Auf dem Podium sassen damals Stefan Kreier von der Künstlergruppe Ohm 41, Florence Leonetti, Leiterin der Tonhalle Wil, Mike Sarbach, Gare de Lion und vom Kulturverein SoundSofa, Ruedi Schär, Ortsbürgerrat und Mitglied der städtischen Kulturkommission sowie Walter Dönni, Präsident der Bühne 70. Hans Suter, damals Redaktionsleiter der Wiler Zeitung, übernahm die Gesprächsleitung.

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Aufmerksame Zuhörerschaft am Kulturpodiumsgespräch im September 2018. (Archivbild; zVg)  


Politiker wurden vermisst

Die Podiumsteilnehmenden stellten dem Wiler Kulturleben damals ein einigermassen befriedigendes Zeugnis aus, es gab aber teils auch harsche Kritik, zum Teil auch von Votanten aus dem Publikum. So wurden etwa Kulturangebote für 18- bis 30-Jährige vermisst, auch ein chronisches Defizit an Probelokalen und Ateliers wurde bemängelt. Die Hürden für die amtlichen Bewilligungen seien zu hoch, hiess es weiter, es herrsche zu viel Bürokratie. Dass Vertreter des Stadtparlaments sowie des Stadtrates sehr selten an Kulturveranstaltungen zu sehen seien, wurde ebenfalls bedauert. Und auch der Widerstand der Stadtregierung gegen eine Erhöhung der Beiträge an die Förderorganisation ThurKultur erntete Kritik.

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Kantonsrat und Stadtparlamentarier Erwin Böhi  (Foto: pd) 


Erwin Böhi, Parlamentarier: «Es muss für alle etwas dabei sein»

Erwin Böhi, im September 2018 organisierten Sie im Hof zu Wil ein Podiumsgespräch mit dem Titel «Sind die Weichen im Wiler Kulturleben richtig gestellt?» Wie kam es damals zu dieser Veranstaltung?
Mir fiel damals auf, dass es zwar ein aktives Kulturleben gab, dass aber eine Verzettelung herrschte und sich die einzelnen Kulturschaffenden und Kulturveranstalter oft uneinig waren und sich von der Politik zum Teil missverstanden fühlten. Nach einigen Gesprächen mit interessierten Leuten organisierte ich das Podiumsgespräch, um herauszufinden, ob mein Eindruck richtig war und wenn Ja, was man tun könnte, um etwas daran zu ändern.

Einzelne Podiumsgäste und auch Votanten aus dem Publikum äusserten sich damals kritisch zum Kulturleben in Wil. Es hiess etwa, man werde von der Fachstelle Kultur zu wenig wahrgenommen und unterstützt. Und es mangle dauerhaft an bezahlbaren Ateliers und Proberäumen. Hat sich nach Ihrer Wahrnehmung die Situation seither verbessert?
Eindeutig verbessert hat sich die Wahrnehmung der Bedürfnisse der Kultur im Stadtparlament und im Stadtrat, auch wenn man vieles nicht von heute auf morgen ändern kann. Im Stadtparlament gibt es seither die Arbeitsgruppe Kulturpolitik, in welcher alle Fraktionen vertreten sind und die sich speziell mit Kulturfragen beschäftigt und versucht, Sachpolitik zu machen und die Parteipolitik im Hintergrund zu lassen.

Nach neusten Informationen der Stadt startet die Zwischennutzung in der Liegenschaft «zum Turm» in wenigen Monaten. Hätten Sie zur Zeit des Podiumsgesprächs gedacht, dass ein «Begegnungs-, Kultur- und Musikschulzentrum» drei Jahre später in greifbarer Nähe ist? Wie war dies möglich?
Die Arbeitsgruppe Kulturpolitik spielte eine entscheidende Rolle, denn sie konnte die Mehrheit des Stadtparlaments davon überzeugen, den Stadtrat mit der Ausarbeitung eines Nutzungskonzepts zu beauftragen. Man wollte das Turmgebäude, das früher als Feuerwehrdepot diente, nicht weiterhin während Jahren einfach leerstehen lassen, sondern daraus etwas für die Bevölkerung machen. Der Ball liegt jetzt bei der Kommission des Stadtparlaments, die den Kreditantrag des Stadtrats prüft und zuhanden des Stadtparlaments Anträge stellen wird.

Sie haben als Kantonsrat die St. Galler Regierung angefragt, ob Wil als zweiter Aufführungsort für die St. Galler Festspiele denkbar sei. Wo sehen Sie weiteres Entwicklungspotential für die Kulturstadt Wil?
Meine Anfrage hat ein grosses Echo ausgelöst, das ich so nicht erwartet hatte. Wichtig ist, dass Wil ein kulturelles Angebot hat, dass die gesamte Bevölkerung anspricht und nicht nur Teile davon. Es muss also für alle etwas dabei sein. Wenn wir zum Beispiel den musikalischen Bereich nehmen, dann meine ich damit das ganze Spektrum vom Jodlerfest über das «Rockamweiher» und den Gare de Lion bis zum Classic Openair und in Zukunft vielleicht sogar die Festspiele. 

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Oliver Wiesendanger, Betriebsleiter Gare de Lion (Foto: pd) 

Wie beurteilen aktive Wiler Kreative das aktuelle kulturelle Klima in Wil, hallowil.ch hat nachgefragt:

Oliver Wiesendanger: «Wir sind auf einem guten Weg»

Oliver Wiesendanger, wie erleben Sie die derzeitigen Arbeitsbedingungen für Kulturschaffende in Wil? Fühlen Sie sich und Ihre Tätigkeit geschätzt und unterstützt oder eher nicht gefördert?
In Wil gibt es eine Fülle an Kulturschaffenden und somit entstehen immer wieder tolle Projekte, die zwar mit entsprechenden Mitteln und Massnahmen gefördert werden und definitiv auch gefördert werden sollen. Leider ist dies dennoch meist nicht im gewünschten Umfang der Fall. Oft müssen diverse Hürden der Verwaltung und Behörden (wie z.B. Bewilligungsanforderungen und sonstiger administrativer Aufwand) oder fehlende Infrastruktur und Möglichkeiten in der Stadt überwunden werden, was nicht immer einfach ist und insbesondere bei der oftmals finanziell prekären Situation der Kulturschaffenden – und somit fehlenden Ressourcen wie Zeit und Geld – zum Marathon werden kann. Die Stadt und diverse Institutionen sind bemüht, diesen Umstand zu ändern. Es zeigt sich aber vielfach, dass noch viel Luft nach oben ist. Mit städtischen Auszeichnungen wie dem Kulturpreis oder dem Förderpreis und diversen Förderinstrumenten wie Unterstützungsbeiträgen in einmaliger Form oder längerfristigen Leistungsvereinbarungen sowie Vernetzungsangeboten unterstützt Wil Kulturschaffende dennoch aktiv und dies ist für mich ein grosses und wichtiges Zeichen, dass wir auf einem guten Weg sind.

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Markus Eugster, Sprecher von Ohm 41. (Foto: Adrian Zeller) 


Markus Eugster: «Der Kultur wird in Wil Raum gegeben»

Markus Eugster, fühlen Sie sich und Ihre kreative Tätigkeit geschätzt und unterstützt oder eher nicht gefördert?
In all den Zeiten haben wir (ohm41) und ich von Seiten der Medien immer sehr wohlwollende, passende und treffende Rückmeldungen erhalten. Wir haben ja auch genügend Aufhänger geliefert. Von politischer Seite war es so unterschiedlich wie auch Parteien und Menschen unterwegs sind. Die Exekutive in den letzten Jahren hat sich mit mir persönlich gut verstanden und umgekehrt, mit der ohm-Gruppe lag man im Clinch, da wir uns mit Kritik nicht zurück hielten. Da wird dann halt die ganze Gruppe mit in Sippenhaft gelegt und die Honigtöpfe (zum Beispiel Kunst am Bau) werden dann unerreichbar platziert. So funktionieren Menschen.

Ohm 41 wurde vor über zwanzig Jahren als Widerstandsorganisation gegen eine nicht vorhandene Kulturpolitik in Wil gegründet. Hat sich seither aus Sicht von Ohm 41 diesbezüglich in Wil etwas verändert?
V
or 20 bis 40 Jahren steckte vieles noch in den Kinderschuhen. Die Ämter waren hemdsärmliger und unorganisierter in Sachen Kunst und Kultur unterwegs. Traditionen wurden gepflegt. Neuerungen mussten von Gemeinderäten hart erarbeitet und durchgesetzt werden. Kultur, vor allem Zeitgenössisches, war in dem Sinne marginal verankert in der Gemeinde. Bräuche, Operetten, Theater wurden gepflegt. Es war eine niedliche Atmosphäre in Wil. Alles hatte ihre Ordnung. Doch dann brachen in Wil die wilden 1980er aus. Danach war alles ein wenig anders. Der Leu war los und daraus entwickelte sich 14 Jahre später ohm41. Man beschäftigte sich nun nicht mehr nur mit Traditionen und Bräuchen, sondern liess in Sachen Kunst auch Gegenwärtiges zu. Zeitgenössische Kunst nistete sich im Provinzstädtchen Wil ein. Und wir Öhmler verlangten einen Plan. Der Nichtstrategie früherer Zeiten waren wir überdrüssig. Man ging auf uns ein – ein gleiches Chaos wir bei dem Löwenbräu-Debakel wollte die Stadt nicht mehr erleben. Es wurden nun Pläne geschmiedet – der (zeitgenössischen) Kultur wurde Platz gegeben. Es wurden Leitbilder, Stellen und Orte (Lokremise(n), Türme) geschaffen. Was ohm41 beispielsweise so wollte. Bestens, also alles so geworden wie angedacht? Vielleicht.

Was ich so nicht vorausgesehen habe war, dass sich durch das Schaffen von Kulturstellen kommunal und kantonal eine grosse Veradministrierung verbreitet hat. Dies war natürlich auch eine Folge der Prozesse im System, da nun vermehrt für Kulturveranstaltungen auch Geldbeträge gesprochen wurden, was früher eher weniger der Fall war.

Im Grossen und Ganzen kann ich sagen, dass der Kultur in Wil Raum gegeben wird und es liegt an uns, diesen Raum mit Ideen zu füllen. Die Verantwortlichen der Stadt begrüssen die kulturelle Aktivität und schlagen die Türen nicht zu. Der Dialog ist gewährleistet. Ohm41 als kulturelle Widerstandsorganisation hat also ausgedient? Warten wir ab!