Auf der Dreyschlatt bei Krinau hatte die zweite Freilichtaufführung der Bühne Thurtal Premiere. Eine junge Equipe führt vor historischer Kulisse "Krabat" in der Version von Simon Keller auf: Dramatisches mischt sich mit Unterhaltung. 

Die Premiere fand bei ausgesprochen krabat-mässigem Wetter statt: die mehrheitlich düsteren Szenen spielten sich vor der dunklen Hausfassade von Bräkers Jugendhaus ab, unter konstant bedrohlichem bis nachtschwarzem Wolkenhimmel. Die gespannt bleibenden Zuschauenden wurden während der gut zweistündigen Vorstellung immer wieder von kalten Winden angehaucht, zuerst von äusserlichen, dann aber zunehmend auch von inneren. Die innerlichen Schauer entstammten dem Inhalt des Stücks sowie den mit ganzer Bandbreite eingesetzten schauspielerischen Mitteln der eigens für diese Aufführung gebildeten Truppe von über 40 Mitwirkenden um Regisseur und Autor Simon Keller.

Kultbuch als Theaterstück
Das auf Dreyschlatt zur Aufführung kommende Theaterstück „Krabat“ geht auf den gleichnamigen Roman aus der Feder des deutschen Jugendbuchautors Otfried Preussler (1923-2013) zurück. Preussler hat für eine junge Leserschaft gerne märchenhafte und bedrohliche Themen bearbeitet, ihnen aber durch seinen unverwüstlichen Humor ihre Schrecken zum grossen Teil genommen. So stammen „Der Räuber Hotzenplotz“ und das viel gespielte Theaterstück „Das kleine Gespenst“ ursprünglich aus Preusslers Feder. Oft war der preisgekrönte Autor dabei aus dem Märchen- und Sagenkreis seiner in Nordböhmen verlebten Jugend beeinflusst. Das war auch der Fall für den Krabat-Stoff. Sein Buch trug dem Autor viel Ruhm und den deutschen Jugendbuchpreis ein. In diesem Buch ist die Dämonie allerdings tiefliegend und wenig aufgeheitert. Im Zentrum der düsteren Story steht der junge Waise Krabat, der sich seinen Lebensunterhalt als wandernder Bettler in unsicheren Zeiten auf Landstrassen erobern muss (Simon Pfiffner). Von unabweisbaren Träumen verfolgt, befiehlt ihm eine Stimme, die als Spukort verschriene Mühle im Koselbruch aufzusuchen. Sie ist nur vordergründig eine Mühle mit einer ganzen Schar jugendlicher Müllergesellen. Diese lernen von ihrem unheimlichen Meister neben dem Müllerhandwerk nämlich auch die schwarze Magie. Der alte Hexer (Michael Hug) ist durch einen Zauberpakt an die dunklen Mächte gebunden, verkörpert durch die gespenstische Figur des „Herrn Gevatter“ (Simon Keller). Der Preis für die Zauberlehrlinge besteht darin, dass ihm jährlich einer der Ihren ausgeliefert werden muss. Der unheimliche Gast fährt im Stück, in eine schwarze Dracula-Kutte gekleidet, mit dem Zweispänner vor und ist unschwer als der Tod oder der Teufel, oder beides zusammen zu erkennen. Er wird im Stück gespielt von Autor und Regisseur Simon Keller, der aus Preusslers Roman für die Freilichtaufführung im Dreiyschlatt die gespielte Dialektversion verfasst und inszeniert hat.

Junge Talente
So wie der Regisseur der Freilichtaufführung gab sich auch das Team: jung und kreativ. Sie mischten dem düsteren Geschehen viel action bei, auch Pfiff und wirkungsvolle Bühneneffekte (Isaac Würth). Daran haben eine ausgefeilte Beleuchtungstechnik, eine expressive Kostümierung (Conny Düggelin) und die stimmungsvolle Musik des sechsköpfigen live-Ensembles um Komponist und Leader Roman Brunschwiler ihren grossen Anteil. Sie erzeugten je nach Szeneninhalt düstere Klänge, brachten aber auch die Sehnsüchte Krabats und seiner Mitgesellen nach menschlicher Anteilnahme und Geborgenheit zum Ausdruck, man darf getrost sagen: nach Erlösung. Berührend die Szenen, wo in der Osternacht ein Chor von Frauen erschien, der nicht nur berückend schön anzusehen war, sondern auch so sang (Einstudierung Walter Gysel, er zeichnet auch für die komplizierte Backstage-Koordination verantwortlich). Das vom Hexenmeister erzeugte Diktatorregime von Brutalität, Angst und Unterwerfung, das zu aller Art Korruption, Sadismus und Mobbing unter den Müllerburschen führt, wurde von vielen Spielenden weniger textuell, mehr körpersprachlich dargestellt. Dies in Kombination mit einer anspruchsvollen Choreographie (Leandra Bleiker), die neben überzeugenden Abläufen hin und wieder Gefahr lief, die Grenzen zum blossen Ulk oder Klamauk zu überschreiten, häufig begleitet von übermässig viel Gebrüll und Gekreisch. Das machte zwar deutlich, dass es sich bei den Müllerburschen um verzauberte Krähen handelte (das zeigte auch die gelungene Kostümierung), trug aber nicht viel zur Erzeugung von Dämonie bei, eher zu ihrem Gegenteil: ein sie zerstörendes Gelächter.

Einzel- und Gesamtleistungen
Das tat der farbigen und vielschichtigen Gesamtaufführung wenig Abbruch. Wie Produktionsleiter Willy Hollenstein (Wil) in seinen Dankesworten nach dem stürmischen Schlussapplaus ausdrückte, handelt es sich bei Krabat um eine eindrückliche Gesamtleistung. Dies sagte auch ein sichtlich vom intensiven Applaus überwältigter Simon Keller, Autor, Regisseur und Produzent in einem. In der kurzen Produktionszeit, die der mehr als 40-köpfigen Truppe zur Verfügung stand, sei „ein sehr angenehmes Arbeitsklima entstanden, wo kreativ an Szenen gearbeitet wurde und sich Freundschaften entwickelten“. Von den vielen eindrücklichen schauspielerischen Einzelleistungen seien wenigstens die folgenden erwähnt. Hauptdarsteller Simon Pfiffner verkörperte einen seelenvollen Krabat. Pfiffner stellte den Wechsel vom zuerst naiven, dann misstrauischen, zunehmend verzweifelten und schliesslich dem Meister Aug in Auge gegenübertretenden menschlichen Gegner glaubhaft dar. Thomas Strehler (gleichzeitig Regieassistenz) war als Tonda ein überzeugender Freund, der seine Hilfsbereitschaft allerdings mit seinem Leben bezahlen musste. Fabienne Meier verkörperte den ausgelassenen und sehr kindlich wirkenden Lobosch mit ansteckender Spielfreude, Simon Bruderer den nur vordergründig tollpatschigen, in Wirklichkeit weit blickenden Juro mit Darstellungskraft. Juro ist es ja, der Krabat das entscheidende Heilmittel mitteilt: Es ist die dem Meister verheimlichte Liebe, die dir die mentale Kraft gibt, dich aus seinem Bann zu befreien. Der allgegenwärtige, alles kontrollierende autoritäre Züchtiger, eindrücklich verkörpert durch Reiseschriftsteller und Journalist Michael Hug, gab seiner Figur trotz ihres Hasspotentials auch menschliche Züge, vor allem am Schluss, wo die durch Krabat angeführte mentale Revolte zu seinem Untergang, sehr wahrscheinlich auch zum ewigen Höllenschmoren führt.

Die eindrücklichen Frauenrollen (Ladina von Frisching als Vorsängerin und Geliebte Kantorka und Vanessa Krummenacher als Worschula), beides rettende Lichtgestalten, überzeugten durch menschliche Gegenwart, auch ohne oder mit nur wenig Worten. Dies war auch eindrücklich der Fall bei dem durch langjährige Gewöhnung ans Gefangensein stumm gewordenen schweigsamen Kubo (Rino Hosennen), eine Figur, die an Elendsgestalten in psychiatrischer Verwahrung erinnerte. Schliesslich gebührt auch der aufwendigen technischen Koordination des Geschehens ein Kränzlein gewunden. Es klappte alles, sogar das Gespann mit den beiden Schimmeln traf ganz genau zum richtigen Zeitpunkt ein. Dass es gerade dann, beim Einzug des Todes, zum einzigen und kurzen Regenguss und aufschreckend eiskalten Windhauch des Abends kam (man überstand ihn unter dem Tribünendach gut geschützt) war zwar kein technisches Problem, aber trotzdem ein guter Einfall, diesmal von ganz oben.

Insgesamt ein vifes, einfallsreiches und vielschichtiges Spektakel, das bei den weiteren Aufführungen mit Bestimmtheit noch an Spielreife und Zug zulegen wird.

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Entspannung beim Schlussapplaus: Lob,Beifall und Blumen (Ausschnitt)

Aufführungsdaten von Krabat
Beginn werktags um 20.30, sonntags um 17.00: 28.7., 29.7., 31.7., 5.8., 11.8. (Derniere). Tickets Tel. 071 525 87 57; www. krabat-dreyschlatt.ch


Drei Fragen an Produktionsleiter Willy Hollenstein, Bühne Thurtal, Wil

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Willy Hollenstein beim Premierenschluss (Mitte)


Warum werden erstmals zwei Stücke in der gleichen Spielsaison aufgeführt?
Es gibt zwei Gründe: Erstens möchten wir einem so jungen Team, unter der Leitung von Simon Keller, die Möglichkeit geben etwas Aussergewöhnliches zu machen, was finanziell für diese jungen Leute sonst wohl nicht möglich wäre. Was Simon hier leistet verdient es einfach, dass er unterstützt wird. Ich bin auch überzeugt, dass Simon mit seiner professionellen Einstellung und seinem grossen Know-how eine grosse Karriere vor sich hat. Die Jugend verdient es generell, dass sie mehr gefördert wird und dass sie sich noch mehr einbringen können. Zudem ist an Infrastruktur, die sehr viel Geld kostet, schon „fast“ alles auf Platz. Es macht deshalb Sinn, dass sie noch mehr genutzt wird, ohne dass grosse Mehrkosten entstehen. Es ist auch ganz bestimmt eine Bereicherung, wenn wir unsere Freilichtspiele durch eine so grossartige Produktion ergänzen können.

Wie verläuft der Kartenverkauf?
Es sind doch schon jetzt, einen Tag vor der Premiere, an die 1000 Karten verkauft. Ich bin auch überzeugt, dass es nach der Premiere nochmals anzieht. Das Stück selber sowie die ganze Inszenierung verdienen es absolut, dass viele Leute kommen. Ich kann es nur allen empfehlen, sich das einmalige Stück anzusehen. Es ist unglaublich, was diese jungen Leuten leisten und mit welch hoher Professionalität das Stück inszeniert wurde.

Was ist für die nächste Saison geplant?
Wir werden im nächsten Jahr erneut inszenieren. Auf dem Spielplan steht Huldrich Zwingli, der bekannte Reformator, der ebenfalls aus dem Toggenburg kommt. Wir wissen noch nicht genau, wo wir spielen, doch das Stück wird ebenfalls neu geschrieben, und der Autor hat die Arbeit schon aufgenommen. Ebenfalls werden wir im nächsten Jahr in Benken inszenieren. Dort ist ein grosses Jubiläum: „500 Jahre Maria Bildstein“. Wir inszenieren auf Einladung der „Stiftung Maria Bildstein“, alle Spielerinnen und Spieler kommen aus dem Umfeld von Benken. Paul Steinmann wird das Stück neu schreiben, und Monika Wild wird, zusammen mit Peter Locher, für die Regie verantwortlich sein.