Konzertzyklus-Präsident Hanspeter Haltner merkte in seinem kurzen Begrüssungswort an, dass das diesjährige Saison-Programm recht frauenlastig sei. Im Januar waren Komponistinnen das Thema gewesen, interpretiert von vier jungen Frauen, dies unter dem Namen «Le donne virtuose». Doch wenn man bedenkt, wie lange künstlerisch tätige Frauen keine Plattform für ihr Wirken bekamen, sondern im Gegenteil jegliches Talent abgesprochen erhielten, dürfen die Frauen jetzt ruhig etwas in den Vordergrund gerückt werden.

Marietta Burri-Bosshart aus Wil SG

Wer die sehr schön gestaltete, informative Webseite der Künstlerin aus Wil etwas näher studiert, staunt nur so über die vielfältigen musikalischen Interessen der jungen Frau. Nebst einem Master als Musikpädagogin – das heisst heute «Master of Arts in Music Pedagogy» – kann sie auch einen Abschluss als Musikschulleiterin vorweisen. Sie spielt in verschiedenen Formationen mit und hat eine Leidenschaft für Kammermusik. An der Musikschule Oberuzwil-Jonschwil teilt sich die mit vielen Musikpreisen ausgezeichnete Musikerin die Leitung mit dem langjährigen Musikschulleiter Werner Isenegger. Ganz besonders liebt sie, wie man da lesen kann, Oboenkonzerte für Kinder, um diesen ihr Lieblingsinstrument auf kindergerechte Weise näherzubringen. Sie unterrichtet an Musikschulen, aber auch privat. Und sie bildet sich immer weiter, gerade auch im Musikmanagement, wo nebst musikalischem Fachwissen auch Organisationstalent gefragt ist.

Flurina Sarott aus Scuol GR

Auch die Violonistin Flurina Sarott ist eine vielfach ausgezeichnete Musikerin. Und auch hat sich auf ganz verschiedenen musikalischen Ebenen ausgebildet, ausbilden lassen. Sie spielt heute regelmässig – als Zuzügerin, wie es heisst – im Tonhalle-Orchester Zürich. Sie unterrichtet ihr Instrument an der Musikschule Weinfelden. Während ihres Masterstudiums zur Musikpädagogin lernte sie Marietta Burri-Bosshart kennen und ist seither mit der Oboistin mit dem Duo Fugante unterwegs. Sie spielt aber auch als freie Violonistin in verschiedenen Ensembles und Duos. Ihr wurde 2012 ein Stipendium der Friedl Wald Stiftung und 2013 der Förderpreis für junge Bündner Künstler und Künstlerinnen – Alterslimite 26 Jahre - zugesprochen. Zudem hat sie verschiedene Musikwettbewerbe gewonnen.

Duo Fugante

Der Titel des Konzertes hiess «Zeitreise durch verschiedene Epochen». Das Duo liebt laut Marietta Burri-Bosshart klassische Werke. Dabei nehmen sie gerne auch Stücke ins Programm, welche von eher unbekannten Komponisten stammen. So bildeten zwei Werke des Mozart-Zeitgenossen Giuseppe Gambini (1746-1825) den Konzertrahmen. Als Mittelstück erklang Georg Philipp Telemanns Sonate Nr. 1 in G-Dur. Die Oboistin forderte hier das Publikum auf, doch ganz genau auf den Stimmenverlauf zu hören, sei dies doch ein durchgehender Kanon, der erstaunlicherweise in jedem Akkord einfach stimme. Gar keine immer so einfache Übung, verschmolzen doch Geigen- und Oboenklang oft derart, dass man wirklich genau hinhören musste. Ein Hörgenuss war es aber auch dann, wenn man sich einfach zurücklehnte, die Augen schloss und die Darbietung genoss.

Technisches

Nach jeder Darbietung brauchte die Oboe eine «Putzpause». Das sei in kalten Kirchen die Herausforderung, erklärte die Oboistin. Da gebe es einfach ganz viel Kondenswasser ins Instrument. Schliesslich wird dieses ja auch mit dem menschlichen Atem gespielt, da kommt schon von Natur aus Feuchtigkeit in den Klangraum. Auch die Geige musste immer mal wieder nachjustiert werden. Doch das geschah in allergrösster Ruhe, beeinträchtigte den Konzertgenuss in keiner Weise. Die Veranstalter hatten etwas Bedenken wegen des Halls in der Kirche gehabt. Scheinbar kam es sehr drauf an, wo man sass. Doch sei es auch in den hinteren Bänken recht ausgewogen zu hören gewesen.

Eine Alpenidylle

Auch ein zeitgenössisches Werk hatten die beiden Frauen im «Angebot». Anatol Stefan Riemer ist ein 1970 geborener deutscher Musikwissenschafter, der sich der Neubearbeitung von Richard Wagner und Jacques Offenbach-Werken verschrieben hat. So komponierte er für Violine und Oboe ein auf der wagner’schen Alpensinfonie op 64 aufgebautes Werk namens «Alpensplitter». Auch hier hatte Marietta Burri-Bosshart eine Aufgabe für das Publikum. Man solle versuchen, herauszufinden, wann man ein Murmeltier vorbeihuschen zu sehen glaube, einen Alpbach zu Tale stürzen oder einen Sturm brausen höre. Es gebe hier Töne, die man von ihren Instrumenten noch nie gehört habe. Dabei kam nun auch das Englischhorn zum Zug, eine Altoboe, eine Quint tiefer gestimmt als die Oboe.

Und tatsächlich! Es gab Stellen, die sich wie «Katzenmusik» anhörten, die aber wieder in harmonischen Melodien aufgingen. Am Schluss verhauchte der Geigenton bis zu einem allerletzten Tonfetzchen. Dieses Werk könnte bestimmt Kindern sehr gefallen, lieben diese doch solche Herausforderungen. Auch dasPublikum schien den  Ausflug in eine andere Tonwelt zu geniessen, der Applaus war jedenfalls sehr gut hörbar.

Eingespieltes Duo

Wenn man auf den Webseiten der beiden Künstlerinnen liest, in welchen anderen Formationen sie ebenfalls noch  konzertieren, wundert es einen nicht, wie sehr sie es gewohnt zu sein scheinen, einander gut zuzuhören und nur manchmal mit einem Augenaufschlag einen Schluss anzudeuten oder ein neues Thema einzuleiten. Es war eine Freude, den beiden jungen Frauen bei ihrem Spiel zuzusehen. Körpereinsatz, wo es nötig war, in jedem Augenblick grosse Konzentration, ohne die Leichtigkeit des Spiels zu verlieren, dazu eine in Schwarz gehüllte Erscheinung ohne irgendwelche Allüren – die Musik hatte zu jeder Zeit den Vorrang. Alles schien leicht zu sein, das Ende eines Stücks immer auf den Punkt genau abgeschlossen. Auch die sorgfältig eingesetzte Dynamik machte das Zuhören zu einer interessanten Erfahrung. Es war in keiner Sekunde langweilig.  

Lautloses Publikum

Wenn man vorne in der Kirche sass und die Augen schloss, hörte man nur noch die ineinanderfliessenden Klänge von Geige und Oboe. Man vergass völlig, dass da hinter einem auch noch andere Leute im Raum sassen, kein störendes Geräusch störte die Musikvorträge. Das liess einen als Zuhörerin oder Zuhörer in eine Art meditative Stimmung abgleiten. Dabei konnte man alle Sorgen vergessen, sich einfach nur noch den tönenden Geschichten hingeben.

Abschluss

Das Duo op 11 in e-Moll von Giuseppe Gambini bildete den Abschluss des schönen Konzerts. Das Stück war teilweise fast etwas liedhaft und trotz Mollklang vielfach sehr freudvoll. Als Mozart das Werk einmal gehört habe, sei ihm der Spruch Find ich noch ganz hübsch! über die Lippen gekommen. Könnte fast als Kompliment aufgefasst werden. So schloss sich der Kreis wieder. Doch weil das Publikum begeistert war und das Konzert selber nicht allzu lange, schenkten die zwei Frauen noch eine kurze Zugabe. Etwas von Bach, wie sie verrieten, allerdings keine Originalkomposition. Mit diesen ruhig fliessenden, dann wieder beschwingt erklingenden Harmonien entliessen die Künstlerinnen das Publikum in den nach einem herrlichen Sonntag noch immer klaren Abend.