Im Moment haben die Schweizer Medien mit dem Rücktritt von gleich zwei Bundesräten ein Renner-Thema auf dem Tablet serviert und alle spekulieren, analysieren und debattieren. Mit Karin Keller-Sutter wird eine Wilerin als Kronfavoritin der FDP genannt. Meines Erachtens eine jener Personen, welche sich die verdiente Anerkennung und das politische Rüstzeug erarbeitet hat. Mit dem St.Galler CVP-Regierungsrat Beni Würth wird einer jener Garde genannt, der schon früh kundtat, dass es sein Lebensziel sei, Bundesrat zu werden. Im Hintergrund lauerte bis vor Kurzem auch der Appenzeller FDPler Andrea Caroni. Er ist ebenfalls ein Mann, der – wenn auch nur in kollegialen Kreisen – klar kundtat, dass es sein Lebensziel sei, Bundesrat zu werden. Er fällt bisher vor allem rhetorisch auf.

Das alles interessiert das Äbtestädtchen und den Kanton St.Gallen etwas mehr als auch schon. Allerdings hat sich die St.Galler Ständerätin aus Wil noch nicht geäussert zu einer möglichen Kandidatur. Sie wird sich wohlweislich hüten, sich im Haifischbecken der möglichen Kandidaten/innen von den Medien-Piranhas fressen zu lassen. Als eine der am besten vernetzten Politiker in Bern, in der Schweizer Wirtschaft und auch der Schweizer Landwirtschaft weiss sie selber am besten, dass im Vorfeld von Bunderatswahlen unter der Bundeshauskuppel keiner keinem und niemand dem andern glaubt. Wer sich zu früh zu weit aus dem Fenster lehnt, fällt am Wahltag auf das Pflaster der Realität – und übrig bleiben selbstverliebte Verwalter und unanständige Polterer.

Als Bürger darf auch die Frage erlaubt sein, ob das Amt der Bundesrätin in der heutigen Zeit eine Ehre, ein Privileg und schliesslich ein wirklich anzustrebendes Ziel ist? Oder ist es ein Spiessrutenlauf zwischen Aufgaben, Anforderungen, Bürgerwünschen, den Medien, Anfeindungen, respektlosen Vorstössen, Diffamierungen, Druck der globalen Abläufe und Lobbyisten? Dazu kommen polarisierte politische Flügel mit wenig Drang zu nachhaltigen Kompromissen oder mehr «Füdli» und Mut. Ein Schleck ist es heute nicht mehr, Bundesrat/rätin zu sein. Könnte Karin Keller-Sutter als eine der anerkanntesten Politikerinnen in Bern nicht ebenso viel hinter den Kulissen als Ständerätin bewegen?

Karin Keller-Sutter meinte beim Empfang der Jahrgänger 51-55 aus der Region Wil im Herbst 2017 vor der Wahl von Bundesrat Ignazio Cassis: "In dieser Woche gleicht das Bundeshaus einem Bienenhaus und alle spielen verrückt, weil ein neues Mitglied in den Bundesrat gewählt wird. Ich kann euch sagen, glaubt niemandem, was er sagt. Denn alle werden am Schluss doch so entscheiden, wie es ihnen ganz persönlich mundet." Das wird auch im Dezember 2018 wieder so sein.

Karin Keller-Sutter zur Frage der Jahrgänger betreffend Lobbyismus und Einflüssen von aussen: "Vor allem von den Medien werden diese Einflüsse zu stark und nicht immer korrekt gewertet. Die Realität ist weit entfernt von der Schwarzmalerei, die gemacht wird. Sicher holt man sich zu Fachfragen auch Kenntnisse von Fachleuten, um sich Meinungen zu bilden.» Die mit Abstand stärkste Lobby untereinander hätten die Bauern. Und diese würden in den Räten zusammenhalten.

Wir wünschen der Wilerin eine mit Weitsicht auch für sie gute Entscheidung. Denn sie wird sich auch an ihrer eigenen Erwartungshaltung orientieren. Wil wäre zurecht stolz auf eine äusserst fähige Bundesrätin.

Die vielen Wiler Herausforderungen wären damit freilich nicht vom Tisch. Da müssten in Wil schon noch mehr lokale Protagonisten etwas mehr Mut und «Füdli» haben, um nachhaltige Lösungen voranzutreiben.

Mäni Rüegg

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der Hallowil-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet in loser Folge ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.