Natal Müller weiss, dass er einer der wenigen Gewerbetreibenden in Wil ist, die mutig öffentlich Kritik üben. «Als ich einmal Unterschriften für eine Attraktivitätssteigerung der Oberen Bahnhofstrasse sammeln wollte, hat kaum jemand die Courage, seine Unterschrift auf den Bogen zu setzen.»

Defensives Verhalten

Die Angst, sich zu exponieren und damit eventuell anzuecken, stellt Müller sowohl bei Personen in der Wirtschaft wie in der Politik fest.» Er hält es für eine Zeiterscheinung, dass viele Politisierende hauptsächlich auf ihre Wiederwahl schielen und sich kaum mehr trauen, öffentlich zu ihren Überzeugungen zu stehen.

Seiner Meinung nach sichern sie sich mit kostspieligen Expertenstudien ab, um möglichst nicht für eine Fehlentscheidung belangt zu werden. «Der Mut zur Innovation hat die Schweiz einst erfolgreich gemacht, andernfalls gäbe es heute keinen Gotthardtunnel.» Dieser Pioniergeist fehlt für Müller heute.

Vergleich mit Wattwil

Nach dieser allgemeinen Zeitdiagnose kommt der Unternehmer auf die konkrete Situation in Wil zu sprechen. Er ist überzeugt, dass Wil viel Entwicklungspotential habe, aber zu wenig innovativ sei. Er zieht den Vergleich mit Wattwil, in dem die Gemeinde die Chance im ehemaligen Heberlein-Areal zur baulichen Weiterentwicklung genutzt habe. Und auch Frauenfeld reagiert im Vergleich zu Wil weit mehr auf die gesellschaftlichen und strukturellen Veränderungen, ist Müller überzeugt.


Weniger Samstagskunden

Gerade in der heutigen Zeit wären mutige Entscheide nötig, glaubt der langjährige Geschäftsinhaber. «Das Umfeld verändert sich, jetzt sind innovative Schritte gefragt.» Seiner Meinung nach hat in den letzten Jahren die Zentrumsfunktion von Wil abgenommen. 

«Früher kamen Kunden aus dem Toggenburg zu uns in den Laden, die in Wil ihre verschiedenen Samstagseinkäufe tätigten.» Dies habe spürbar abgenommen. Buchhändler Müller sieht die Ursachen dafür in den verschiedenen Einkaufscentren vor den Stadttoren Wils und auch in einem reduzierten Branchenmix. Damit gibt es weniger Gründe für einen Besuch in der Äbtestadt.

Im Weiteren haben die pandemiebedingten Einschränkungen weitere Menschen von den Annehmlichkeiten des Online-Shoppens überzeugt, glaubt Natal Müller. Dies wirkt sich nun auf die stationären Läden in Wil aus.


Belebtes St. Gallen

Für den Gewerbetreibenden hat Wil eine wenig ausgeprägte Aufenthaltsqualität. Zur Verdeutlichung zieht er einen Vergleich: «Kürzlich war ich mit meiner Familie am Samstag zum Einkaufen in St. Gallen. Wir haben dies gleich mit einem anschliessenden Nachtessen verbunden.» Viele Gaststätten in der Kantonshauptstadt waren nach seiner Feststellung gut gefüllt, vergleichbares kann er in Wil weniger feststellen.» Der Eindruck einer sehr belebten St. Galler Innenstadt machten für ihn auch Familien aus, die sich um die Brunnen versammelten dort spielten.

Aufenthaltsqualitäten

Natal Müller zeigt in die Obere Bahnhofstrasse: «Hier müsste es doch mehr Strassencafés geben, in denen sich die Leute gerne aufhalten.» Zudem müssten die Bäume von der Seite in die Mitte versetzt werden, damit man in deren Schatten gerne verweilt. Für ihn gilt das Motto: Wo ein Wille ist, ist ein Weg. «Es gäbe sicher Möglichkeiten, den Fastnachtsumzug so um zu organisieren, dass die Bäume in der Mitte stehen könnten.»

Verlagerung des Kundenstroms

Geschäftsinhaber Müller glaubt, dass das Stadtzentrum vermehrt in der Region Obere Bahnhofstrasse konzentriert werden müsste. Seiner Einschätzung nach verlagert es sich jedoch mittelfristig Richtung Bahnhof: Mit der Überbauung im Landhausareal werden weitere Läden im Umfeld der Geleise entstehen. Damit gibt es weniger Gründe den Bereich zwischen Schwanenkreisel und Altstadt aufzusuchen.