«Lüstermännchen und -weibchen waren in wohlhabenden Haushalten verbreitete Lichtquellen seit dem späten Mittelalter», sagt Sammlungskuratorin Christine Süry. Sie sind mit Fassungen für Kerzen ausgestattet, die an Geweihen oder Hörnern angebracht sind. Zum Lüster gehöre jeweils eine geschnitzte Skulptur in Form einer Frau oder eines Mannes, in welche das Geweih oder in die Hörner eingelassen seien. Christine Süry: «Hörner und Geweihe sind Trophäen, die man gerne präsentierte. Es waren Statussymbole.» Die Lüster seien als wertvolle, aussergewöhnliche Wohnaccessoires für gut betuchte Kreise zu verstehen: «Der Leuchter ist ein hängendes Kunstwerk für sich, bestehend aus einem geschnitzten Körper mit aufgesetzten Naturalien.» Man habe damit zeigen wollen, was man sich leisten konnte. Allerdings seien Leuchten in Form eines Fisches wie eben jene skurrile Lichtquelle aus Wil «äusserst selten».

Warum ist der Fisch ein Delphin?

Und warum nennt man den Wiler Fisch «Delphin»? Der stellvertretende Museumsdirektor Dominik Streiff vermutet, dass es sich «bei der Ausgestaltung eher um einen Wels als um einen Delphin handelt». Wie die Wiler Leuchte zu ihrem Namen gekommen ist, entziehe sich seiner Kenntnis, er vermutet einen «Fehler in einer viel späteren Zuschreibung». Christine Süry führt aus: «Weshalb dieser Leuchter die Form eines Delphins haben sollte, ist unklar. Erst im Schlosskatalog steht dieser Begriff, im Eingangsbuch steht nämlich Fischleuchter.» Der Lüster sei 1886 zur Sammlung des historischen Museums gekommen, und zwar über den damaligen Konservator Hermann Stähelin aus Weinfelden. Dieser habe zwar viele Antiquitäten gesammelt, aber deren Provenienz – also deren Ursprung – nicht dokumentiert.

Verwandt mit Seeungeheuern

Für die Leuchte wurde übrigens kein echter Fisch verwendet, vielmehr ist der Körper aus bemaltem und geschnitzten Holz gefertigt. Die Flossen sind aus Damhirschgeweih und Hirschhorn gemacht worden, vorne schauen Hauer – also die Eckzähne von Ebern – heraus. Datiert sei das Objekt im Schlosskatalog auf das 16. Jahrhundert. Christine Süry ist allerdings unsicher, ob diese Datierung ganz korrekt ist, da es keine Herkunftsangaben gibt. Sicher sei aber, dass Schnitzwerke dieser Art ins 16. bis 17. Jahrhundert gehörten. Und was soll der Wiler Lüsterdelphin nun eigentlich darstellen? Das ist auch der Sammlungskuratorin nicht ganz klar. Sie vermutet, dass er mit einem Seeungeheuer «verwandt» sein könnte: «Im späten Mittelalter wurden Bücher gedruckt mit Abbildungen von Seeungeheuern und diese haben den Schnitzer womöglich zu seinem Werk inspiriert.»

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