Der fünfte Kulturapéro der Wiler Kultur- und Kunstschaffenden führte am Montag auf das Areal der Psychiatrie St. Gallen Nord in Wil, wo aktuell die Ausstellung „TransUtopia“ läuft. Die Kunstwerke im Tenn des früheren Gutsbetriebes, alles Arbeiten von psychisch kranken Kunstschaffenden aus aller Welt, zeigten die einzigartige weltweite Vernetzung psychisch kranker Menschen. Die Living-Museum-Philosophie gilt in Fachkreisen als vierte Revolution in der Geschichte der Psychiatrie, wie es Rose Ehemann, die Leiterin des Ateliers-Living Museum der Klinik Wil formulierte.Die Vernetzung von Kultur- und Kunstschaffen nimmt beim Wiler Stadtrat einen hohen Stellenwert ein. Mit dem Besuch von „TransUtopia“ auf dem Klinik-Areal erhielten die zahlreich erschienen Kulturschaffenden aus Wil und Region Gelegenheit, sich ein Bild vom Kunstschaffen und der weltweiten Vernetzung psychisch kranker Menschen zu verschaffen. Die Ausstellung, es war der letzte Tag im Rahmen der Jubiläumsaktivitäten von Psychiatrie St. Gallen Nord in Wil, sollte das Stigma gegen psychische Erkrankungen lösen helfen.

Pflege der Plattform für kulturelle Zusammenarbeit
Stadtpräsidentin Susanne Hartmann verglich in ihrer Begrüssung das Zusammenwirken von Kulturgruppierungen mit dem Rezept eines Butterzopfes. Auch wenn alle Zutaten von Butter, Salz, Mehl usw vorhanden seien, aber die Hefe fehle, könne daraus kein geniessbarer Butterzopf werden. Die Hefe, wichtige Voraussetzung damit das Gebäck überhaupt aufgehen könne, bildeten in der Wiler Kulturszene die Kunst-, und Kulturschaffenden. Mit dem Kulturtreff soll der Dialog zwischen der Stadt und ihren Kulturbetrieben gefördert werden. Diese Zusammenarbeit, dieser Austausch, bilde das Triebmittel, den „Kulturteig“ so richtig aufgehen zu lassen.

Zeichen gesetzt für mehr Akzeptanz
Markus Merz, CEO von Psychiatrie St. Gallen Nord, bedankte sich für den Besuch der Kulturschaffenden bei der Jubiläumsausstellung zum 125-jährigen Bestehen. In den 125 Jahren habe sich hier viel gewandelt. Begonnen mit Asyl, Übergang zur Irrenanstalt, zuletzt Psychiatrische Klinik, seien sie nun wieder bei der Bezeichnung „Psychiatrie“ gelandet.

Im Wort Psychiatrie liege die Bedeutung „Stigma“, der noch immer fehlenden Akzeptanz gegenüber psychischer Erkrankung. Es gelte Zeichen zu setzen, dass psychisch Kranke nichts zu verstecken hätten. Es braucht noch immer viel Mut, Hilfe zu holen, mehr Mutige seien gefragt. Sie als Wiler Kulturschaffende könnten mit ihrem Einsatz Botschafter für Psychiatrie sein. Das Motto des Jubiläums heisse „Zeit zum Reden“. Es gelte über das Stigma zu reden. Die Bildsprache könne Ausgangspunkt zum Reden werden.

Kultur im Pavillon, ein Betrag zur Entstigmatisierung
Loretta Giacopuzzi, seit gut 14 Jahren Leiterin Pflege in der Klinik, begleitet nebenamtlich die Angebote im Kulturpavillon mit der Vorstellung verschiedener Künstler und deren Kunstschaffen. Die Angebote, weitergehend auch Filmvorführungen könnten ein Beitrag zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankung sein, die Bevölkerung zu spontanen Besuchen zu erreichen, so ihre Ausführungen.

„Lustwandeln in Anderswelten“
Dem Thema der Ausstellung „TransUtopia“ nahm sich Rose Ehemann, Leiterin des Atelier-Living Museum der Klinik Wil in ihrem Referat an. Die Ausstellung „TransUtopia“ habe Andreas Nentwich als „Lustwandeln in Anderswelten“ beschrieben. Die anwesenden Kulturschaffenden seien nun ebenfalls Zeuge dieser Revolution: Psychisch kranke Kunstschaffende weltweit in einem gemeinsamen Prozess zu verbinden. Im Zentrum des Konzeptes stehe Zukunftsvisionen für eine bessere und humanere Welt zu entwickeln, eine Kunstbewegung „TransUtopia“.

Internationale psychisch kranke Kunstschaffende seien zum Jubiläum Vorort gewesen, um sich mit Mitarbeitenden und psychisch kranken Menschen der Klinik zu vernetzen. Die Ausstellung sei sozusagen das Resultat aus den geschaffenen Beziehungen, was es in dieser Form noch nie gegeben habe. Dies sei auch der weltoffenen Haltung der Geschäftsleitung zu verdanken. .

Unter den Werken der Ausstellung ist auch ein Beitrag von Stadtarchivar Werner Warth und der Qualitätsmanagerin Renate Berhardsgrütter mit einer Auflistung der Klinikgeschichte. Darin finde sich auch ein Werk aus dem Jahr 1929, das die Neigung psychisch Kranker für künstlerische Ausdrucksweise belege.

Living Museum als Kunstasyl
Nach Rose Ehemann gilt das Living Museum als konkret gewordene Utopie. Diese Museums-Philosophie gelte in Fachkreisen als vierte grosse Revolution in der Geschichte der Psychiatrie, nach der Befreiung der psychisch Kranken von Ketten, der Psychoanalyse nach Freud und C.G. Jung und die Einführung der Psychopharmaka.

Das Living Museum verstehe sich als eine Art Kunstasyl, in welches psychisch kranke Menschen kommen und ihr hohes künstlerisches Potential zur Entfaltung bringen können. Wichtig sei die damit einher gehende Identitätsveränderung vom psychisch Kranken hin zur Musikerin, zum Bildhauer, zur Malerin, zum Dichter, einfach weg von der Krankheitszentrierung und der Diagnose, welche die meisten Menschen und ihr Umfeld sehr belastet

Durch die Living Museum habe der Begründer dieser Philosophie, Dr. Janos Marton, das Leben vieler Künstler, Praktikanten und Fachleute bereichert. Weitere Living Museum sollten weltweit Tatsache werden.

Der umfassenden Einführung in die Ausstellung konnte abschliessend der angekündigte Kulturapéro folgen, wo im Austausch der Kulturschaffenden wohlriechende Häppchen zum Genuss des Abends beitrugen.