Liebe Mamas, stellt Euch Folgendes vor: Ihr geht mit einer Einkaufsliste in den Laden, legt alle nötigen Lebensmittel und Windeln in den Einkaufswagen, stellt alle Produkte auf das Laufband. Die Verkäuferin scannt alles ein, Ihr packt alles in die Taschen, bezahlt. Und dann. Ja dann, läuft Ihr einfach weg. Lässt den gesamten Einkauf einfach stehen. Ja, mir ist das tatsächlich passiert. Oder ich habe in einer Parkgarage mein Auto im 2. statt im 3. Stock gesucht. Dann vergesse ich öfters beim Einkaufen genau das Nahrungsmittel, weswegen ich eigentlich das Haus verlassen habe. Früher war ich ein lebender Kalender, musste nie Termine irgendwo eintragen oder Geburtstage fett markieren und schon gar keine Einkaufslisten schreiben. Diese Vergesslichkeit passt eigentlich nicht zu mir. Aber sie ist da. Angefangen hat alles mit der Schwangerschaftsdemenz. Dann die Stilldemenz. Und jetzt ist es wahrscheinlich die Leben-mit-Kind-Demenz. Geht es Euch da gleich? Bitte sagt «Ja».

Ich kann sogar noch einen drauf legen: Bereits vor meiner Tochter, musste ich jedes Parkticket suchen. Mal war es im Portemonnaie, ein anderes Mal auf dem Beifahrersitz und mal war es einfach in einem Seitenfach in der Tasche. Aber ich hätte nie, nie, nie, niemals gedacht, dass ich einmal mit dem Auto bei der Ausfahrt stehe und mich frage, wo der Knopf ist, um das Parkticket zu lösen. Ich sass mit Fragezeichen über meinem Kopf da, minutenlang. «Warum haben den diese neuen Parkgaragen keine Knöpfe mehr?», fluchte ich irgendwann laut. Erst als ich im Rückspiegel sah, dass ein Auto hinter mir stand, dämmerte es mir plötzlich. Ja, das Ticket lag auf meinen Oberschenkeln, um für die Ausfahrt aus dem Parkhaus gebraucht zu werden. Und nicht, um ein weiteres Ticket zu lösen. 

Aber warum passieren Müttern solche skurrilen Dinge? Warum gehen gewisse Dinge einfach vergessen? Ich weiss es nicht. Aber vielleicht liegt es daran, dass die Aufmerksamkeit einer Mama nicht mehr nur der Umwelt gehört, sondern sich sehr intensiv auf die Kinder richtet. Oder ist es der Schlafmangel?

Wegen hormonellen Prozessen

Zur Verteidigung der Mütter muss man an dieser Stelle sagen, dass es ist nichts Unbekanntes ist, dass Frauen während der Schwangerschaft und der Stillzeit zu Vergesslichkeit, Verwirttheit oder sogar Wortfindungsstörungen neigen. So können Frauen in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt keine komplexen Handlungen planen oder ihre Emotionen regulieren. Nach Angaben vieler Experten ist dieses Gedächtnisdefizit aber nicht bleibend. Denn für diese Vergesslichkeit ist keine Veränderung im Gehirn verantwortlich. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zu dem Gedächtnisdefizit wegen hormonellen Veränderungen kommt. Der sogenannte Prolaktin- und Oxytocin-Spiegel sind nach der Geburt deutlich erhöht. Durch die Hormonausschüttung lebt eine Mutter mit ihrem Kind in einem Mikrokosmos – deshalb werden andere Lebensbereiche einfach vergessen. Bereits in der Schwangerschaft wird das ganze Leben einer Frau durcheinandergebracht. Ihr fehlt es an Tiefschlafphasen – etwa weil sie durch den dicken Bauch keine bequeme Schlafposition findet. Und nach der Geburt des Kindes gibt es keinen geregelten Tagesablauf. Der Stress durch den neuen Rhythmus und die Schlafprobleme führen zu Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. 

Dann kommen die Sorgen

Dann ist diese Sache mit dem Nachtschreck. Nicht bei meiner Tochter, sondern bei mir. Seit ich Mama bin, leide ich immer wieder unter ihm. So oft schrecke ich nachts auf, wenn meine Tochter krank ist. Oder wenn ich ein langes Husten aus ihren Kinderzimmer höre, denn seit diesem Herbst erkrankt sie regelmässig an einer obstruktive Bronchitis. Sie ist extrem anfällig – steckt sie sich mit einem Virus an, reagiert sie unerwartet mit Atemnot. Den Nachtschreck hatte ich auch nach ihrer Geburt. Beispielsweise wenn meine Tochter durchschlief und ich zu lange am Stück schlafen konnte. Ja genau, weil ich zu lange Schlaf hatte. Dann bin ich panisch aufgesprungen, um mich über das Beistellbettchen zu beugen und um zu sehen, ob sie noch atmet. 

Wenn das Kind krank wird, machen sich Eltern Sorgen – ist doch eine normale Reaktion, oder? Wenn sich der Gesundheitszustand nach einer Zeit nicht verbessert, dann bekommen die Eltern Angst – ist doch ebenfalls eine normale Redaktion? Wie viel Sorge ist überhaupt normal? Die Kölner Kinderärztin Karella Easwaren hat zu diesem Thema ein ganzes Buch verfasst: «Das Geheimnis gesunder Kinder – Was Eltern tun und lassen können». In diesem Buch gibt sie Ratschläge, wie Eltern mit Sorgen um ihre Kinder umgehen sollen. Denn Easwaren betont, dass man manche lebensbedrohlichen Krankheiten, die es früher gab, in Kinderarztpraxen kaum sieht. Und dennoch sorgen sich Väter und insbesondere Mütter. Ein Beispiel: Vor über 100 Jahren starb jedes vierte Kind in Europa noch vor dem fünften Lebensjahr. In der Schweiz liegt die Kindersterblichkeit heute bei 4:1000. Damit ist die Rate von 25 auf 0,04 Prozent gesunken. Und trotzdem beruhigt das die heutigen besorgten Eltern offenbar nicht. Kinderärztin Easwaren weiss auch, dass über Eltern und deren Verhalten heute viel geschimpft wird. Mamas und Papas sind entweder Helikopter-Eltern oder Eltern, die zu unvorsichtig sind. Dabei sei das Muttersein ein Naturphänomen, das jede Frau in sich habe. Die Unsicherheit komme erst von Aussen – sei das von den Medien, das Internet oder Ratschlägen von Aussenstehenden. Die gesellschaftliche Erwartungshaltung wachse. Das führe dazu, dass Eltern «lieber zu viel als zu wenig» tun.