«Auf die Wange oder Stirn ist genug.» «Richtig eklig.» «Total unangemessen.» «Schwul.» «Das sieht echt pädophil aus.» Mit diesen Schlagzeile lösten vor allem zwei prominente Väter in der Vergangenheit einen riesigen Shitstorm in den sozialen Netzwerken und in den Medien aus: Es geht um den englischen Fussballstar David Beckham und Tom Brady, der Quarterback des US-amerikanischen Footballteams New England Patriots – die beiden küssen ihre Kinder nämlich auf den Mund. Beckham küsste damals seine Tochter Harper auf den Mund. Und Brady tat dies während den Aufnahmen einer Fernsehdokumentation bei seinem damals elfjährigen Sohn. Die beiden Sportler wurden auf das übelste beschimpft und beleidigt. «Ich küsse alle meine Kinder auf den Mund», verteidigte sich der vierfache Papa Beckham damals. «Ausser Brooklyn, der ist erwachsen», erklärte der Fussballer.

Als Mama einer bald zweijährigen Tochter schiesst mir bei diesem Thema nur eine Frage durch den Kopf: Wie bescheuert sind wir Menschen heute eigentlich? Haben wir wirklich eins an der Waffel? Wir regen uns tatsächlich über Papas auf, die liebevoll mit ihren Kindern umgehen und ihnen beibringen, was Liebe ist. Manchmal frage ich mich, was als nächstes kommt. Regen wir uns über Mütter auf, die länger als ein Jahr stillen? Oder über Väter, die in der Öffentlichkeit, ihre Kinder auf den Schoss nehmen und streicheln?

Es gilt die körperliche Selbstbestimmung

Zuerst müssen ein paar Dinge klargestellt werden. Erstens, jedes Kind hat ganz klar das Recht auf körperliche Selbstbestimmung. Absolut niemand besitzt das Recht, sie ungefragt zu küssen und schon gar nicht auf einen Kuss zu bestehen – auch die Eltern nicht. Kinder dürfen und sollen auch diese Form von körperlicher Intimität aus verschiedenen Gründen ablehnen dürfen. Das ist legitim. Und das muss ihnen von klein auf beigebracht werden. Denn besonders Kleinkinder finden es eine Weile interessant, wenn Eltern tatsächlich akzeptieren und respektieren, wenn sie «Nein» sagen. Kinder müssen früh erkennen, dass absolut niemand das Recht hat, sich über ihre körperliche Abgrenzung hinwegzusetzen. Es darf nicht so leicht sein, dieses Schutzschild einfach so zu durchbrechen. Auch Grosseltern, Tanten, Onkel oder Geschwister müssen diese Entscheidung bewusst hören. 

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Ja, mein Ehemann und ich küssen unsere Tochter auf den Mund. Das, weil unsere Tochter uns selbst auf den Mund küsst, wenn sie Küsschen verteilen will. Schliesslich hat sie es sich bei uns abgeguckt – wenn sich Mama und Papa auf den Mund küssen. Also bestimmt nicht aus einem pädophilen Hintergedanken. Erst kürzlich wurden wir in unserem Bekanntenkreis darauf angesprochen, warum mein Mann unsere Tochter direkt auf den Mund küsst. «Das sieht schon etwas befremdlich aus», meinte die Bekannte. Ich habe mich richtig über diese Aussage aufreget. Ein Papa küsst seine Tochter auf den Mund. Wie krass. Ich kann verstehen, dass es Mütter und Väter gibt, die sich mit dem Kuss auf den Mund schwer tun. Natürlich kann man ab einem gewissen Alter dem Kind sagen, dass man das nicht möchte. Doch wie soll man einer knapp Zweijährigen, die einen umarmt und auf den Mund küsst, einfach «Nein» sagen? Denn ein zweijähriges Kind wird mit Sätzen wie «Ich möchte das nicht» oder «Ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll» nichts anfangen können. Ein solches «Nein» können Kinder in diesem jungen Alter als verletzend empfinden. 

So unterschiedlich sehen Eltern den Mundkuss

Erst vor ein paar Wochen habe ich die Mundküsse in unserem Freundeskreis angesprochen, um zu sehen, wie andere Eltern mit diesem Thema umgehen. Es gibt tatsächlich viele Mamas und Papas, die ihre Kinder nicht auf den Mund küssen wollen. Und das aus den verschiedensten Gründen nicht. Während die einen sagen, dass es sich für sie falsch anfühlt, meinen andere, dass solche Küsse nur zwischen Liebespartnern stattfinden sollen. Diese Eltern sehen den Mundkuss als romantische Liebe zwischen zwei Erwachsenen. Und nicht als Liebe zwischen Kind und Eltern. Wiederum andere Mamas und Papas sehen den Mundkuss als etwas Sexuelles und damit als völlig unangebracht in der Beziehung zu ihren Kindern. 

Klar, alle Eltern sollen für sich entscheiden, ob sie derartige Küsse ihren Kindern geben wollen. Da will ich keiner Mama und keinem Papa meine Meinung aufzwingen. Aber eine Frage stelle ich mir bei diesem Tabuthema schon: Warum sollten Mundküsse nicht etwas anderes als romantische Liebe oder sexuelles Begehren ausdrücken können? Die weibliche Brust kann als erotisch betrachtet werden, aber auch ein Baby stillen. Oder nehmen wir das Familienbett – dieses kann von der ganzen Familie als Kuschelecke frühmorgens genutzt werden, aber in diesem haben die Eltern auch Sex, wenn sie mal alleine zu Hause sind. Die Diskussion rund um den Mundkuss ist also völlig unnötig und ungerechtfertigt. Egal, ob sich Eltern dafür oder dagegen entscheiden – es ist so oder so nicht falsch. Deshalb würde ich gerne die Meinung unserer Leser hören: Bekommen oder bekamen Ihre Kinder von Ihnen Küsschen auf den Mund? (siehe Umfrage unten)

In unserem Fall haben wir entschieden, dass wir unsere Erstgeborene auch weiter in der Öffentlichkeit auf den Mund küssen werden. Egal, was die Gesellschaft oder unser Umfeld darüber denken. Denn auch unsere Tochter wird älter. Und irgendwann wird wahrscheinlich der Zeitpunkt kommen, wenn es sich für sie aber auch für uns komisch anfühlen wird. 

Regelmässig berichtet «hallowil.ch»-Redaktorin und Mama Magdalena Ceak auf ihrem Instagram-Profil über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.