Es war vom Rahmen her einer der spezielleren Fälle, der am Montag vor dem Kreisgericht Wil in Flawil verhandelt wurde. Er sei ohne Rechtsanwalt erschienen, weil man ihm die Tat sowieso nicht nachweisen könne. Schon bei früheren Gerichtsfällen habe er nie einen Anwalt gebraucht. Also würde es nun ein schlechtes Bild auf ihn werfen, wenn er plötzlich einen Verteidiger hätte, liess der Angeklagte verlauten. Und siehe da: Der 65-Jährige zog mit einem Freispruch von dannen. Einzig 300 Franken an die Gerichtskosten muss er bezahlen, weil er der bereits zweiten Ansetzung der Verhandlung im Februar ferngeblieben war.

Beim dritten Mal klappte es nun. Und das war auch gut so. Denn ansonsten wäre ohne sein Bei tun ein Urteil über ihn verhängt worden. Es ging um sieben Bilder von Friedensreich Hundertwasser und Rolf Knie im Wert von rund 100'000 Franken, die der Mann in seinem Keller in Wil lagerte. Im Januar des vergangenen Jahres meldete er sich bei der Polizei, die sieben Bilder seien gestohlen worden. Als die Ordnungshüter angerückt waren, fanden sie die Bilder in einem nur wenige Meter nebenan gelegenen Elektrozählschrank. Zudem waren an der Kellertüre Einbruchspuren zu sehen, die jedoch nicht auf einen Geissfuss oder Schraubenzieher hindeuteten. Auch die DNA des Mannes wurde gefunden – nicht auf der Türklinke, sondern bei den Einbruchspuren.

Er lebt vom Vermögen

Der Verdacht liegt nahe: Der Mann hat den Verlust der Bilder vorgetäuscht, um danach bei der Versicherung Geld zu kassieren. Der Angeklagte verneinte dies im Gerichtssaal jedoch vehement. Auch er konnte aber nicht sagen, wer die Bilder von seinem Keller in den Nebenraum geschafft haben könnte. Denn schliesslich habe gar niemand gewusst, dass in diesem Keller wertvolle Bilder gelagert seien. «Die Anklage basiert hauptsächlich auf Mutmassungen und nicht auf Fakten», sagte der Mann in einem Plädoyer, dass er mangels Verteidiger selbst verlas.

Es stellte sich die Frage, warum der Mann überhaupt 100'000 Franken bei der Versicherung habe ergaunern wollen. Er gab zwar an, derzeit nicht berufstätig zu sein, aber von seinem Vermögen zu leben. Der Lebensunterhalt sei gesichert. Durch einen Liegenschaftsverkauf seien zehn Millionen Franken generiert worden. Zudem sei er zusammen mit zwei Brüdern Teil einer «sehr, sehr vermögenden Immobilienfirma». Jenes Drittel, mit welchem er beteiligt sei, soll zehn Millionen Franken wert sein. Am Schluss des Plädoyers forderte der Mann einen Freispruch.

Ein typisches «in dubio pro reo»

Beim Richter blieben jedoch Zweifel, ob der Angeklagte die Tat wirklich nicht begangenen hat. Beleuchtet wurde auch die Vorgeschichte: Der Mann ist mehrfach vorbestraft. Er war zuerst betrunken und später ohne Führerschein Auto gefahren, beschimpfte Beamte und leistete sich Misswirtschaft. Dazu kam der Gesundheitszustand. Der Mann hat laut eigenen Angaben ein Burn-Out erlitten, leidet unter Depressionen und trink Alkohol.

Das alles genügte aber nicht, um den Mann zu verurteilen. «Es ist ein typischer Fall von in dubio pro reo», sagte der Richter. Im Zweifel für den Angeklagten. «Es sind Hinweise da, die auf Sie als Täter hindeuten. Wir können aber nicht ganz ausschliessen, dass es jemand anders war. Ich kann es mir nicht leisten, jemanden unschuldig zu verurteilen», sagte der Richter in der mündlichen Urteilsverkündigung. Und er gab dem Mann mit auf den Weg, er soll doch die sieben Bilder bei der Polizei abholen. Seit dem Zwischenfall im Januar 2018 hatte er dies nicht getan, obwohl es möglich gewesen wäre. Auch das passte zum aussergewöhnlichen Rahmen dieses Gerichtsfalls.