Zuerst kickt sie mich mit ihrem Fuss in den Bauch. Dann reisst sie das Müasli, das ich eben in den Einkaufswagen legen möchte, an sich. Nur zwei Meter später landet die ganze Packung auf dem Boden. Ich atme tief durch. Und ja, ich bin gestresst. Da nützt mir auch die Erkenntnis nicht, dass alle Mütter und Väter sich mindestens eimal im Leben in so einer Situation befinden. Und Plötzlich landet der Selfscanner, den ich mir beim Coop-Eingang geschnappt habe, zwischen der Gurke und den Bananen. Eigentlich wusste ich schon in der Tiefgarage, dass meine knapp zweijährige Tochter so keinen Bock auf den Einkauf im Lebensmittelladen hat. Wieder nach Hause gehen, war auch keine Option. Augen zu und durch. Es musste also schnell gehen. Jetzt schreit sie auf, weil wir an der Brotabteilung vorbeigelaufen sind, ohne ihr ein frisches Weggli mitzunehmen – sorry, bei dem Blut, das ich gerade schwitze, habe ich es einfach vergessen. Ich will zurücklaufen. Sie aber möchte aus dem Sitz herausklettern und kickt mich noch einmal mit ihren Füssen. «Ok, jetzt reicht es», fauche ich sie an. Richtig genervt hebe ich sie aus dem Einkaufswagen. Wohlbemerkt mit dem Wissen, dass im Laden jetzt nichts mehr vor ihr sicher ist. Eigentlich kann es nur noch schlimmer kommen. Denn meine Tochter findet es richtig doof, dass ich jedes Produkt konfisziere, das sie aus den Regalen zieht. Bei den Olivenöl- und Rapsölflaschen aus Glas hört der Spass definitiv auf. Jetzt wird es richtig lustig. Zumindest für Aussenstehende. Hier stehe ich, die Mama, die nun tut, was sie in so einer Situation einmal tun muss. Da steht meine Tochter, die Profi-Trotzerin, die jetzt kaum zu bändigen ist. 

Warum weglaufen, nicht funktioniert

Eigentlich bin ich jetzt mitten in einer Szene, in der ich nie sein wollte. Vor meiner Mami-Zeit schwor ich mir selbst, nie eine von diesen Mama's zu sein, die ihre Kinder im Supermarkt nicht im Griff haben würde. Was soll ich sagen, ausser: Danke liebes Karma. Was macht man also als Mama, wenn das knapp zweijährige Kind trotzig auf dem Supermarkt-Boden sitzt und weder weitergehen noch zurück in den Kindersitz des Einkaufswagens möchte? Egal, was ich jetzt machen würde, mein kleiner Trotz-Kopf würde noch trotziger reagieren. Meine Tochter macht keinen Mucks. Aber ihre Sirene schaltet sich sofort ein, als ich mich ihr nähere. «Neeeeiiiin», schiesst es aus ihrem Mund los. Mühsam versuche ich sie wie ein umgekippte Stehlampe wieder auf ihre Beinchen zu stellen. «Neeeeiiiiiin», schreit sie und zerdrückt das Weggli-Stückchen mit ihrer kleinen Hand. Es folgt ein grosses Tränen-Theater. Die Überförderungs-Schweissperlen tröpfeln von meiner Stirn nun bereits auf dem Boden. 

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Was mache ich also? «Einfach liegen lassen und weglaufen, sie wird sich schon wieder beruhigen und hinterher rennen», sagt eine Frau beim Vorbeigehen. «Liegen lassen und weggehen?», denke ich mir. Ja genau, ich lasse meine 21-Monate alte Tochter einfach aus den Augen. Und wann soll ich sie wieder abholen? Am Abend an dieser Stelle? Liegen lassen funktioniert definitiv nicht: Unzählige Male mit dem eigene Abgang drohen, ebenso unzählige Male langsam weglaufen und unzählige Male zurückkehren. 

Die ABC-Lösung in der Falle

Tausend Gedanken schiessen mir durch den Kopf, während ich noch immer schwitze. «Wie soll ich sie nur beruhigen?» Im selben Augenblick ziehe ich meinen Hut vor allen Eltern, die diese Situation mit viel Geduld meistern. Denn steckt man einmal in der Falle eines kleinen Trotz-Profis fest, kommt man da nicht mehr so schnell wieder raus. Was soll ich also tun? Ich nehme mein grosses ABC-Lösungsbuch hervor. A, wie Ablenken. «Guck, dort sind die Teigwaren. Wir brauchen noch Pasta.» Hilft kein bisschen. «Neeeeiiin», schreit sie wieder. B, wie bitten. «Bitte, bitte, lass uns jetzt weiterlaufen.» Bringt am wenigsten. C, wie catchen. «Jetzt wird dich Mama fangen.» Wieder dröhnt aus ihrem Mündchen: «Neeeiiin» … K, wie Kasse. Ich könnte sie jetzt hochheben, unter meinen Arm nehmen, schnell an der Kasse bezahlen und ebenso schnell zur Tiefgarage rennen. Das trau ich mich aber nicht … W, wie warten. Ich warte und warte und warte. Es kostet mich viel Geduld. Aber ich warte. Auf das, dass der Trotz-Moment sie wieder loslässt. Nach 15 Minuten ist dann alles vorbei. Der kleine Trotz-Profi steht auf: «Mami, bitte Quetschie.» Überglücklich laufe ich mit meiner Tochter noch zu der Babynahrung-Abteilung, hole ihr ein paar Quetschbeutel mit Früchtepüree. Ob das ABC auch nächstes Mal klappen wird? Vielleicht werde ich das nächste Mal beim Buchstaben A schon erfolgreich sein. Vielleicht werde ich auch beim Buchstaben Z scheitern. 

«hallowil.ch»-Redaktorin Magdalena Ceak ist Mama einer eineinhalbjährigen Tochter. Auf ihrem Instagram-Profil «Lena liebt…» berichtet sie regelmässig über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.