Liebe Mama, seit zehn Monaten trägst du mich nun auf deinen Armen. «Meine Zuckerpuppe», nennst du mich liebevoll. Morgens lächelst du mich an, wenn ich dich wecke. Abends gibst du mir den dicksten Kuss, bevor mich Papa in den Schlaf wiegt. Aber dann gibt es diese Momente, in denen du total genervt bist. Ich bin zwar noch so klein, aber ich spüre das. Denn seit meiner Geburt bekommst du ununterbrochen ungewünschte Ratschläge von anderen Erwachsenen. Ich sehe, wie du meistens auf Durchzug schaltest und gewisse Kommentare ignorierst. Bei einigen Ratschlägen diskutierst du wie eine richtige Löwenmama. Aber einmal, da haben dich zwei Aussagen so fassungslos gemacht, dass du nur noch den Kopf geschüttelt hast. «Lass sie ruhig auch mal schreien, so entwickelt sie ihre Lunge», hat ein Erwachsener zu dir gesagt. «Spring nicht gleich immer auf, wenn sie schreit. So verwöhnst du sie zu sehr», hat eine Frau darauf gemeint. Du hast diese Aussagen als Unfug und völligen Schwachsinn bezeichnet. Mama, du hast absolut Recht. Das ist doch keine Rechtfertigung dafür, dass man ein Baby wie mich schreien lassen soll. Wenn wir Babys schreien, dann müssen bei euch Erwachsenen zurecht alle Alarmglocken angehen.

Viele Eltern sind sich dessen bewusst, dass die Gründe, warum wir Babys schreien, ebenso vielfältig wie unsere Charaktere sind. Die meisten Gründe lasse sich leicht beheben, andere bleiben für euch Erwachsene undurchschaubar. Ja, sie kosten euch teilweise viele Nerven und bringen euch fast zur Verzweiflung. Aber wenn wir satt sowie gewickelt sind und sonst keine Beschwerden haben und trotzdem schreien, dann ist für euch guter Rat teuer. Euch Eltern bleiben dann nur zwei Alternativen: Uns schreien lassen oder im Arm trösten. Weisst du Mama, ich verstehe das absolut. 

«Bitte vermittle mir Zuneigung»

In den vergangenen zehn Monaten hast du immer die zweite Variante gewählt und mich nie alleine gelassen, als ich geschrien habe. Nie. Nie. Nie. Liebe Mama, ich hoffe, dass du das auch in Zukunft nicht tun wirst. Denn ich weine nicht einfach so und vor allem nicht ohne Grund. Einmal ist die volle Windel Schuld. Dann plagt mich der Hunger. Oder mir ist einfach langweilig. Und manchmal weiss ich selbst nicht, warum ich schreie. Aber das Schreien ist meine einzige Möglichkeit zu kommunizieren, mich mitzuteilen. Damit möchte ich dir nur zeigen, dass etwas nicht stimmt. Dann möchte ich eben nicht alleine sein, denn ich bin in Not und brauche Hilfe. Wenn du mich in so einem Moment alleine lassen würdest, dann würdest du mir klare Botschaften senden: «Ich bin nicht für dich da.» «Du kannst dich nicht auf mich verlassen.» «Ich nehme dich nicht ernst.» Und das Gefühl alleine zu sein, ist für mich fatal. Du kannst heute überall nachlesen, dass wir Babys so das wichtigste Grundgefühl im Leben verlieren: Das Vertrauen, dass die Menschen und das Leben gut sind. In diesen Momenten würde ich nur etwas lernen: Ich bin allein und keiner kommt, der mich unterstützt. Diese Erkenntnis würde sich weiter auf mein zukünftiges Leben auswirken.

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Liebe Mama, wenn ich schreie und du mich hoch nimmst, dann vermittelst du mir Liebe, Zuneigung und Verlässlichkeit – auch wenn du nicht wirklich weisst, was mich plagt. Mir ist bewusst, dass ich nicht immer gleich aufhöre zu schreien, wenn du mich hochnimmst. Manchmal habe ich so grossen Kummer, der einfach raus muss. Auch wenn es über Stunden geht. Auch wenn es dir manchmal schwer fällt, sollst du Mama wissen, dass ich in gewissen Augenblicken einfach nicht anders kann. Ich vertraue darauf, dass du Rat weisst oder eben zumindest einfach da bist. Bei Angst, Stress und Überreizung reicht mir deine Nähe vollkommen aus und ich kann mich wieder beruhigen, etwas erden.

«Allein sein, heisst sterben»

Liebe Mama, als Neugeborenes konnte ich nicht gleich wissen, dass ich plötzlich ein eigenständiges Wesen bin. Ich bin ja fleissig daran mein Ich-Bewusstsein zu entwickeln. Aber das wird noch eine Weile dauern. Im Moment gibt es für mich zwei Zustände: Bei dir sein und damit bei mir sein oder ohne dich zu sein und damit auch von mir selbst abgetrennt zu sein. Der zweite Zustand ist für mich bedrohlich. Wie viele andere Mamas hast du dich schon während der Schwangerschaft in Büchern und im Internet über dies und jenes informiert. So hast du gelesen, dass Säuglinge, die vor wenigen Jahrhunderten von der Mutter getrennt waren, in den meisten Fällen starben. Weil die Mama als Ernährerin nicht präsent war. Und deshalb schreien wir Babys. Um uns bemerkbar zu machen. Um zu überleben. Und deshalb ist es grausam und unverantwortlich, wenn Eltern uns Babys schreien lassen, um uns nicht zu verwöhnen. Dabei kann ich als Baby gar nicht genug Nähe, Liebe und Aufmerksamkeit bekommen.

Natürlich werde ich mich eines Tages in einer Trotzphase befinden und sehr wohl anhaltendes Geschrei nutzen, um meinen Willen durchzusetzen. Aber das werde ich erst als Kleinkind machen. Deshalb ist es völlig in Ordnung, wenn du mich mit eineinhalb Jahren mit meinem Wutanfall stehen lässt. Denn als Mama wirst du genau unterscheiden können, wann ich einfach wütend sowie trotzig bin und wann mein Geschrei ein echtes Bedürfnis ausdrückt. So kannst du davon ausgehen, wenn ich nachts weinend aufwache, dass ich keinen Machtkampf austragen möchte, sondern eher aus einem Alptraum erwacht bin und mich einsam fühle. Vielleicht fällt es dir und anderen Eltern weiterhin gut oder zumindest leichter, mit unserem Schreien umzugehen und angemessen zu reagieren. Noch einmal: Schreiende Babys zeigen immer ein Bedürfnis und das Schreien zu ignorieren, ist definitiv keine Lösung. Mamas und Papas, die auf unser Schreien reagieren, unterstützen uns und sind präsent. 

Täglich berichtet «hallowil.ch»-Redaktorin und Mama Magdalena Ceak auf ihrem Instagram-Profil über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.