Wil ist in einer anspruchsvollen Lage – geografisch. Zwischen den Zentren St. Gallen, Winterthur und Zürich müssen sich Stadt und Region doppelt behaupten, um wahrgenommen zu werden, um nicht nur ein Umsteigebahnhof und lediglich das Tor zum Toggenburg zu sein. Es braucht innovative Projekte, welche über die Region hinausstrahlen, welche die negativen Meldungen wie Gewalttaten und Leichenfunde in den Hintergrund der Wahrnehmung rücken lassen.

Aktuell ist Wil weder eine Schlafstadt noch ein überregionaler Anziehungspunkt. Wil steht auf einer soliden Basis, ohne im grossen Kontext auf sich aufmerksam zu machen. Wil hat seine Vorzüge und Problemzonen. Es gibt viel Zeigenswertes. Wil ist Bundesrat – und hat nebenbei Nationalräte, die ins Gespräch gebracht werden, wenn es um den Vorsitz der nationalen Parteileitungen von Links und Rechts geht. Im Regierungsrat «droht» in der kommenden Legislatur gar ein Fürstenländer Überhang. Wil hat im vergangenen Jahr als erste Ostschweizer Gemeinde den Klimanotstand ausgerufen, obwohl nur eine einzige Klima-Demo in der Äbtestadt stattfand. Ebendieser Klimanotstand ist in der Kantonshauptstadt nicht Tatsache geworden. Die Wahrnehmung und das Wirken von Politisch Wil und deren Führung ist in der Aussenwahrnehmung so gut, dass Stadtpräsidentin Susanne Hartmann der Einzug in die St. Galler Regierung durchaus zugetraut wird.

 
Das war das Jahr 2019 in Wil – das wartet im Jahr 2020. hallowil.ch-Chefredaktor macht einen Rückblick. (Video: Magdalena Ceak)

Problemzone Weiher

Trotz dieser vielen positiven Dinge ist die Äbtestadt im grossen Kontext eine graue Maus – und in der nationalen Wahrnehmung weiterhin Wil SG und nicht Wil, obwohl es hierzulande nicht annähernd ein gleich grosses anderes Wil gibt. Woran liegt das? In den nationalen Schlagzeilen war Wil, mal abgesehen von KKS, in den vergangenen Jahren fast ausschliesslich negativ. Dies den Journalisten in die Schuhe zu schieben, wäre zu kurz gegriffen. Denn Stadt und Region Wil brachten zu wenig Innovatives hervor, über das zu berichten gewesen wäre.

Bei der etwas genaueren Betrachtung auf tieferer Flughöhe stechen, neben der bekannten «Problemzone Bahnhofplatz» einige Dinge ins Auge, welche kein Ruhmesblatt sind. Seit Jahrzehnten wird in der Frage um die Zukunft der Mädchen-Sekundarschule Kathi debattiert und lamentiert, ohne vorwärts zu kommen. Ganz im Gegenteil: Ein Gerichtsentscheid hat im Dezember den politischen Willen umgestossen. Somit ist nun unklarer denn je, wie es mit dem Kathi weitergeht. Oder man nehme den Sportpark Bergholz: Seit Sommer 2013 wird in ihm Fussball gespielt. Eine Bauabrechnung liegt aber noch immer nicht vor und gewisse Kinderkrankheiten aus der Bauzeit sind noch nicht behoben. Es passt ins Bild, dass der Namensgeber vier Jahre früher als ursprünglich geplant sein Sponsoring per Ende 2019 beendet hat. Man nehme den Stadtpark jenseits des Weiher-Damms. Die Planung läuft seit 2014 – oder eben nicht. Mangelnde Ressourcen werden als Grund angegeben. Eine Bankrott-Erklärung. Oder man nehme die geplante Beiz am Weier, bei welcher man nun nach mehreren Jahren wieder auf Feld eins angekommen ist.


Hoffen auf namhafte Unternehmen im Westen Wils

In der Spitalfrage steht die Region gar vor einer Zerreissprobe. Dass man sich in Wattwil und Flawil gegen die Redimensionierung, welcher einer Schliessung nahekommt, wehrt, ist zwar einerseits verständlich. Dass die finanziellen Mittel für den Status quo nicht ausreichen, dürfte mittlerweile aber hinlänglich bekannt sein. Und dass die Spitäler dort situiert sein sollen, wo die meisten Leute wohnen, versteht sich ebenfalls von selbst. In dieser Frage droht die Region in jene alten Muster zurückzufallen, welche zu viel Lokalkolorit und zu wenig Offenheit jenseits des eigenen Gartenhags mit sich bringen.

Und genau davon braucht die Region Wil mehr: Innovationsgeist. Es geisterte mal die Rede von einem Wiler ETH-Ableger herum. Er würde der Region die bisher verriegelte Tür zur Forschung öffnen. Was geschieht nun mit dem ausgerufenen Klimanotstand? Er ist eine gute Chance, um auf sich aufmerksam zu machen. Viele Hoffnungen ruhen auf das Leuchtturm-Projekt Wil West, wo bis zu 3000 Arbeitsplätze angesiedelt werden solle. Bleibt zu hoffen, dass auch einige namhafte Unternehmen dabei sind, welche den Namen Wil in die Welt hinaustragen.


Frischer Wind könnte nicht schaden

Womöglich steht Wil vor einem veränderungsreichen Jahr. Denn die Gemeinderäte aller St. Galler Gemeinden, also auch des Wiler Stadtrats, sind im Herbst neu zu wählen. Wird Susanne Hartmann im Frühling in die Regierung gewählt, bekommt die Äbtesstadt ein neues Stadtpräsidium. Womöglich gibt es noch weitere Veränderungen im Stadtrat. Bisher tun sich die Verantwortlichen allerdings schwer, valable Kandidaten zu präsentieren. Ganz grundsätzlich gilt: Frischer Wind mit frischen Ideen würde der Region guttun.