Gerade in der Zeit, in welcher Industriebetriebe, Dienstleister und Handwerker um Fach-Nachwuchs kämpfen, Schulen mit grossen Werbeetats ihre akademischen Ausbildungs-Angebote anpreisen, Statistiken, welche ja bekanntlich eh nur jene glauben, welche sie selber gemacht haben, nur dunkles Schwarz oder verführerisches Rosarot vermitteln, bleiben zwei Fragen. Macht es Sinn, dass ein Studienabschluss des Nachwuchses zum Statussymbol der Eltern gehört? Und warum verliert das Handwerk immer mehr den goldenen Boden unter den Füssen? Die Swiss Skills aus Bern lassen grüssen.

Irgendwann gibt es nur noch eine Berufs-, resp. Management-Gesellschaft, welche Analysen, Statistiken und Szenarien erarbeitet, die evaluiert wie, warum und wo man verändern, anpacken und realisieren sollte und müsste. Das Problem wird aber sein, dass es keine Anpacker, Realisierer und Fachleute mehr gibt, welche wissen, wie man anpacken muss und Lösungen realisieren kann. Könnte mir als Pensionär eigentlich egal sein. Ist es mir aber nicht. Ich habe Enkelkinder, welchen ich ein ebenso gutes Leben wünsche, wie es unsere Generation in den letzten 60 Jahren in der Schweiz mehrheitlich erleben durfte.

Da sitze ich ganz locker bei meinem Coiffeur und frage ihn, wann er wohl vom Roboter abgelöst werde und auch er brotlos, resp. wirtschaftlich haarlos sein werde. Während er meinen Kopf massiert, die richtige Temperatur bei der Haarwäsche findet und wir im Gespräch über Gott, die Welt und eben das gute alte Handwerk sinnieren, lassen wir auch den satirischen Gedanken von Robotern im Coiffeursalon und dem Online Coiffeur Homeservice freien Lauf und finden uns beim herzhaften Lachen wieder.

Den Termin beim Coiffure buchen Sie künftig wie den Pneu-Wechsel im Frühling und Herbst online. Sie wählen auf dem Laptop die gewünschte Zeit, Sonderwünsche, die Pflege-Produktemarken, mit oder ohne Kopfmassage, Föhn- und Wassertemperatur, Haarfarbe, allenfalls welche Musik auf die Stöpsel sollwährend dem Coiffeurbesuch und die Zahlungsart. Dann Ihren Namen, Code und Bankverbindung nicht vergessen, alles bestätigen und weg. Auf Ihrem iPhone folgt sogleich der Bestätigungscode und die Vorfreude für den Verschönerungstermin im Salon ist perfekt.

Die Kamera an der Salontür erkennt Sie als Kunden an der Frisur, den Bartstoppeln oder den angeklebten Wimpern und gewährt Ihnen Zutritt. Eine Roboterstimme heisst Sie willkommen und weist Ihnen den richtigen Platz zu. Sobald Sie Ihren Hintern auf dem Sessel platziert haben, löst die Temperatur der Fudibacken oder ein Chip in einem der beiden das automatische Verschönerungs-Programm aus. Anschnallen für alle Eventualitäten, Papierkrause um den Hals gewickelt und den Stoff-Schutzumhang über den Körper. Wehe Sie bewegen sich nicht nach vorgesprochenem Ablauf. Die Papierkrause um den Mund und Sie sind mal mundtot. Der Umhang bleibt über dem Kopf stecken. Schon fährt das Waschbecken von hinten an Ihren Hals, der Stuhl kippt nach hinten. Da das Programm bereits leicht irritiert ist, stimmt die Wassertemperatur nicht mehr und der bestellte heisse Kaffee wird Ihnen über den Kopf serviert, resp. gekippt. Gewaschen wird das verfluchte Tuch über dem Kopf und zwar mit eiskaltem Wasser. Mit der Papierkrause um den Mund haben Sie keine Chance um Hilfe zu rufen. Nützt ja eh nichts, denn es sind nur gefühllose Roboter im Raum. Nachdem Sie endlich den Stoffumhang richtig platzieren konnten, kommen die Schereinsätze, um den von Ihnen zu Hause eingegeben Frisurwunsch zu trimmen.

Der verfluchte Roboter erkennt aber nicht, dass der Kopf noch voller Schaum ist und Sie inzwischen verkehrt rum vor dem Spiegel sitzen. Na ja, machen Sie heute mal den Schnitt «Hikuvola», das heisst hinten kurz und vorne lang. Infolge des Roboterfehlers heute mit schönen Schafskrüseli drapiert. Mit pflutschnassen Krüseli suchen Sie das Weite und wollen aus dem verfluchten Robotersalon. Sie können aber nur raus, nachdem Sie den gemäss Ihren gebuchten Wünschen errechneten Betrag mit dem Bankcode freigegeben haben. «Vielen Dank für Ihren Besuch, wir freuen uns mit Ihnen, wenn Sie die Umwelt mit ihrem neuen Outfit begeistern und bis zum nächsten Mal.» «Du Schafskopfroboter, auslachen werden die mich da draussen. Lern erst mal das richtige Handwerk, das zwischenmenschliche Gespräch mit deinem Kunden und sprich mit ihm auch über Gott und die Welt und wenn es dann sein muss über die Wiler Politik oder den FC Wil oder die Kuh mit oder ohne Schwanz-Initiative».

Ich glaube ich hole die Rasenschere aus dem Gartenschrank, schneide mir die Haare künftig selber und habe so wenigstens im Spiegel ein Gegenüber, mit dem ich sprechen oder eine Grimasse schneiden kann. Ob allerdings mein Handwerk reicht, um meinen Verschönerungsansprüchen zu genügen, bleibt mehr als fraglich. Ich schätze meinen Coiffeur der meint: «Ich glaube unsere Arbeit bleibt noch eine Weile ein wirkliches und gutes Handwerk und ich hoffe, dass junge Leute grundsätzlich wieder vermehrt Handwerke erlernen, die nie durch Roboter ersetzt werden können.» Auch das hat Zukunft!

Mäni Rüegg*

* = Mäni Rüegg ist aktiver Lokaljournalist in Pension. Seit vielen Jahren beobachtet er das Geschehen in Wil und Umgebung. In der neuen Hallowil-Kolumne «Mänis Perspektivenwechsel» nimmt er eine andere Sichtweise ein und berichtet in loser Folge ungeschminkt über Dinge, die einfach mal niedergeschrieben werden müssen.