Zum Abschluss der Saison von KULTUR GIBT GAS – GAS GIBT KULTUR ist den Verantwortlichen rund um Programmleiterin Susanne Wipf Fischer ein wahrer Coup gelungen. Die Anfragen für Billette überstiegen bei Weitem die Raumkapazität des Gemeindesaals, sodass eine zweite Aufführung zwingend wurde. Das Publikum erlebte eine energiegeladene, musikalisch hochstehende Darbietung, was es mit einer Standing Ovation (Aufführung vom Sonntag) und tosendem Applaus verdankte. Hintergrund
Ren Mc.Cormack, ein junger Bursche, muss aus familiären Gründen die Grossstadt Chicago verlassen. Mit einer zünftigen Tanzfete nimmt er Abschied von seinen Freunden. In der Kleinstadt Bomont ticken nun aber die Uhren ganz anders. Er gerät in eine tiefreligiöse Gemeinschaft, in der Tanzen und andere Versuchungen absolut verboten sind. Die Gemeinschaft der Amish-Leute – die ihre Wurzeln in der protestantischen Schweiz und in Süddeutschland hat - kennt strikte Glaubensgesetze, die streng durchgesetzt werden. Doch einmal im Leben dürfen die jungen Menschen aus diesen Gemeinden „rumspringa“, wie die Zeit bis zur Entscheidung für oder gegen die Gemeinschaft genannt wird.

Im Musical werden diese Grundsätze nicht lächerlich gemacht, wohl aber in Frage gestellt. Geschrieben hat das Stück ursprünglich Dean Pitchford nach einer wahren Geschichte, welche sich allerdings nicht im Milieu der Amish-Leute abgespielt hatte.

Eigene Befindlichkeit als Handlungsgrundlage
Der Unfalltod von vier jungen Leuten – darunter war auch der eigene Sohn - hat Reverend Shaw Moore verbittern lassen. Er ist sich sicher, dass bei dem Unfall Drogen und aufwühlende Musik eine Rolle gespielt haben. Um weitere Tragödien zu verhindern, verhängt er ein Tanzverbot über die gesamte Gemeinde. Die eigene Befindlichkeit wird so jedoch zum Massstab für das Verhalten von allen Menschen. Damit bekommt die Geschichte einen zeitlosen Rahmen. Auch heute gibt es dafür solche Beispiele. Schaut man grad jetzt zu den östlichen Nachbarn, ist es auch ein einzelner Mann aus der Regierung, der für sich in Anspruch nimmt, das Mass aller Dinge zu sein. Dort wird das Rauchverbot in Restaurants wieder aufgehoben, weil doch Herr Strache so gerne raucht…

Schwelendes Verlangen im Untergrund
So einfach ist es nicht, junge Menschen von allen Vergnügungen fernzuhalten. Immer wieder plaudern denn auch die Mädchen, aber ebenso die Burschen im Stück über das andere Geschlecht, schicken heimliche, bewundernde Blicke auf ein begehrtes Gegenüber. Da wird zum Beispiel Rusty, eine eher füllige, lebenslustige junge Frau, von Willard Hewitt, einem schüchternen, gehemmten jungen Burschen heimlich verehrt. Doch Ängste und Minderwertigkeitsgefühle hindern ihn daran, seine Liebe zu offenbaren. So dauert es dann doch recht lange bis zum alles klarmachenden heissen Kuss.

Tolle Tanzszenen
Die Bühne wird zum Schauplatz von herumwirbelnden Tänzern und Tänzerinnen, von akrobatischen Luftsprüngen und stampfenden Füssen. FOOTLOOSE heisst ja übersetzt: „Frei und ungebunden“. Da wirbelte es durcheinander, die Füsse stampften den Takt, Luftsprünge aller Art konnten gesehen werden – die jungen Leute sind fit. Die fetzige, manchmal auch süss-melancholische Musik unterstützte diese Bewegungsfreude natürlich, machte sie überhaupt erst möglich. Wenn Hauptdarsteller Ren McCormack – Alexander Wilbert – von einem hohen Sprung in die Luft einfach so in den Spagat springt, kann einem beim Zuschauen schon fast der Atem stocken. Die Choreografie ist äusserst abwechslungsreich, die ganze Bühne wird ausgereizt.

Farbige Charaktere
Nur wenige Personen sind an der Handlung direkt beteiligt. Jede Figur hat ihren eigenen Charakter. Ren McCormack sieht schon rebellisch aus, hat aber auch die tänzerischen Leistungen, dies auch so zu zeigen. Ariel, die Tochter von Reverend Shaw Moore und dessen Frau Vi, zeigt trotz altmodischer Bekleidung ganz viel Aufmüpfiges. Anfänglich noch gegen den Willen des Vaters mit „Badboy“ Chuck Cranston zusammen, wächst ihre Zuneigung zu Neuzuzüger Ren, was ihre familiäre Lage allerdings auch nicht verbessert. Und doch darf auf ein Happy-End gehofft werden...

Grenzausweitung
Ren McCormick will sich nicht mit diesem Tanzverbot abfinden, spürt aber, dass er mit klugem Vorgehen mehr erreicht als mit sinnlosem Rebellieren. Raffiniert ist jedenfalls seine Idee, dem Bischof mit der Bibel aufzuzeigen, dass Tanzen keineswegs eine Sünde ist. Vi, die Frau des Bischofs, vermittelt zudem zwischen Vater und Tochter Ariel. Lange zögert der Reverend, aber irgendwann ist sein Herz erweicht und er erlaubt das Tanzen. Die beiden Eheleute besiegeln diese Entscheidung mit einem berührenden Duett. Zum Glück kann ein Standpunkt immer wieder überprüft und irgendwann auch einmal umgestossen werden.

Zweisprachige Darbietung
In der Inszenierung der Seberg—Show-Production werden alle Lieder in der englischen Originalsprache gesungen, während die Dialoge in Deutsch gehalten sind. Damit ist der Ablauf auch Leuten, die die Geschichte nicht kennen und/oder kein Englisch können, gut nachvollziehbar. Es ist allerdings eine ziemliche Kunst, sich derart tänzerisch auszugeben und ganz kurz darauf wieder verständlich sprechen zu müssen. Auch eine Schweizerin war unter dem Künstlervolk auszumachen, Marie-Christine Banga, im Stück Ethel McCormack, die Schwester von Ren. Sie durfte den Spruch des Tages in breitem Berndeutsch anbringen: „Steck einfach alle Männer in einen Sack und hau drauf, du findest immer den richtigen.“ Auch sonst gibt es immer mal wieder kleine Anzüglichkeiten, allerdings ohne richtig peinlich zu werden.

Live-Band
Es ist einfach ein ganz anderes Gefühl, wenn zu einem Stück Musik live gespielt wird, sie wenn diese nur über Lautsprecher eingespielt wird. Die vier Musiker Sebastian Horn, Keyboard; Florian Toma am Bass; Luca Dechert auf dem Saxofon und Emanuel Abanto an der Gitarre spielten mitreissend, einfühlsam und immer dem Fortgang der Geschichte angepasst. Sie variierten in der Lautstärke, aber auch in der Ausdrucksweise. Das Publikum belohnte die Künstler mit vielen Zwischenapplausen und kräftigem Klatschen, was die Tänzerinnen und Tänzer noch zusätzlich anspornte. Am Schluss kamen alle vier aus dem fast ständig über der Bühne schwebenden Nebel heraus und zeigten sich noch persönlich.

Tatkräftiges Helferteam
Im Hintergrund war diesmal der Musikverein Uzwil-Henau tätig. In der Pause können bei diesen Anlässen jeweils Brötchen und Getränke gekauft werden, was rege benutzt wird. Der Saal muss eingerichtet und mit Platznummern versehen werden, das ist ohne hilfsbereite Hände nicht zu bewerkstelligen. Gemeinderätin Christine Wirth dankte denn auch dem Verein bereits in ihrer kurzen Begrüssungsansprache. Ehrenamtliche Arbeit kennt schliesslich nur eine Währung: Wertschätzung.


GAS GIBT KULTUR GIBT GAS

Seberg- Production mit FOOTLOOSE

Musical Footloose

Holding Out For A Hero

Wer sich gerne vertieft mit dem Thema „Veränderungen der moralischen Lebensvorgaben“ beschäftigen möchte, findet in der ausgezeichneten Serie „KU’DAMM 56“ und ihrer Fortsetzung „KU’DAMM 59“ spannenden Anschauungsunterricht. Alle Folgen können in der ZDF-Mediathek nachgeschaut werden.

KU’DAMM 56

KU’DAMM 59