Ob die Obrigkeiten wie der Bundesrat, Fachleute und Experten, Gelehrten, Analysten*innen und Studienspezialisten*innen auf den richtigen Wegen sind, kann und will ich nicht beurteilen. Was ich aber kann und will ist, dass ich nicht glaube, dass sie uns allesamt hinters Licht führen möchten und die Welt dem Untergang weihen. Trotz der ganzen Komplexität der Materie und der Geschehnisse ist es ein Appell an meinen Anstand klar fundierten Erkenntnissen und deren Verfassern mit Anstand zu begegnen und mindestes mit einer Prise Wertschätzung für ihre Arbeit zu lohnen.

Fremdwort Anstand

Wenn ich aber mit Trotzreaktionen von Verschwörungstheoretikern*innen und ihren Zukunftsbildern, welche jeglicher Realität entbehren, konfrontiert werde, dann löst das in mir ungute Gefühle aus. Es macht mir Angst mit welcher unanständigen und vorvorgestrigen Naivität zwischenmenschlich, auch im privaten Bereich, umgegangen wird. Es fehlt auch hier nur eine gehörige Portion Anstand, der für immer mehr Personen ein Fremdwort ist. Angebracht wären etwas weniger Egoismus und dafür etwas mehr grundsätzliche Solidarität für das Gesamte. Solidarität ist und bleibt der Zähler für Lösungen und nicht die Bilanz für die Optimierung des Egoismus.

Was die Gesellschaft spaltet sind nicht nur die verschiedenen extremen Meinungen, sondern die vergiftende Unart, daraus mit Kalkül auch politisch Stimmung zu machen, anstatt gemeinsam und pragmatisch nach Lösungen zu suchen. Es fehlt auch hier, wenn man Diskussionen verfolgt, am Anstand sich zumindest einmal zuzuhören.

Sündenbock Medien

Die Medien als Gesamtbegriff verdienen sich immer weniger gute Noten und sind zu einem Reizwort verkommen. Da ja ohnehin immer die Schuldigen und nicht auch Lösungen gesucht werden ist es zu einfach, die Schuld nur den Medien in die Schuhe zu schieben. Was sind aber die Medien grundsätzlich? Sie sind die Kommunikationsmittel zur Information und Meinungsbildung für die Öffentlichkeit und werden zum Teil auch als vierte Gewalt in der Demokratie bezeichnet.

Heute werden aber Grundsätze von sauberen, ehrlichen und recherchierten Medien-Inhalten mit Füssen getreten. Jeder und jede ist Journalist*in, Redaktor*in, Verfasser*in, Verleger*in und Meinungsbilder*in in einem. Jeder Bockmist, egal wie falsch, wie böse, erfunden, erstunken und erlogen erscheint viral und in Windeseile über neue Kanäle. Wenn das der wahre Journalismus sein soll, dann muss ich mich schämen Journalist zu sein. Es gibt aber auch in bekannten Medien Inhalte, welche bewusst provozieren, um sogenannte Leserbindungen zu schaffen, zu provozieren damit man darüber redet (über das Medium und nicht das Problem als solches) oder um Einschalt- und Leserquoten zu generieren.

Wo bleibt das Gewissen?

Als Schreibender war ich mir selbst und meinem Gewissen verpflichtet gut zu recherchieren, ausgewogen und der Wahrheit verpflichtet zu sein. Artikel wurden hinterfragt und angepasst. Hatte ich den Bogen überspannt oder kroch ich einer Hinterlist oder falschen Meinung auf den Leim, musste und muss ich dies verantworten. Es war und ist meine Pflicht etwas zu berichtigen, der Gegenseite eine Stimme zu geben oder mich auch zu entschuldigen. Die Zusammenfassung all dieser Attribute ist «der Anstand». In der heutigen viralen und unkontrollierten Medienlandschaft fallen die meisten dieser Tugenden, also auch «der Anstand» weg.

Nicht alle aber zu viele der neuen Medien lassen sich kaum mehr kontrollieren, die selbsternannten Journalisten*innen schon gar nicht. Dieser Zug rollt oder überrollt. Verantwortungsträger*innen könnten mit guten Beispielen voran gehen und in ihrer Öffentlichkeitsarbeit dem Anstand der Sensationslust den Vorrang geben. Es gibt leider noch genug Unanständiges über welches man mit Anstand berichten und informieren kann und auch muss.