Wahlen in den Wiler Stadtrat und für das Wiler Parlament sind zwar erst in zwei Jahren im Herbst 2020. Cheibe lang. Aber für Politiker ist das Datum bereits im Fokus ihres Tuns. Eine pensionierte, über die Region hinaus bekannte Persönlichkeit sagte bei einem Schüga, sorry Thurbobräu - oder war es ein Quöllfrisch? - zu mir: «Es gibt, wie schon früher, lokal wie national Politiker, die agieren, respektive reagieren, um wiedergewählt zu werden, um auch von Privilegien partizipieren zu können. Und es gibt jene, die wirklich etwas zum Wohle der Bürger bewegen möchten. Leider gibt es von der zweiten Sorte immer weniger.» Er wünscht sich mehr Politiker, vor allem in Wil und in der St.Galler Pfalz, die mit etwas mehr Mut anpacken und nicht nur ihre Posten verwalten, sondern innovativer für die Zukunft weitsichtiger und nachhaltiger gestalten und darüber auch informieren. Wie Recht er hat.

Auch wenn die Wiler Wahlen erst in zwei Jahren stattfinden, muss man nicht mal eine Kirchenmaus sein, um es flüstern zu hören. Die fünf amtierenden Stadträte werden nicht nur hinter vorgehaltener Hand in Frage gestellt. Allerdings gehört dies zur Politik wie das Amen in der Kirche. Na ja, so viele sind auch nicht mehr in der Kirche, um das Amen zu hören. Gleich scheint es in der Politik, denn wirklich Interesse daran zeigen eher die polarisierenden Akteure.

Wenn man aber bereits etwas genauer die Kolumnen, Einsendungen, Leserbriefe und Statements in den Medien verfolgt, kann man ausmachen, wer allenfalls auf welchen Posten «spienzelt». Noch halten sie sich aber eher bedeckt. Gerade die amerikanische oder deutsche Politik hat bewiesen: Wer sich zu früh zu weit aus dem Fenster lehnt, fällt noch vor dem Wahltag aus dem fünften Stock auf das Pflaster der Realität. So passiert es, dass fähige Personen auf diesem Pflaster landen und selbstverliebte Verwalter und gar unanständige Polterer übrigbleiben.

Zurück zu Wil. Auffallend sind die Einsendungen in den Medien zu Bau- und Verkehrsfragen, welche auf den Posten im BUV, das heisst Bau, Umwelt und Verkehr und somit auf dem amtierenden Stadtrat zielen. Von Hinterzimmer-Abkommen oder -verschwörungen und dem Aufbau eine(r)s neuen Stadtpräsidenten, resp. -Präsidentin ist die Rede. Allerdings wagt sich noch niemand wirklich aus diesen Hinterzimmern. Der Fall aus dem fünften Stock droht.

Kandidiert Daniel Meili überhaupt noch und wer sucht sich dann nicht gerne das gemachte und lukrative TB-Nest, um als Stadtrat zu brillieren? Ebenfalls Profis als Ressortleiter wirken im Departement Soziales, Jugend und Alter. Dieses könnte Zieldepartement von Links wie Rechts sein, um sich als Stadtrat oder Stadträtin zu etablieren.

Ein Zankapfel von Ur-Wiler Format bleibt auch die Schulfrage. Ob des Gezänks über Weiblein mit Männlein oder eben nicht vergisst man, dass dringend nötiger Schulraum fehlt, denn die demographische Entwicklung von Wil und der Region ist nicht nur statistisch erhärtet. Personen, welche alles schneller, besser und anders machen möchten, werden sich ebenfalls aus dem Fenster lehnen.

Da wäre noch das Thema Wil West, welches die Bereiche Verkehr und Wirtschaft tangiert. Eher zurückhaltend, so die Wahrnehmung, die Freude aus Wil über die Nachricht aus Bern. Zwar profitiert man von einer neuen Verkehrsanbindung, doch wirtschaftlich profitiert der Thurgau eher mehr. Da kommt dann plötzlich, so scheint mir, der Öpfel- oder halt Mandelfischgraben zum Tragen. Den Wilern scheinen eher die damit verbundenen innerstädtischen Verkehrsknacknüsse aufzuliegen, als sich mit mutigen Visionen klarer beim Projekt Wil West die Zukunft überregional mitzugestalten. Wenn man die angebrachten Bedenken aus Wil Ost, also ennet der Grenze vom Nieselberg und der Thurau, anhört, spürt man schon fast etwas Neid und sucht, wie im oberen Toggenburg, nach den Blumen fürs eigene Gärtchen.

Da erinnere ich mich wieder an die Aussage meines Gesprächspartners beim quöllfrischen Thurbobräu, das nicht aus St.Gallen stammt: Er wünscht sich mehr Politiker, die mit etwas mehr Mut anpacken und nicht nur ihre Posten verwalten, sondern innovativer und regional denkend für die Zukunft gestalten. Das wünscht sich nicht nur er, auch wenn es noch zwei Jahre geht bis zu den Wahlen. Die Aufgaben in Wil sind dermassen vielfältig und viele auch noch ungelöst, dass es einen spannender Wahlherbst geben könnte. Dieser beginnt schon jetzt.

Auch wenn die Blätter vorab noch zweimal fallen, ehe Politiker aus dem fünften Stock fallen. Der dritte reicht, denn es tut denjenigen etwas weniger weh, welche schon vor oder dann nach den Wahlen fallen.

Sie finden, es ist alles noch zu früh? Möglich. Aber verfolgen Sie trotzdem die regionale Politik, denn hier wird die Basis gelegt für das Tun auch im Kanton und in Bern. Wir möchten doch Gestalter und nicht Verwalter.

Mäni Rüegg*

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der Hallowil-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet in loser Folge ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.