Pfarreiheims Niederuzwil 80 Stühle aufstellen lassen. Doch schon bald merkten sie, dass dies bei Weitem nicht reichen würde. Die Wände wurden geöffnet, 50 weitere Stühle hervorgeholt. Und so lauschten um die 130 musikbegeisterte Personen einem aussergewöhnlichen „Saitenkonzert“. Sie wurden nicht enttäuscht. 

Klassische und moderne Klänge

Zu Zeiten der Klassik kam es niemandem in den Sinn, für das Hackbrett Werke zu komponieren. Seit an der Hochschule Luzern dieses Instrument bis zum Master-Abschluss studiert werden kann, hat dieses neu auch Einzug in alle möglichen Stilrichtungen gehalten. Ursprünglich kommt das Instrument vermutlich aus Persien, dem heutigen Iran. Allerdings gibt es unzählige Beschreibungen von ähnlichen Instrumenten auch aus China. Florin Grüter liess sich im Alter von neun Jahren von diesem besonderen Instrument begeistern. Sein heutiges Hackbrett hat der Appenzeller von Hackbrettbauer Johannes Fuchs bauen lassen. 

Stimmen des Instruments: Hohe Kunst

Vor jedem Konzert muss jede einzelne Saite auf beiden Instrumenten nachgestimmt werden. Man kann sich vorstellen, dass eine Konzertharfe mit 47 Saiten schon recht viel zu tun gibt. Wie ist das dann erst bei einem Hackbrett wie dem von Florin Grüter mit seinen mehr als 150 Saiten? Harfenistin Selina Cuonz lässt sich zu diesem Thema in einem Interview so zitieren: „Es gibt einen Harfenwitz, der geht so: Eine Harfenistin verbringt die eine Hälfte ihres Lebens damit, ihre Harfe zu stimmen. Die andere Hälfte aber verbringt sie damit, auf einer verstimmten Harfe zu spielen. Leider ist das eine wahre Geschichte. Das einzige Instrument, das die Harfe im „(nicht)stimmen-und-gestimmt-werden“ übertrifft, ist das Hackbrett. Das heisst, immer wenn ich mit Florin zusammen musiziere, bin ich dankbar für meine bescheidenen 47 Saiten.“

Bearbeitung von klassischen Werken

Da es so gut wie keine klassische Literatur für diese Instrumente gibt, mussten die Stücke von Johann Sebastian Bach (1985 – 1750), Johann Nepomuk Hummel (1778 – 1837)und Nicolò Paganini (1782 – 1840) speziell für diese Besetzung arrangiert werden. Im Programm heisst es dazu: „Eigene Bearbeitung für Harfe und Hackbrett.“ Dabei waren in den einzelnen Werken bei Bach „Traversflöte und Cembalo“, bei Hummel Cembalo oder Hammerklavier und Mandoline oder Violine vorgesehen. Bei Paganini, dem „Teufelsgeiger“, wie man ihn gern nannte, gar Violine und Gitarre. Denn Paganini sei auch ein virtuoser Gitarrist gewesen, wenn er auch nie mit diesem Instrument auftreten mochte. Beim Spielen der einzelnen Werke hörte man gut die unterschiedlichen Spieltechniken heraus. Da ein sanftes über die Saiten der Harfe streichen, dort ein Spiel fast ohne Nachhall beim Hackbrett. Dafür bei manchem Schluss das Verhallen im Raum.

Ein wenig Musikgeschichte

Zwischen den einzelnen Stücken führte Florin Grüter ins Reich der Musikwissenschaft. So erschlossen sich dem Publikum die einzelnen Werke noch viel besser. Mit Hummel und Paganini kamen zwei Musiker zu Gehör, welche mit ihrer Arbeit schon zu ihrer Zeit reich geworden waren. Hummel war von Mozart mit kostenlosem Klavierunterricht gefördert worden, unterstützte aber seinerseits – auch dank einer Festanstellung bei einem Adligen - später Ludwig van Beethoven. Dieser bedankte sich in vielen Briefen, die aber erst nach dem Tod Hummels öffentlich bekannt wurden. Paganini seinerseits gab viele Benefizkonzerte und trug so ebenfalls zur Linderung von Not armer Musiker bei. Hummel und Paganini trafen sich übrigens 1828 in Karlsbad. 

Die Sonate in Es-Dur BWV 1031 wird Johann Sebastian Bach zugeschrieben, Grüter bezweifelt dies aber. Alles deute möglicherweise eher auf Sohn Carl Philipp Emanuel Bach (1714 – 1788) hin, da die stilistischen Elemente erst für in der nächsten Komponistengeneration angewendet wurden.

Augenschmaus und Hörgenuss

Die tanzenden Ruten von Hackbrettvirtuose Florin Grüter sowie die flink über die Harfensaiten greifenden Hände von Selina Cuonz boten dem Auge viel Abwechslung. Die majestätische Harfe ist ein Schmuckstück in jedem Konzertsaal. Und Grüters Hackbrett steht auf hohen „Stelzen“, welche ein wenig an Prothesen von Minenopfern erinnern. Normalerweise sitzen ja Hackbrettspielende, doch dieser Mann steht während des ganzen Konzerts. Immer wieder muss er nämlich mit dem Handrücken einen Hall abfedern, gar zum Verstummen bringen, dann wieder Saiten kurz anzupfen, mit dem Fuss das Dämpfpedal drücken – schon das allein braucht Kondition. Und dann spielt er auch alles noch völlig auswendig, hat jeden kleinsten Einsatz im Kopf. So ein Konzert wäre mit Noten gar nicht zu bewältigen. Grüter übt sein ganzes Repertoire zwar sehr wohl mit Noten ein, muss aber beim Auftritt völlig aus dem Innersten spielen können.

Zu bewundern war auch das Spiel der Harfenistin. Sie spielte nach Noten, immer wieder man sah ihren Kopf sich den Saiten zuwenden, dann den Noten, aber alles blieb immer im Fluss, ganz auf das Zusammenspiel mit ihrem Musikerkollegen Grüter konzentriert. Die Finger zupften, mal mehr, mal ganz zart – und oft bis in die tiefsten Töne hinunter.

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Das Harfenspiel verlangt sehr viel Körpereinsatz - hier wird das Instrument gestimmt. 


Nuanciertes Spiel

Beim Bachstück spielte Grüter den Part der Traversflöte, während die Harfe das Cembalo ersetzte. Das Hackbrett hatte oft nur ein paar Töne zu spielen, um darauf zu pausieren, bis wieder ein Einsatz gefragt war. Auch die Harfe überliess immer wieder ihrem Duo-Partner den Vortritt, es war ein Ineinandergehen der Melodienstränge. Nie wurde es langweilig, immer wieder trat eine neue Klangfarbe, eine neue Art des Saitenanschlags in den Vordergrund. Die Grande Sonata für Cembalo und Hammerklavier von J.N. Hummel liess in weiten Teilen der Harfe den Vortritt, hatte aber auch solistische Möglichkeiten.

Bei Selina Cuonz spürte man in manchen Sequenzen ihre grosse Liebe zu Tanzmelodien heraus. Und wie wenn auch die Kirche nebenan mitmachen wollte, schlug sie genau in einer kleinen Pause drei Mal - um 17:45 Uhr.

Zum Schluss Herbert Baumann, *1925

Im 20. Jahrhundert gab es dann doch spezielle Kompositionen für Harfe und Hackbrett. Der deutsche Komponist Herbert Baumann widmete sich den Zupfinstrumenten besonders gerne, schuf auch unzählige Werke für Film und Theater. Von ihm heisst es, dass er besonders von tänzerischen Rhythmen angetan sei. Das merkte man auch seiner „Sonata Serena“ an, welche allerdings rein formalistisch gar keine Sonate sei, wie Grüter in seinen Ausführungen erklärte. Der zweite Satz heisst hier "Romanze". Dieser liess sich wie eine Liebesgeschichte anhören, erst vorsichtiges Annähern, dann doch wieder etwas Zurückgehen, aber dennoch beharrlich dranbleiben und schliesslich mit perlenden Tonkaskaden in einen Gefühlssturm zu geraten, welcher in Niederuzwil durch das Sechsuhrläuten noch akustisch verstärkt wurde. Mit dem schnellen Allegro bekam die Harfenistin nochmals Gelegenheit, kleine Ausflüge über alle Saiten zu machen. Das berührte Publikum spendete einen langanhaltenden, herzlichen Applaus für Fünfviertelstunden musikalischen Hochgenuss.