Es ist wieder Herbstferienzeit und viele reisen oder reisten in den Urlaub - am liebsten in den Süden, um für die bevorstehende Winterzeit noch einmal etwas Wärme und Sonne zu tanken. Irgendwie gehört es zum Urlaub, die Miturlauber zu beobachten, einzuordnen und zu raten, wie sie wohl im Alltag unterwegs sind und in welchem Umfeld sie sonst leben.

Auch ich habe es getan: Da stolzierte Frau 200-Pfund in den Raum. Dies, wohl in stundenlanger Arbeit für den Urlaub gehäkelten Makrameekleidchen – oder so ähnlich. Mit grosszügigen Durchblicken und einem Badekleid darunter, das gar dem Badeanzug von Borat Konkurrenz machte. Ich vermutete eine Kugelstösserin, denn drei übergrosse Halskettenscheiben, so gross wie Olympiamedaillen, klemmten zwischen ihrer F-120-Oberweite, natürlich versteckt unter dem Makrameeblüschen.

Frau Wirbelsturm am Nebentisch schien sich mit der Klimaanlage im Zimmer nicht ganz angefreundet zu haben. Zuerst mit hochrotem Kopf dagegen wehrend, pustete sie dann mit einem unkontrollierten «Haaaatschiiiiii» alle Speisekarten und die Plastiktülpchen in der Blechvase vom Tisch. Gesundheit.

Herr Brillengigolo, ein in Gelb gestilter Neusiebziger, führte seine Brillenkollektion spazieren. Sonnenbrille im mit Gel drapierten grauen Haar, die eigentliche Sehbrille - nehme ich mal an - vor den im 360-Grad-Modus rollenden Augen und wohl eine Lesebrille an der glänzenden Kette über dem mit dem gelben Hawaiihemd bedeckten Bauch baumelnd.

Am Strand spazierte Frau Knapp. Frau Knapp deshalb, weil sie sich endlich wagen durfte, ihren vor 30 Jahren gekauften Bikini im Quarzsand noch einmal spazieren zu führen. Obwohl alle Bändeli und Halterungen in den inzwischen etwas üppigeren Rundungen und Falten verschwanden, genoss sie diese Freiheit. Alles eben etwas knapp, Frau Knapp.

Da war auch noch die Fraktion der Seniorenradler, mit einem Walliser Begleitbus unterwegs. Papa Dunkelbraun hatte wieder einmal seine engste Radlerhose aus dem Schrank gepackt. Nicht nur um seine braunen Wädli zu präsentieren, sondern auch zu testen, ob er noch alle Schwimmringe in die doch etwas eingeschränkten Platzverhältnisse des im Käselook gestilten Einteilers zu platzieren vermag. Man will ja gute Figur machen. Seine Angebetete rang nicht unbedingt nach Luft, weil sie eben 400 Höhenmeter abspulte, sondern deshalb, weil das sehr streng anliegende Bikeoutfit einfach nicht mehr genügend Luft bis an die Stellen zuliess, wo der Sauerstoff benötigt worden wäre.

Etwas sarkastisch das Ganze oder satirisch? Ja. Aber der Wirklichkeit ganz nahe. Ganz egal, wer Sie beobachtet, beurteilt und einteilt: Spass sollen Sie haben. Wenn andere dabei ebenso Spass haben, dann ist das eine Win-Win-Situation.

Ich kontrolliere nun aber umgehend im Schrank meine Bade-, Radler- und Turnhosen nach der passenden Grösse. Ein Makrameeblüschen habe ich keines.

Mäni Rüegg*

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der Hallowil-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.