«Mama, warum bin ich eigentlich anders als die Kinder in der Schule?» Diese Frage habe ich als Drittklässlerin einmal beim Abendessen gestellt. Zack. Meine Eltern starrten mich im ersten Augenblick verwirrt an. Sofort fragten sie mich besorgt, wie ich daraufkommen würde, dass ich anders sei. «Ja, weil ich ein ‘Jugo-Mädchen’ bin», antwortete ich. Ich wusste, dass es ein Schimpfwort war, aber nicht, was es bedeutete. Ich kann mich noch heute an das kreidebleiche, entsetzte Gesicht meiner Mutter erinnern. Mein Papa ergriff die Initiative und erklärte mir, warum mich die anderen Kinder als «Jugo-Mädchen» abstempelten. Und schon waren wir mitten in einem Gespräch über Rassismus. «Aber was ist denn ein Rassist?», wollte ich wissen. Mein Papa versuchte mir zu erklären, dass das Problem nicht bei mir lag, sondern bei den Mädchen und Jungs, die mich so ausgrenzten. Er erklärte mir altersgerecht, dass das Wort von Rasse kommt und es Leute gibt, welche die Menschen in verschiedene Rassen einteilen. «Aber das ist völliger Blödsinn», sagte mein Papa, «weil wir alle Menschen sind und alle zur ein und derselben Rasse gehören». Mein Vater meinte auch, dass ich das nicht persönlich nehmen dürfe und die anderen Kinder das nur taten, weil ihnen ihre Eltern diesen Gedanken eingetrichtert haben, dass ihre eigene Rasse besser sei als andere. «Aber Rassismus beschränkt sich nicht nur auf eine Hautfarbe, Religion oder Nationalität Rassisten hassen alles, was anders ist als sie», erklärte mein Vater, «und das ist nicht schön». Ich nickte.

Ich verstand schon, dass ich in einem anderen Land geboren wurde. Dass ich einen anderen Nachnamen als meine Mitschüler hatte. Dass ich neben Deutsch auch Kroatisch konnte. Dass ich einen anderen Pass als meine «Gspändli» hatte. Aber: Dass ich deshalb als Mensch weniger wert sein sollte, das verstand ich nicht. Dass ich nach dem Schulunterricht im Dorfbrunnen landete, die Räder meines Velos wöchentlich aufgeschlitzt wurden, mir ständig das «Znüni» geklaut wurde und einzelne Lehrer mich als «dumm» bezeichneten – das tat mir weh und begleitete mich jahrelang. Und das nur, weil meine Eltern aus Kroatien in die Schweiz gezogen sind. Für viele Menschen in Malans – unserem ehemaligen Wohnort, in dem der Ausländeranteil damals so ziemlich bei Null lag – war meine Familie ein Dorn im Auge.

Den Kindern das Weltgeschehen erklären

Wenn sich eine schockierende Nachricht auf der ganzen Welt verbreitet, dann erreicht sie irgendwann auch die Kinder. Das erlebte kürzlich eine Bekannte von mir, die Kinder im Primarschulalter hat. Denn ihre Kinder haben die Schreckensnachricht über George Floyd aus Minneapolis, der bei einer Festnahme von einem Polizisten minutenlang zu Boden gedrückt wurde und dabei keine Luft bekam und kurz danach starb, mitbekommen. Die Nachrichten über den grausamen Tod und die darauffolgenden Demonstrationen hörten die Kinder meiner Bekannten am Radio. Und schon ging es los. Sofort wollten sie wissen, was passiert sei. Nun hatte meine Bekannte zwei Möglichkeiten: Sie konnte entweder die Idylle in ihrer Schweizer Familie beschützen und das Weltgeschehen ignorieren. Oder sie konnte ihren Kindern die Geschichte von der Festnahme und dem Verhalten des Polizisten erzählen. Sie entschied sich für die zweite Möglichkeit. «Was, ein Polizist? Wieso hat er das gemacht? Er muss doch die Menschen beschützen», sagte der Achtjährige. Und so war meine Bekannte mit ihren Kindern mitten im Gespräch über Rassismus – wie meine Eltern vor 23 Jahren.

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Meine Tochter Lea ist jetzt eineinhalb Jahre alt. Ihr muss ich jetzt zwar nicht erklären, was aktuell auf der Welt passiert. Wäre sie ein paar Jahre älter, würde ich es machen. Und das würde ich nicht nur aus Sorge tun, damit meine Tochter nicht Opfer von Rassismus, Mobbing, sexuellen Übergriffen oder Gewalt wird. Sondern weil ich mir auch Gedanken darüber mache, woher denn die Täter dieser Welt kommen und wer sie erzogen hat. Denn Täter sind nicht nur die gemeinen Mobber, gewalttätigen Nazis und brutalen Vergewaltiger. Mit Tätern meine ich auch die Personen, die mitlaufen und wegschauen. Somit tragen wir Eltern viel Verantwortung in dieser Thematik: Denn wir müssen eben nicht nur unsere Kinder vor anderen schützen, sondern auch andere Menschen vor unseren Kindern und den Erwachsenen, zu denen sie heranwachsen könnten. Ja, es ist meine Verantwortung und Pflicht, meine Tochter so zu erziehen, dass sie sich allen Menschen gegenüber fair, freundlich, hilfsbereit und empathisch verhält. Mir ist es egal, wie meine Tochter später leben oder welchen Beruf sie ausüben wird – aber es liegt mir am Herzen, dass zu einer anständigen und hilfsbereiten Frau heranwächst, die alle Menschen respektiert und akzeptiert. Sie soll allen Menschen – unabhängig von ihrer Nationalität, Religion, Hautfarbe, Sexualität oder ihrem Geschlecht – offen begegnen. 

Fünf- bis siebenjährige Kinder besonders anfällig

Auswertungen von 113 Studien haben belegt, dass sich in der frühen Kindheit entscheidet, ob eine Person später fremdenfeindlich und diskriminierend wird. Denn die Forschungsarbeiten des Psychologen Andreas Beelmann haben gezeigt, dass Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren besonders anfällig für rassistische Gedanken sind. Das hat damit zu tun, dass die Kinder in diesem Alter jede Art von Unterschied bewusst sehen und sich mit anderen Kindern vergleichen. Haben die betroffenen Kinder keine persönlichen Kontakt mit anderen Ethnien, können sie negative Gedanken entwickeln. Verstärkt werden diese Vorurteile, wenn die Eltern diese noch unterstützen. 

«Niemand kommt auf die Welt mit einem Gefühl des Hasses gegenüber anderen Menschen aufgrund derer Hautfarbe, Herkunft oder Religion. Die Menschen müssen den Hass erst lernen. Und wenn sie zu hassen lernen können, dann kann man ihnen auch beibringen zu lieben», sagte einst Nelson Mandela. Deshalb tragen wir Eltern – jede einzelne Mama und jeder einzelne Papa – diese Verantwortung. Denn es liegt in unserer Hand, den Rassismus in der nächsten Generation aufzuhalten. Wir können es unseren Kindern bewusst vorleben, indem wir ihnen zeigen, das wir Menschen – unabhängig ihrer Nationalität, Religion oder Hautfarbe – in unser Herz schliessen können. Wenn wir das schaffen, dann werden unsere Kinder, ihren eigenen Kindern nicht erklären müssen, was Rassismus ist und warum Menschen wie George Floyd sterben müssen.  

«hallowil.ch»-Redaktorin Magdalena Ceak ist Mama einer eineinhalbjährigen Tochter. Auf ihrem Instagram-Profil «Lena liebt…» berichtet sie regelmässig über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.