Meine Tochter war etwas älter als 18 Monate, als sie plötzlich da war. Einfach aus dem nichts. Ohne Vorwarnung. Die Trotzphase von der alle Eltern reden. Und deshalb erzähle ich meine persönliche Horror-Geschichte als Mama: Ich laufe also nichts ahnend in den Coop, um einzukaufen. Meine Tochter will wie immer beim Einkauf nicht im Kinderwagen sitzen bleiben, also darf sie im Laden neben mir spazieren. So ist zumindest der Plan. Zielstrebig laufen wir zuerst zum Gemüse und zu den Früchten. Meine Tochter hilft mir gutgelaunt und topmotiviert, die Lebensmittel in den Einkaufskorb zu legen. Aber bereits jetzt bahnt sich eine Gewitterwolke über uns: Plötzlich findet meine Tochter, dass sie mit ihrem Finger Löcher in die Pfrisiche bohren und Litschis zerquetschen muss. In einem ruhigen Ton erkläre ich ihr, dass man das nicht macht. «I will», erwidert sie. Ich verdrehe mental meine Augen während ich ihr sage, dass wir nun zur Brottheke gehen. Brav dreht sie sich um und bewegt sich in die richtige Richtung. Ich klopfe mir auf die Schulter – ich bin stolz, dass sie so auf mich hört. Wir legen unser Lieblingsbrot in den Einkaufskorb. «I will das», sagt meine Tochter und zeigt mit ihrem Fingerchen auf die Buttergipfeli. Ok, sie hatte eh nur ein Joghurt zum Frühstück. Also reiche ich ihr ein Stückchen von einem Gipfel. Sie beisst sichtlich glücklich rein. Und plötzlich dreht sie sich um und will noch nach einem Brötchen greifen. «Nein, du kannst nicht zwei Sachen haben», sage ich in einem schärferen Ton. Und dann geschieht es – der Albtraum aller Eltern.

Kleiner Einschub: Bevor ich Mama wurde, hätte ich es nie für möglich gehalten, dass mich das Erziehen meines Kindes derart herausfordern könnte. Ich dachte mir immer, dass das nicht so schwer sein kann – schliesslich muss man einfach eine klare Linie haben und konsequent sein. Denkste!

Es kann nicht schlimmer werden! Oh doch!

Zurück zu meiner Horrorszene im Laden: Meine Tochter hört einfach nicht auf mich. Ich rufe nach ihr, sie kommt nicht. «Schoggibrötli», schreit sie durch den ganzen Laden. Wieder sage ich: «Nein, lass uns jetzt zur Kasse gehen.» Ich versuche sie abzulenken. Meine Tochter rastet in diesem Moment aus. Komplett. Sie schreit wie am Spiess – als würde sie jemand gleich in Stücke reissen. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen und gehe auf ihre Augenhöhe und erkläre ihr noch einmal, warum es jetzt kein Brötchen mit Schoggi-Stückchen gibt. «Das nächste Mal dann», sage ich liebevoll. Das lustige in dieser Szene: Ich dachte wirklich, dass ich sie mit diesem Versprechen besänftigen kann. «Phahahah» – erwidert der kleine imaginäre Teufel, der auf der Schulter meiner Tochter sitzt. Selbstverständlich schreit sie weiter: «Schoggibrötli, Schoggibrötli.» Innerlich nicht mehr so locker, sage ich hörbar genervt: «Nein!» Dann laufe ich zielstrebig zur Kasse. Hinter mir das kleine schreiende Elend. Keiner der anderen Kunden lässt sich etwas anmerken. Doch ich spüre diese Blicke, ich höre ihre Gedanken. «So a Rotzgöra!» «Dia hätt ihras Kind aber nid im Griff!»

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Meine Tochter hört einfach nicht auf. Sie schreit. Und schreit. Und schreit. Ohne Ende. Jetzt spüre ich nur noch Wut und Scham. Mir wird heiss. Mein Herz pocht bis zum Kopf. Noch immer versuche ich mir, nichts anmerken lassen. Aber ich bin total gestresst. Überfordert. Würde am liebsten auf den Boden sitzen und weinen. Tatsächlich werden meine Augen ein wenig feucht. Innerlich versuche ich mich zu beruhigen: «Wir bezahlen und gehen gleich. Es kann eh nicht noch schlimmer werden.» Dann hüpft das kleine imaginäre Teufelchen auf der Schulter meiner Tochter auf: «Phahaha!» Es krümmt sich vor lachen. Und meine Tochter legt noch einen oben drauf. Wie das Tüpfelchen auf dem «i». Sie rennt wieder in den Laden. Unser Einkauf ist bereits auf dem Laufband, aber ich renne ihr hinterher. Ich fange sie und kann sie nur noch in den Kinderwagen zwingen. Ich schäme mich. So sehr, dass mir wieder Tränen in die Augen schiessen. Endlich bezahlen wir. Die Kassiererin lächelt mich an, sichtlich um mich zu trösten. «Ich kenne das. Es ist nur eine Phase.» Mein inneres Ich, das vom Schweiss durchnässt ist, als hätte es einen Marathon hinter sich, blickt auf und schreit: «Eine Phase? Eine Phase?» Natürlich schreie ich nicht, denn sie hat Recht. Aber es ist so schrecklich. Ich lächle und nicke.

Das Gefühl des Versagens

Kein Frage, andere Eltern erleben auch solche Momente. Irgendwann gelangen wir alle an den Punkt, in dem wir unsere Erziehung hinterfragen. Indem wir das Gefühl haben, komplett zu versagen. Denn Kleinkinder beherrschen es perfekt, ihren Mamas und Papas zu demonstrieren, wie überfordert sie manchmal sind. Sie verweigern es einfach, sich so zu verhalten wie es ihre Eltern von ihnen erwarten. Und genau das ist so frustrierend. Häufig haben wir Eltern das Gefühl gegen eine Wand zu reden.

Ja, das Erziehen von Kindern ist eine der grössten Aufgaben, die ein Erwachsener überhaupt bewältigen kann. Es ist das Schönste auf der Welt. Aber dann gibt es diese Momente in denen das Leben mit Kindern einfach Überforderung pur ist. Denn manchmal ist es einfach nur anstrengend. Weil es so intensiv ist. Jetzt liebe Eltern, Hand aufs Herz: Es gibt Augenblicke, da würdet ihr der Kindererziehung am liebsten den Stinkefinger zeigen, oder? Zumindest geht es mir so. Manchmal würde ich gerne abschalten und für fünf Minuten nicht darüber nachdenken, ob man bei einem Trotzanfall des Kindes nun richtig reagiert hat oder nicht. Aber leider gibt es diese Pausen bei Eltern nicht. Die Kindererziehung ist ab der Geburt des Kindes immer da. Ununterbrochen. 24/7. Natürlich hat man als Mama oder Papa Freude an der Erziehung, weil das Kind einen Meilenstein bewältigt, einem anlächelt, einem einen Kuss gibt oder etwas Neues entdeckt. Nur gibt es nun auch mal die ermüdenden Momente, in denen kein Erfolg in Sicht ist. Und genau da liegt die Herausforderung im Elternsein. Denn Kindererziehung bedeutet auch Erziehung für uns Eltern selbst. Denn wir sind gefordert richtig zu reagieren. Das ist wichtig. Aber auch wir haben Gefühle. Und diese dürfen wir zeigen, auch unseren Kindern. 

«hallowil.ch»-Redaktorin Magdalena Ceak ist Mama einer eineinhalbjährigen Tochter. Auf ihrem Instagram-Profil «Lena liebt…» berichtet sie regelmässig über den Familienalltag und gibt Inspirationen für die Kinderzimmereinrichtung.