Unter dem Motto «selber schuld» muss ich mich an der eigenen Nase nehmen. Der Nachwuchs entdeckt sehr schnell, dass sich Grosi und Grosspapi an diesem Tag nur ihnen widmen. Und der Nachwuchs geniesst dies in vollen Zügen und manchmal schon ganz bewusst.

Bauklötze auftürmen, Duplo-Lego zusammenstecken, Puppenkleidli anziehen, den Bällen nachjagen, Versteckis spielen, Purzelbäume schlagen … und dann kurz mal Luft holen! Danach sind die zwei Stapel Kinder- und Märlibücher angesagt, und zwar mit der alles entscheidenden Frage: Wem liest man zuerst welches Buch vor? Interessiert hört die Dreieinhalbjährige den märchenhaften Lesungen zu und wehe, ich interpretiere eine Sequenz anders als Grosi, Papi oder Mami. Natürlich hat sie die Geschichte schon zum gefühlten 110. Mal gehört und kennt sie auswendig.

Aber Moment mal, wie erzähle ich einem dreieinhalbjährigen Mädchen die Märchen vom Rotkäppchen, Hänsel und Gretel, bösen Hexen, Rumpelstilzchen oder den Sieben Geisslein ohne ein Trauma? Märchen sind ja meistens Schauergeschichten, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lassen, stellt man sich diese Märchen in der Realität vor. Im Vergleich dazu sind ja Horrorfilme oder die Tagesschau geradezu Gutenachtgeschichten.

Da bin ich froh, dass der Grosspapi nicht das Rumpelstilzchen ist, das Geisslein frisst und dann den bösen Wolf in den Brunnen wirft und beim Küssen des Frosches plötzlich zum feuerspeienden Drachen wird und mit dem roten Hut des Rotkäppchens und den zu grossen Stiefeln des Katers vom Pendel der Wanduhr, in welcher ich mich versteckte, erschlagen wird. «Groooosspapiiii, du erzählst aber eine komische Geschichte. Bist du eingeschlafen? Das stimmt doch alles nicht», erlöst mich meine Enkelin aus dem Horror der Kindermärchen. Zum Glück ist ihr nun nach Purzelbaum und Bodenturnen, doch das sogt bei mir ebenfalls für Schwindel wie die Horrormärchen.

Jetzt weiss ich auch, warum ich als Kindergärtler vor gut sechzig Jahren vom Märlinachmittag davonlief, denn ich glaubte, dass mich das verfluchte Krokodil hinter dem Kasperlitheatervorhang gleich zusammen mit dem Polizisten auffressen würde.

Hat nun Rapunzel den Frosch geküsst und dann die Steine aus dem Bauch des bösen Wolf gefressen, während Max und Moritz als Pizzen im Ofen der Hexe schmoren und Aschenputtel versucht, den Tauben die Haselnüsse wegzufressen, weil sie der Prinz betrogen hat? Um Himmels Willen was für ein schauriges Durcheinander in der Märchenwelt und wie erzähle ich die Grausamkeiten einem kleinen Mädchen?

Schon bald, das heisst sehr schnell, wird die kleine Enkelin grösser und erfährt, dass unsere Welt manchmal den grausigen Märchen leider zu sehr gleicht. Dass die selbsternannten Mächtigen dieser Welt wohl zu viele Märchen gelesen haben und die Welt nach diesen gestalten. Leider mit dem grossen Fehler, dass sie die Märchen nicht bis zum Schluss lasen und verpassten, dass die Märchen meistens ein Happy End haben und doch noch glückliches Kinderlachen auslösen.

Mäni Rüegg*

* Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit über 42 Jahren in der Äbtestadt wohnhaft, beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der hallowil.ch-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.