Es liest sich wie Verzeichnis ehemaliger und aktueller Wiler Gaststätten: Tiger, Sonne, Linde, Ochsen, Schweizerhaus, Harmonie, Zebra, Spanische Weinhalle, Schönthal, Rose, Neubrücke - die Liste ist noch um einige Lokale länger. Es ist eine Übersicht über die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Orchesterverein besuchten Wirtshäuser in Wil. Mittlerweile nennt sich die Formation Sinfonisches Orchester Wil.

Ehemaliges Central

Das heutige Restaurant Barcelona, gegenüber der Tonhalle, trug über lange Zeit den Namen Central. Gemäss Willi Obrich, der als Freizeit-Geschichtsforscher die Chronik der Wiler Gastlokale in einem Buch aufgerollt hat, waren dort Mitglieder des Orchestervereins, des Männerchor Concordia sowie des Kirchenchors St. Nikolaus Stammgäste.

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Das ehemalige Gasthaus Löwen an der Toggenburgerstrasse war ein Künstlertreff. (Foto: Adrian Zeller) 


Volkskonzert

Für seine musischen Attraktionen war der ehemalige Saal des Hotel Schwanen bekannt. 1933 gab der Wiler Orchesterverein dort ein Volkskonzert mit freiem Eintritt. Es wurden Stücke von Albert Lortzing, Franz Schubert und Jacques Offenbach gespielt. Über 200 Personen sassen im Publikum.

1935 spielte dort der Wiler Arzt Ernst Mauerhofer das Klavierkonzert Nr.9 Es-Dur (KV 428) von Wolfgang Amadeus Mozart.


Wiler Chöre in Landhaus 

Auch der Saal des Hotel Landhaus war vor 120 Jahren eine wichtige Plattform für das örtliche Kulturschaffen. Am 13. November 1901 traten die Wiler Männerchöre Concordia und Harmonie, der protestantische Kirchengesangsverein mit Unterstützung der Stadtmusik auf.

Festmahl im Hof

Das heutige Musiktheater Wil hatte seinen früheren Treffpunkt im Hof. Wie der ehemalige Leiter der Tonhalle, Benno Ruckstuhl, in einer Jubiläumsschrift schreibt, mussten die Mitwirkenden um 1856 ihre Kostüme selber beschaffen. «Dafür gab es nach jeder Aufführung ein Festmahl im Hof auf Rechnung der Kassa.»

Erfolgsstück

Das älteste Lokal in Wil, das für sein kulturelles Leben bekannt war, ist der «Löwen» in der unteren Vorstadt. Laut Olbrich war es um 1855 ein Treffpunkt von Künstlern, Sängern und Dichtern. «Viele Bestrebungen auf musikalischem und theatralischem Gebiet gingen vom «Löwen» aus.»

Dort las Carl Georg Jakob Sailer seinen Freunden erstmals aus dem «Vaterländischen Drama, Die Nonne von Wyl» vor. Es wurde zum Erfolgsstück, das im Hof sowie in der Tonhalle aufgeführt wurde. Der Wiler Dichter und Jurist Sailer durchlief eine steile Karriere, anfänglich als Wiler Stadtammann, später als St. Galler Regierungsrat und schliesslich als Bundesrichter.


Gartenwirtschaft

Mit dem Einsetzen des Eisenbahnzeitalters in Wil um 1855 begann sich die Region um die Gleise zu entwickeln. In Bahnhofsnähe wurde um 1872 das Restaurant Neuschöntal errichtet. «Jeweils gegen Ende Mai oder anfangs Juni wurde mit einem grossen Konzert die Gartenwirtschaft eröffnet», schreibt Olbrich. «Musikgesellschaften aus dem ganzen Kantonsgebiet waren im Verlauf der Jahre zu hören.» 1954 wurde die Liegenschaft abgebrochen.

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Im Sommer wurde im Garten des Restaurant Neuschöntal beim Bahnhof regelmässig musiziert. (Foto: wilnet) 


Pfauen

Um 1855 war auch der Pfauen, an der Ecke Konstanzer-/ Fürstenlandstrasse gelegen, ein Anziehungspunkt für Freunde der musikalischen Unterhaltung. Die Musikgesellschaft Union Wyl, die neuuniformierte Bürgermusik Gossau, die Stadtmusik St. Gallen, die Blechharmonie Flawil, der Musikverein Eintracht Bichelsee sowie die Tiroler- und Kärtner-Sängergesellschaft Alpenrose traten dort auf.

Viktoria

Auch in späteren Jahrzehnten gingen Musiker und ihr Publikum in Wiler Gaststätten ein und aus. Zu nennen ist etwa das Viktoria an der Dufourstrasse. In der Ära des Wirtes Armin Gähwiler erklang vor allem Country- und Westernmusik.

Das Musiklokal Dufour an der gleichnamigen Strasse bestand bis 1985. Es musste ebenfalls einem Bankneubau weichen. Im Wochenrhythmus griffen zuvor die Mitglieder verschiedener Bands in die Tasten und in die Saiten. Willi Olbrich schreibt: «Die musikalischen Aktivitäten lassen sich am ehesten mit den «Pfauen» und die Jahrhundertwende vergleichen.»

Im Reigen der Wiler Gastlokale mit musikalischer Unterhaltung muss zwingend auch der Freischütz in der Altstadt erwähnt werden. Heute wird er als Vinoteca geführt.

In der Ära von Gastwirt Rolf Gersbach, 1974-1981, konzertierten regelmässig nationale und internationale Grössen aus der Jazz- und Bluesszene.

Einem Vorgänger Gersbachs war laut Olbrich weniger Glück beschieden, 1898 wurde er gebüsste, weil an einem Sonntag einige Gäste zum Klang einer Zither habe tanzen lassen.

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Das Restaurant Dufour schuf sich in den achtziger Jahren einen Namen als Konzertlokal. (Foto: wilnet) 


Heutige Lokale mit Live-Musik

Derzeit erschwert die Pandemie und ihre Schutzmassnahmen das kulturelle Leben in der Wiler Gaststätten. Unter weniger schwierigen Umständen werden Gino`s Kunstcafé sowie die Gastrolokale El Pincho Zum Wilden Mann und die Café Bar La Moka gelegentlichen Konzertlokalen.

Eine musikalische Tournee durch neun Lokale die Vor- und die Altstadt ermöglicht die Veranstaltungsreihe Musig i dä Beiz.

Sie ist die Nachfolgeveranstaltung von Rock am Freitag und basiert auf einer Kooperation der Wirtinnen und Wirte von Ginos Kunstcafe, Trinkstube zum Hartz, Tiger, Barcelona, El Pincho, Linde, Vinothek sowie Art´s Restaurant Bar.