In diesen Tagen machte sich der Bundesrat, zusammen mit den entsprechenden Bundesämtern, Gedanken um den E-Bikeverkehr neu zu regeln. Denn die Unfallquote steigt rasant an. Meistens sind es die ergrauten Möchtegern-Küngs und -Breus, welche eher vom Vehikel beherrscht werden als umgekehrt. Jene, welche beim Abbremsen eher bäuchlings auf dem Kiesplatz mitten in der Waldschenke landen, als stehend vor dem Veloständer ankommen. Wer mit über 30 auf dem E-Bike unterwegs ist, muss zurück auf die Strasse und weg vom Radweg oder gar Trottoir, so die Idee aus Bern. Zudem sollen die Radfahrer neu geblitzt werden. Das heisst, ihre Geschwindigkeit wird geprüft.

Die Frage nach der freien Mobilität beschäftigt heute alle Generationen. Ob es ein E-Bike sein soll, um etwas gemächlicher voranzukommen, stellte ich mir selber bis jetzt noch nicht. Kürzlich wurde ich von noch «älteren» E-Bikern überholt, nachdem ich versuchte mit dem normalen Stahlross dagegen zu halten. Ich musste eine Pause einlegen und nach Luft ringend kläglich kapitulieren.

Die neusten Highlights auf dem E-Bike-Markt sollen nun aber E-Rollatoren für Wanderer und für den Stadtbetrieb sein. Da geht natürlich meine Fantasie mit mir durch und ich sehe die E-Rollatoren-Haudegen-Zukunft vor mir. Stellen Sie sich vor, da wandern Sie, bepackt mit Rucksack und auf Schusters Rappen, am Fusse der Churfirsten – und da überholt Sie Jack, ein «alt 68er» mit langen grauen und wehenden Haaren, mit dem Wander-E-Rollator, Znüni und Trinkflasche vorne im Körbli. Pech dann, wenn er am Wegrand den Zwickdraht touchiert, sich darin verheddert und kopfüber in die Herde Mutterkühe braust. Schadenfreude ist die schönste Freude.

Oder stellen Sie sich vor, Fräulein Hilde Gwunderfitz vom Altersheim Sonnenhof besucht mit dem E-Rollator ihre Tratschfreundin im Südquartier und rast in gelben Jeans, mit selbstgestricktem, grünem Stirnband und einem pinken Gilet über die Rudenzburgkreuzung. David Harley motzt seinen E-Rollator auf, natürlich im Keller des Altersheims, kramt sein ACDC-Shirt aus der Schublade. Er macht dann zuerst eine Spritztour um den Schwanenkreisel, ehe er beim grossen M seinen Postizettel abarbeitet und dann auf dem Trottoir die Verkehrskadetten nervt.

Wie der Bund das Problem mit dem Blitzen der E-Biker und -Rollatoren löst, wird wohl noch mehrere Kommissionen in beide Berner Räten beschäftigen. Die Hilde Gwunderfitz stickt den Strichcode ihrer Identität auf das Stirnband, während der „alt 68er“ auf den Alppfaden einen Sensor-Chip mitführt. Dieser ist per GPS mit dem Zwickdraht verbunden und hält so seine Geschwindigkeit fest. David Harley müsste den Sensor in seine nostalgische Pilotenbrille einlassen und wird sich hüten, über 30 zu rasen, ansonsten E-Rollator oder E-Bike für eine Woche konfisziert werden.

Das wird ja heiter – und die ganze Wiler Verkehrsplanung mit dem Langsamverkehr muss neu erfunden werden. Das heisst, in Kommissionen evaluiert und danach neu strukturiert und erst dann zur Abstimmung gebracht werden. Da bleibe ich im Moment noch bei meinem lieben alten Drahtesel, den ausgelatschten Wanderschuhen und dem dazu gehörenden Rucksack.

Dass man in Wil allerdings in den kommenden 30 Jahren dieses Verkehrsproblem lösen kann, ist unwahrscheinlich. Denn die Aktenstapel für weit grössere Verkehrs-Probleme türmen sich auf den Tischen des Wiler Amtes für Bau, Umwelt und Verkehr. Also, Jack, David und Hilde: Lasst die E-Brummer sausen, die Haare und die gefransten Ledergilets flattern und rast mit den aufgemotzten und frisierten E-Rollatoren mit 60 über die Rudenzburgkreuzung.

Hermann Rüegg*

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der Hallowil-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.