Als ich die neue Stelle bei meinem aktuellen Arbeitgeber antrat, war meine Tochter drei Monate alt. Ich – die frischgebackene und romantische Mama, die voller Tatendrang war – war total davon überzeugt, dass sich mein Beruf mit der Familie vereinbaren lässt. Ich war der Meinung, dass die Vereinbarkeit im Jahr 2019 kein Mythos ist, sondern mit dem richtigen Arbeitgeber nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch möglich. Während ich meine Bewerbung für meinen aktuellen Job wenige Wochen davor schrieb, mein Baby schlafend neben mir, schien mir alles klar: Wenn schon ein neuer Job und ein neues Arbeitsumfeld, dann nur, wenn ich von zu Hause aus arbeiten kann und meine Tochter mit an Sitzungen und Interviews nehmen kann. Wenn ständig und überall über Vereinbarkeit gesprochen wird, müsste ich als erwerbstätige Frau und Mama zeigen, dass es eben doch geht – dass man Erwerbstätigkeit und Muttersein unter einen Hut bringen kann. Wäre das nicht ein wichtiger Schritt für uns Mütter in der Arbeitswelt? Viel mehr: Ist es nicht ein längst notweniges Statement? Aber darf ich als Mama mein Kind für ein solches Statement an die Gesellschaft nutzen?

Als ich mit meinem Umfeld über mein Vorhaben, meine Vorstellung, meine Idee sprach, traf ich auf viel Zuspruch, aber auch auf viel Kritik. Manche meiner Verwandten, Freunde und Bekannten hatten das Gefühl, dass mein Baby bei der Arbeit nur schreien würde. Davor hatte ich ehrlich gesagt keine Angst – hatte ich doch ein sehr ruhiges und ausgeglichenes Baby, das in der Nacht durchschlief. Aber ich hatte vor etwas anderem Angst: Verurteilt zu werden. Als rücksichtslose und emotionslose Mama abgestempelt zu werden. «Das arme Kind gehört doch nicht in eine Redaktion», «Was ist mit dem Rhythmus deines Babys?», «Und was machst du, wenn es während der Arbeit deine Nähe braucht?», «Warum hast du dann überhaupt ein Kind bekommen, wenn dir deine Karriere so wichtig ist», waren nur wenige der Reaktionen, die ich direkt zu hören bekam. Aber mein Bauchgefühl sagte mir: Doch, mein Baby ist lieb, neugierig, unkompliziert, ausgeglichen. Und ausserdem würde ich es jederzeit hochnehmen oder ins Tragetuch packen, wenn es meine Nähe braucht. Und es wäre ja nicht ständig während der Arbeitszeit dabei. Mein Ehemann kann auch mal früher von der Arbeit nach Hause kommen. Viele Termine sind abends, wenn der Papa zu Hause ist und die Kleine schläft. In meinen Augen war alles perfekt organisiert. Schön, wie ich mich rechtfertigen und verteidigen musste, oder?

Die grosse Unsicherheit

Ich war wirklich felsenfest der Überzeugung, dass ich meinem Baby so etwas zumuten kann. Aber ich wurde verunsichert. Von meinem Bekanntenkreis. Von anderen Mamas, die nicht nach drei Monaten Mutterschaftsurlaub wieder zur Arbeit gingen. Von der Gesellschaft und ihren Wertvorstellungen. Geht es um Kinder, dann meint jeder, seinen Senf dazugeben zu müssen und irgendwie weiss es jeder besser. Sobald es um die Kindererziehung und das Kindeswohl geht, wird alles so unglaublich kompliziert und theoretisch. Viele Entscheidungen von Eltern werden schnell als verantwortungslos bezeichnet. Vor allem als Mama muss man alles hundertfach überdenken und von allen Seiten beleuchten. Obwohl ich wegen der ganzen Reaktionen verunsichert war, wusste ich, dass es meiner Tochter nicht schaden würde, wenn ihre Mama etwas für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie tut und als betroffene sowie berufstätige Mama wichtige Impulse setzt. Mein Ehemann unterstützte mich absolut in meinem Vorhaben. Er predigte mir nicht wie andere vor, dass das Kindeswohl vorgeht – er wusste, wie stark mein Mamainstinkt und meine Mamaliebe war. 

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Bitte mehr Mut und Spontanität

Mir war von Anfang an klar, dass mein Vorhaben ein grosses Ding war. Denn ich hätte damit scheitern und damit auf die Nase fliegen können. Meine Tochter hätte darunter leiden können. Ich hätte mit meinen perfekt durchplanten Wochenplänen scheitern können. Mein Arbeitgeber hätte nach kurzer Zeit sagen können, dass die Zusammenarbeit so nicht funktioniert. Hätte, hätte, hätte … war aber nicht so. Im Gegenteil, heute weiss ich, dass dies einer meiner besten Entscheidungen war. Im letzten Jahr ist mir bewusst geworden, dass alle von dieser wichtigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf reden. Aber wenn es darum geht, eben diese Vereinbarkeit umzusetzen, dann sind alle – sowohl Männer als auch Unternehmen und vor allem Frauen – ängstlich, kompliziert, beschränkt, unspontan und spassbefreit. Schade. Einfach mal probieren, statt nur theoretisch darüber zu reden.

Und etwas habe ich in den letzten Monaten besonders gelernt: Ich möchte so nicht leben. Mit dem Finger auf andere zeigen, nur weil sie mutig sind und einfach mal etwas anders machen. Und so möchte ich auch meine Tochter nicht erziehen. Sie soll in erster Linie Lust am Leben haben. Sie soll mit Flexibilität und einer gewissen Spontanität durch das Leben gehen. Die Freude und der Mut sollen sie begleiten. Allem voran soll sie sich nicht ständig fragen, was andere von ihr denken könnten. Und sie soll keine Angst haben, Impulse zu setzen. Im Gegenteil: Ich als Mama werde sie dazu ermutigen.

An Grenzen stossen

Keine Frage, es war und ist heute nicht immer so einfach. Egal, wie gut ich meine Arbeitswochen, die Fremdbetreuung – seit ihrem ersten Geburtstag geht meine Tochter halbtags in die Kita –, unsere Familienzeit, den Haushalt plane. Manchmal sind die Tage so chaotisch und lang, dass ich sehr wohl an meine Grenzen stosse. Während Sitzungen habe ich auch schon Blut geschwitzt, weil meine Tochter auch mal schlechte Tage hatte und nur Nähe suchte. Es gab stressige Tage, an denen ich ein weinendes Baby im einen Arm wiegend beruhigte und mit dem anderen Arm arbeitete. Aber das alles sind Erfahrungen, die mich als berufstätige Mama weiterbringen.

Ich wollte ein Zeichen für erwerbstätige Mütter setzen. Ein Zeichen, dass andere Mamas dazu ermutigen soll, einfach mal etwas zu wagen und auszuprobieren. Und ja mein Zeichen hatte auch in meinem Umfeld Kraft. Viele sagen, dass nun auch ihren ganzen Mut zusammenfassen wollen. Mittlerweile spüre ich das Schiedsgericht nicht mehr – nein, ich spüre einen starken Support von anderen Frauen. 

Täglich berichtet «hallowil.ch»-Redaktorin und Mama Magdalena Ceak auf ihrem Instagram-Profil über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.