Ich sitze mit meiner Tochter in einem Café. Ich nippe an meinem Latte Macchiatto und gebe meiner Tochter immer wieder ein Stückchen vom Weggli. Während ich mit meiner Tochter plaudere, merke ich, wie die drei Damen am Tisch neben uns tuscheln. Zuerst fühle ich mich angesprochen und überlege, was ich denn Komisches gemacht habe. Bis ich merke, dass die drei Frauen eine andere Mama, die mit ihrem Kleinkind und einer Freundin ein paar Tische weiter sitzt, im Visier haben. «Ich würde meinem Kind niemals das Handy in die Hand drücken, damit ich in Ruhe meinen Kaffee trinken kann», lästert die eine Frau. «Ja, soll sie doch mal ihr Kind unterhalten», ergänzt die andere. Und die Dritte im Bund meint – übrigens eine etwas ältere Dame: «Die Mütter von heute machen es sich einfach, indem sie ihre Kinder Youtube-Videos gucken lassen statt mit ihnen zu spielen».

Mich nervt die Situation. Die Kommentare. Die Art, wie fremde Menschen sich das Recht nehmen, über eine Mama so zu urteilen. Hat diese Mama wirklich etwas falsch gemacht? Ist es wirklich so schlimm, dass sie ihrem Kind ein Handy gibt? Ist sie deshalb eine schlechte Mutter? Nein, ich denke nicht. Denn sie hat das in diesem Moment für sich und ihr Kind entschieden – und das ist ihr Recht. Das braucht niemanden zu jucken. Vielleicht hatte diese Mama einen sehr stressigen Vormittag und möchte nur eine halbe Stunde in Ruhe mit ihrer Freundin reden – ohne das Kind jede Sekunde unterhalten zu müssen. Vielleicht hatte sie auch keinen stressigen Tag und der Junge darf ein Mal am Tag ein paar Trickfilme gucken. Aber vielleicht darf er auch regelmässig mit dem Handy spielen. Na und? Es tut überhaupt nichts zur Sache, was ich als Fremde davon halte oder wie ich es als Mama machen würde. Denn es ist nicht mein Kind. Also auch nicht meine Entscheidung. Überhaupt finde ich es daneben, eine Mama an den Pranger zu stellen.

Als Mama macht man eh alles falsch

Seit elf Monaten weiss ich, was es heisst, immer wieder grundlos kritisiert zu werden und ständig unter Beobachtung zu stehen. Und eines der heiss diskutiertesten Themen überhaupt: Stillen. Da war diese ältere Damen mit ihrem Ehemann in einem Wiler Café. Sie war total von meiner damals zwei Monate alten Tochter fasziniert. Wir hatten ein sehr angenehmes Gespräch. Aber als ich das Fläschchen aus der Wickeltasche genommen habe, um die Milch für mein Baby zu mischen, schenkte mir die ältere Dame nur noch böse Blicke. Ja, ich Rabenmutter stille mein Kind nicht. Nicht, weil ich es nicht wollte, sondern weil es bei uns einfach nicht geklappt hat. Als das ältere Paar aufstand und gehen wollte, meinte die Dame vorwurfsvoll: «Sie sollten wissen, dass Muttermilch das Beste für Ihr Kind ist.» Ganz ehrlich, ich sass sprachlos da und fragte mich ein Dutzend Mal, ob ich träumte oder diese Fremde mir das wirklich gesagt hat. Ohne mich und meine Geschichte zu kennen, hat sie sich das Recht genommen, über mich als Mama zu urteilen. Aber diese Dame wäre wahrscheinlich als Erste entsetzt aufgesprungen, wenn ich mein Baby im Café gestillt hätte. 

Im Prinzip macht man ab dem Zeitpunkt, wenn man Mama geworden ist, eh immer irgendetwas falsch. Irgendjemand – sei das eine Freundin, die Schwiegermutter, eine andere Mutter oder eine fremde Person – hat zu irgendeinem Erziehungsthema einen dummen oder unnötigen Kommentar. Und jeder weiss es besser. Jeder, der meint seinen Senf dazugeben zu müssen, meint es besser zu wissen, was für mein Kind und mich besser ist. Ob Stillen in der Öffentlichkeit, Ernährung, Kleidung oder Erziehungsmassnahmen: Eine genauere Beobachtung im öffentlichen Raum offenbart, dass zu den unterschiedlichsten Themen, die mit Kindern zu tun haben, jeder nur allzu gern und auch ungefragt seine Meinung kundtut. Und Mamas genau deshalb unvorbereitet an den Pranger gestellt werden. Vor allem dann, wenn eine Mutter so manches anders macht als andere Mamas. Mittlerweile gibt es hierfür sogar einen Begriff: Mom-Shaming. Dabei geht es um nichts anderes, als das ständige Kritisieren und Abstrafen anderer Mütter. 

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Ja, mein Kind geht in die Kita

Im Moment bin ich so sehr davon genervt, dass Leute in unserem Bekanntenkreis ungefragt ihre Meinung darüber äussern, dass wir unsere Tochter seit drei Wochen vier halbe Tage in die Kita geben. «Mit knapp einem Jahr ist das schon sehr früh. Kinder sollten bis zum dritten Lebensjahr bei der Mama bleiben.» Mittlerweile rolle ich nur noch mit den Augen, weil ich mich nicht mehr rechtfertigen mag. Nur weil ich der Meinung bin, dass eine knapp Einjährige sozialen Kontakt zu anderen Kindern braucht. Und was ich mir alles anhören musste, als sie die erste Magen-Darm-Grippe hatte. «Ja, das hat sie von einem anderen Kita-Kind bekommen.» «Sie hat schon ihre erste Magen-Darm-Grippe? Das ist bestimmt, weil sie in die Kita geht.» Dafür habe ich gar keinen Kommentar mehr. 

So oder so. Als Mama kann man – in den Augen von Aussenstehenden – kaum etwas richtig machen. Stillt man in der Öffentlichkeit, fühlen sich andere belästigt. Gibt man dem Baby aber ein Fläschchen, werden einem Blicke zugeworfen, als würde man sein Kind grundlos anbrüllen. Geht das Kind in die Kita, ist man eine schlechte Mama, weil man ja nur an die Karriere denkt. Bleibt man mit dem Kind zu Hause, wird man als Glucke abgestempelt. Macht man eine Fernreise mit dem Kind, ist man egoistisch. Bleibt man in den Ferien mit den Kindern zu Hause, ist man geizig. Beobachtet man jeden Schritt des Nachwuchses, bekommt man schnell den Titel der Helikopter-Mutter.   Springt man nicht jedes Mal auf, wenn das Kind quengelt, ist man verantwortungslos. 

In diesem Sinne ein kleines Loblied an alle Mamas: Ihr seid toll. Egal, ob euer Kind natürlich oder per Kaiserschnitt zur Welt gekommen ist. Egal, ob ihr keine Minute oder zwei Jahre lang euer Kind gestillt habt. Egal, ob ihr euer Kind im Laden unter Kontrolle habt oder ob es lauthals schreit, weil es etwas nicht bekommt. Egal, ob euer Kind regelmässig Früchte ist oder ob es auch einmal ein bisschen Schoggi bekommt. Ihr macht einen verdammt guten Job, der wohlbemerkt kein Zuckerschlecken ist. Denn mit jedem neuen Tag stürzt ihr euch ins Chaos und gebt mit viel Liebe, Hingabe und Verzicht alles für euer Kind. Und genau darauf kommt es an. 

Täglich berichtet «hallowil.ch»-Redaktorin und Mama Magdalena Ceak auf ihrem Instagram-Profil über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.