Eines schon einmal vorweg: Das hier ist kein Plädoyer gegen das Stillen. Es ist vielmehr ein Votum gegen den Hype und die vorgeschriebene Idylle, die um dieses Thema gemacht werden. Auch ich stehe hinter der Erkenntnis der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass Muttermilch für ein Baby wichtig ist und dass es intime Momente zwischen Mutter Kind schafft. Muttermilch stärkt das Immunsystem. Stillen ist im Leben mit einem Säugling praktisch. Fakt ist aber auch, dass dieser Hype rund um das liebevolle und fürgsorgliche Stillen uns Müttern auch schaden kann. Es baut einen unglaublichen Druck auf. Ich habe es am eigenen Leib erfahren: Meine Tochter war nur ein paar Tage alt, als ich auf dem Sessel im Wickelraum der Geburtsklinik sass und mir dicke Tränen über die Wangen kullerten. Ich war verzweifelt und fühlte mich wie die schlechteste Mutter der Welt. Mein Neugeborenes hatte Hunger. Aber statt zu trinken, schrie es meine Brust nur lauthals an. Ich streichelte mein Kind, um es zu beruhigen. Aber es machte einfach nicht mit. In genau diesem Moment fühlte ich mich unfähig. Dabei habe ich mich während der Schwangerschaft tiefgründing mit diesem Thema auseinandergesetzt und alles Mögliche über das Stillen gelesen, ich war bei einer Stillberaterin, meine Freundinnen gaben mir Tipps und ich hatte klare Vorstellungen davon, wie das Stillen nach der Geburt aussehen sollte. Und genau da lag das Problem.

Nicht immer innig und schön

Diese Erfahrung passte nicht in mein Bild als frischgebackene Mama. Ich habe mit schlaflosen Nächten gerechnet, aber nicht damit, dass ich beim Stillen gleich zu Beginn so verzweifelt – ja sogar frustriert – sein würde. Meine Tochter hatte Mühe beim Saugen. Und sie wollte es auch nicht. Die Brustwarzen taten mir höllisch weh. Ich hatte keine Milch. Ich pumpte tagelang unter unerträglichen Schmerzen ab – und das Ganze für jeweils zwei Milliliter Milch. Die Pflegefachfrauen der Wochenbettstation waren mir keine Hilfe. Unzählige Male gaben sie mir das Gefühl des Versagens, als sie mürrisch meine abgepumpte Milch anstarrten und die Menge in meiner Patientenakte notierten. Das Stillen war für mich alles andere als ein inniger und wunderschöner Augenblick mit meinem Baby. Und der Blick zu meiner Zimmernachbarin hinüber, die nur wenige Stunden nach mir entbunden hatte, machte das Ganze nicht einfacher. Denn bei ihr klappte es wunderbar. All die Mutter-Kind-Bilder während des Stillens, die man in Zeitschriften, Büchern und soziale Netzwerken sieht, waren für mich plötzlich eine grosse Lüge. Erst als ich offen mit Freundinnen über das Thema sprach, kamen so einige Geschichten ans Licht. Da weinte eine Mama beim Stillen ständig, weil das Baby eine unglaubliche Saugkraft hatte. Eine andere Mama erzählte von ihren traumatischen Erlebnissen, als ihr Säugling in der Nacht stundenlang schrie, weil sie einfach zu wenig Milch hatte. Fast alle Mamas – mit denen ich über dieses Thema gesprochen hatte – pumpten irgendwann ab und gaben das Stillen deswegen genervt auf.

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Mainstream ist blind

In der Gesellschaft wird Stillen als das A und O der mütterlichen Vorsorge sowie Liebe gesehen. Wer sich kritisch darüber äussert, hat es bei anderen Müttern nicht immer einfach. So hatte ich auch mit einer Mama, deren Kinder bereits erwachsen sind, einmal eine Diskussion. Ich meinte nur, dass Stillen nicht für alle Mamas und Babys das Nonplusultra ist. Weil es eben nicht immer wie gewünscht und erhofft klappt. Sie, die ihre Kinder jeweils fast zwei Jahre gestillte hatte, wollte mir klar machen, dass ich zu wenig diszipliniert war und schliesslich jede Mutter stillen kann, wenn sie es eben nur möchte.

Auch wenn heute die Muttermilch für das Beste gehalten wird, heisst es nicht, dass Schoppenkinder nicht eine Universität besuchen können. Ich persönlich finde die Diskussion längst überholt, ob nun gestillte Kinder intelligenter, schlanker, gesünder und sozialer sind als Kinder, die als Säugling ein Fläschchen bekommen haben. Das Problem an dieser ganzen Thematik ist, dass der Mainstream blind ist. Wenn es bei uns Eltern um das eigene Kind geht, dann wollen wir alle nur etwas: das Beste. Und genau deshalb sind wir anfällig für Übertreibungen. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde die Pulvermilch der Muttermilch vorgezogen, weil sie als gesünder galt. 

Oh doch, es gibt eine Alternative

Meine Tochter war keinen Monat alt, als ich mich endgültig für das Abstillen, die Pulvermilch und den Schoppen entschieden habe. Und rückblickend war das für uns – meine Tochter und mich – die beste Entscheidung. Und meine Hebamme, die nach der Geburt zu Hause besuchte, war mir bei dieser Entscheidung eine grosse Stütze. «Lieber ein Schoppen und dafür eine entspannte Mama sowie ein entspanntes Kind», sagt sie zu mir, «als eine gestresste stillende Mama, die über die Milch ihrem Kind Stresshormone verabreicht.» Das war unser Weg und das ist auch ok. Also bitte, es geht auch ohne Stillen. Sollte ich irgendwann ein zweites Kind bekommen, würde ich es mit dem Stillen auf jeden Fall wieder versuchen. Würde mich aber nicht so lange quälen, sollte es wieder nicht klappen.

Stillen ist nicht alternativlos. Wie so vieles im Leben haben sowohl die Mutter- als auch die Pulvermilch ihre Vor- und Nachteile. Diese endlose Diskussion über das Stillen und Nicht-Stillen schadet den Müttern. Nicht nur jenen, die nun einmal nicht stillen können und grundlos mit dem grauenhaften Gefühl überrollt werden, keine richtigen Mamas zu sein. Es schadet aber auch allen anderen Müttern, die irgendwann auf Pulvermilch wechseln. Sei das aus beruflichen oder anderen Gründen. Und all das sollten sie ohne Schuldgefühle tun dürfen. 

«hallowil.ch»-Redaktorin Magdalena Ceak ist Mama einer eineinhalbjährigen Tochter. Auf ihrem Instagram-Profil «Lena liebt…» berichtet sie regelmässig über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.