Frisch erholt zurück aus dem Ski-Urlaub. Und am Sonntagmorgen im eigenen Bett mal etwas länger ausschlafen. Aber nicht so lange wie geplant. Das Telefon klingelt. Auf dem Display eine unbekannte Nummer und am anderen Ende eine eher schlecht verständliche Männerstimme in gebrochenem Deutsch.

Um Himmels Willen, nun schon am Sonntagmorgen ungeliebte Anrufe und Störenfriede. Kommt dazu, dass der Mann mir etwas mitteilte von Bankkarte, Wohnadresse, beim Spital und Waschstrasse. Mein Puls wurde plötzlich um einiges höher als bei den rasanten Pistenfahrten letzte Woche in der herrlichen Winterlandschaft.

Wie bitte? Was wollen Sie von mir? In meinem Kopf drehten sich schon die wildesten Räubergeschichten, während ich im Portemonnaie krampfhaft nach meiner Bankkarte suchte. Oh Schreck, die Karte fehlte und ich spürte, wie das Blut in meinen Adern pulsierte. Tatsächlich hatte ich am Vorabend das salzig weisse Auto in der Waschstrasse gereinigt und mit der Karte bezahlt, weil das Kleingeld fehlte. Und nun ist die Karte weg. Ich notierte das Wichtigste, so wie ich es verstand, und sagte, dass ich mich nochmals telefonisch melden werde.

Meine gesunde Wintersonnenfarbe im Gesicht wechselte in mehlweiss und ich musste feststellen, dass ich meine Bankkarte im Waschstation-Automaten stecken liess. Ist das nun vergessliche Ferienlockerheit oder Alzheimer im Frühstadium? Bei meinem Rückruf keine Verbindung, nur eine fremdsprachige Meldung, dass diese im Moment nicht möglich sei. Ja super. Was passiert nun mit meiner Bankkarte und wo ist sie? Dann aber doch der Rückruf und mit derselben Stimme vereinbarte ich einen Treff. Was erwartet mich und wie weit kann ich der Person trauen? Ich traf einen Mann der mindestens einen Kopf grösser ist als ich.

«Ich fand ihre Karte und dachte, dass ich sie mitnehme, damit sie nicht jemand klaut. Ich suchte dann mit dem Namen auf der Karte über Google ihre Adresse und Telefonnummer und hier ist ihre Karte.» Nachdem ich mich ausgewiesen hatte und die Karte wieder in meinem Besitz war, wollte ich mich mit einem verdienten Finderlohn bedanken. «Nein, ich will das nicht und kann das nicht annehmen. Ich wollte ihnen helfen und das Richtige machen.» Dies in gebrochenem Deutsch aus dem mittleren Osten stammend.

Ich kam mir vor wie ein kleines Würstchen vor dem Zweimetermann, der mir ganz einfach helfen wollte. Dafür ein herzliches Dankeschön und mein ehrlicher Respekt. Es ist ein Beweis dafür, dass das einfache Schlagwort, dass man nicht alle in den gleichen Topf werfen darf, mehr als nur einen Kern Wahrheit hat.

Mäni Rüegg*

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der hallowil.ch-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.