Als meine Tochter vergangenen September ein Jahr alt wurde, wünschten mein Ehemann und ich uns ein Auto für sie. Auf der Geburtstagsliste stand nicht etwa ein rosafarbener Bobby-Car, sondern ein cremefarbener Metallrutscher. Ein Oldtimer, der sich in Bewegung setzt, wenn sich das Kind mit den Beinen abstösst. Ein Rutschauto eben. Nichts Besondereres, ein normales Auto mit einem Lenkrad.

Bei einigen Personen in unserem Umfeld zeigte sich jedoch ein gewisser Widerstand, ihr, einem Mädchen, ein Auto zu schenken. «Ein Auto für ein Mädchen?» «Ihr wolltet also lieber einen Jungen haben?» Warum denn – und überhaupt? «Ist nicht eine Puppe sinnvoller?» Aber weil unsere Tochter bereits eine Puppe hatte, wollten wir nicht noch eine zweite, dritte und vierte Puppe für sie. Also vergaben wir den Geschenkvorschlag an eine andere Person, die kein Problem damit hatte, einem Mädchen ein Auto zu schenken.

Immer diese Geschlechterrollen

Ein bisschen war ich schon über diese Geschlechterklischee überrascht. Immerhin leben wir im Jahr 2020. Was fürchten denn die Menschen, die einem Mädchen ein Auto schenken? Dass es sofort und unwiderruflich zum Jungen wird? Dass es ab dann nur noch Superhelden-T-Shirts anziehen will und sich ab dann immer einen kurzen Haarschnitt verpassen will. Oder ein drittes, fünftes oder zehntes Geschlecht für sich entdeckt – und zum Transmenschen wird? Und wenn das sogar alles eintreffen würde: Was kümmert es diese Menschen? Ich sehe in all dem kein Problem. Jeder Mensch – auch ein Kind – darf und soll so leben, wie er sich wohlfühlt und mit dem, was ihn glücklich macht. Ich hätte beispielsweise auch kein Problem damit, – wenn ich eine Jungenmama wäre – meinem Sohn eine Puppe zum Spielen zu geben.

Klar, die Reaktion zu unserer Geburtstagsliste waren extreme Einzelmeinungen. Trotzdem passen sie irgendwie in die aktuelle Zeit. Und diese ist von gesellschaftlichen Geschlechterrollen geprägt. So entstehen nicht selten Behauptungen, dass ein Mädchen nicht mit einem Auto spielt – das tun nur Buben. Und ein Junge spielt nicht mit einer Puppe – das ist Mädchenkram. Ein Mädchen spielt nicht Fussball, das ist unweiblich. Auch tanzt ein Junge kein Ballett, das ist unmännlich. Ein Junge weint nicht und zeigt keine Gefühle. Und ein Mädchen darf nicht toben und wütend sein. Dafür ist sie fleissig und folgsam. Und er ist nicht gerade lerneifrig, aber dafür praktisch veranlagt. Ein Mädchen kümmert sich eher ums Häusliche und macht nicht zu viel Karriere. Dafür muss ein Junge später der Hauptverdiener in der Familie sein.

Post inside

Hinter all dem steckt vor allem sozialer Druck. Mir blieb der Mund offen stehen, als ich von der Erfindung «Girlie Glue» erfahren haben. Dieses Produkt wurde von einer amerikanischen Unternehmerin und Mama erfunden, die nicht mit dem klarkam, dass ihre Tochter – die damals wohlbemerkt noch ein Baby war – kaum Haare auf dem Kopf hatte und deshalb immer wieder als Junge identifiziert wurde. Also entwickelte sie einen biologisch abbaubaren Klebstoff, damit sie ihrer Tochter eine Schleife im Babyhaar befestigen konnte. Nur damit niemand mehr darauf kommt, dass sie ein Junge sein könnte. Ich urteile nicht gerne über andere Eltern und deren Entscheide. Aber das ist doch völlig verrückt, oder?

Sowohl Ballerina als auch Fussballerin

Als Mama will ich für meine Tochter viel mehr als diese vorgegebenen gesellschaftlichen Geschlechterrollen. Ich möchte ihr die ganze Welt und deren Möglichkeiten zeigen und offenlegen: Als Mädchen soll sie natürlich mit Puppen spielen, aber sie darf auch mit Autos herumfahren. Sie darf eine fussballspielende Ballerina sein oder in einem Tüllrock Skateboard fahren. Sie kann süsse Haarspangen kombiniert mit coolen Batman-T-Shirts tragen. Sie darf sowohl süss, als auch frech sein. Sie darf eine Spielküche, aber auch eine Spielwerkbank haben. Sie soll nicht nur zuckersüss aussehen und immer sauber sein, sie darf auch im Dreck wühlen und blaue Knie haben. Das eine schliesst das andere nicht aus. 

Dabei geht es nicht nur darum, dass man den Kindern eine vielfältige und bunte Welt zeigt. Es geht um viel mehr: um ihre Zukunft nämlich. Und: Die Gesellschaft soll nicht in diesen ganzen Geschlechterklischees hängen bleiben. Es geht darum, dass die Kitas in Zukunft auch Väter anrufen, wenn das Kind krank ist. Oder, dass ein Mann beim Bewerbungsgespräch gefragt wird, wie er sich zu Hause mit den Kindern organisiert, um trotzdem die Leistungen am Arbeitsplatz erbringen zu können. Und dafür müssen wir eigentlich nicht viel tun: Wir sollten damit aufhören einzelnen Beschäftigungen und Gegenständen ein Geschlecht zu geben. Man soll die Kinder einfach machen lassen. Es ist doch super, wenn ein Mädchen gerne mit Autos spielt oder auf dem Fussballfeld kickt und nicht immer nur mit dem spielt, was die Gesellschaft ihr vorgibt. Oder wenn ein Junge mit Puppen spielt und so lernt, sich um jemanden zu kümmern und zu pflegen. 

«hallowil.ch»-Redaktorin Magdalena Ceak ist Mama einer eineinhalbjährigen Tochter. Auf ihrem Instagram-Profil «Lena liebt…» berichtet sie regelmässig über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.