Sämtliche Chöre in unserem Land sind seit bald einem Jahr zum Schweigen verurteilt, da die ausgestossenen Aerosole eine Übertragung von Viren beschleunigen könnten. Wie gehen Vereine mit diesem einschneidenden Verbot um? Anhand eines Beispiels geht der Artikel den Fragen nach, wie der Kontakt und zwischen den Mitgliedern dennoch aufrechterhalten werden kann. Wie schnell sind doch manche Passagen in einem Lied vergessen, wenn man diese nicht immer mal wieder repetiert! 

Männerchor Frohsinn Oberuzwil

Präsident Thomas Künzle hat über das vergangene Vereinsjahr Auskunft gegeben. Im März begann der erste Lockdown. Fast alles wurde eingeschränkt, man durfte sich nicht mehr treffen. Doch bereits im April führte der Verein ZOOM-Proben ein. Vor den Sommerferien aber versuchte der Männerchor Frohsinn Oberuzwil einen Neuanfang. Mit einem guten Schutzkonzept konnten sich die 30 aktiven Sänger wieder zu Proben treffen. Mit viel Abstand verteilten sie sich im ganzen Rössli-Saal und staunten selber, wie gut sich jeder Einzelne so selber hören konnte. Singen mit Maske war für den Verein jedoch nie ein Thema. Allerdings kamen schon damals nicht mehr alle zu den Proben, sind doch etliche Mitglieder bereits im Risikogruppenalter. Ab dem 29. Oktober war es dann leider gänzlich verboten, sich zu Gesangsproben zu treffen. 


Präsident fühlte den Puls

Thomas Künzle entwarf einen Fragebogen zur Befindlichkeit der einzelnen Sänger und zu ihren Vorstellungen für Vereinsaktivitäten auf digitalem Weg. Der Rücklauf war erfreulich, 60 Prozent stellten sich hinter Online-Angebote. Der Verein hat das grosse Glück, in seinem Präsidenten auch einen versierten Informatiker zu haben. Im Vorstand selber sind alle elektronisch vernetzt. Deshalb konnten die üblichen vier Vorstandssitzungen eines Vereinsjahrs über ZOOM-Meetings dennoch abgehalten werden. Künzle ist es sehr wichtig, immer wieder Kontakt zu den einzelnen Mitgliedern zu halten, gar kein leichtes Unterfangen bei all den Einschränkungen.

Abgesagte Anlässe

Leider fielen 2020 durch die Corona-Massnahmen viele traditionelle Anlässe ins Wasser. Begonnen hat es mit dem Maibaumfest, das – stets am 1. Mai-Samstag - zu einem festen Bestandteil im dörflichen Kalender werden soll. Dieses Jahr ist geplant, auf alle Fälle den Baum aufzustellen, schön geschmückt, wie es sich gehört, selbst wenn das zugehörige Fest nicht stattfinden darf. Geübt werden die dafür vorgesehenen Lieder aber auf jeden Fall trotzdem.

Besonders geschmerzt hat die Sängerkameraden die Absage der vorgesehenen Sängerreise nach Sizilien, die traditionell nur alle drei Jahre stattfindet. Fähnrich Gaetano Di Salvo hätte sich gefreut, seinen Kollegen sein Herkunftsland zeigen zu können. Am 11. November 2020 schliesslich stand ein Konzert zusammen mit dem Akkordeon-Orchester Uzwil auf dem Terminkalender, wurde jedoch ebenfalls drei Wochen vor dem geplanten Auftritt abgeblasen. https://www.ao-uzwil.ch/ 

Der gesellige Jahresabschluss Mitte Dezember - jeweils ein „Höck“ mit den Frauen und den vielen Helferinnen und Helfern bei diversen Anlässen - konnte ebenfalls nicht stattfinden. Und auch dieses Jahr begann bereits wieder mit zwei Absagen: Die HV wurde abgesagt und Männerchor- und Fleischfans mussten auf die beliebte „Metzgete“ verzichten...

Online-Proben

Dirigentin Heidy Gerber erstellt für jede dieser Proben ein Drehbuch und übermittelt dies Präsident Künzle. Er ist sogenannter „Host“ dieser Proben – eine Art Online-Gastgeber – bedient die Mikrofone, ist für ein gutes Bild und für einen reibungslosen Ablauf besorgt. An diesen Abenden nehmen laut Dirigentin zwischen 7 bis hin zu 20 Männern teil. Diese melden sich über einen Doodle-Eintrag für die einzelnen Proben an. Ein öffentliches Zoom-Meeting wird nach 40 Minuten automatisch beendet, deshalb wird nach einer kurzen Pause noch einmal eingeloggt. Zuerst wird immer ein wenig geplaudert, danach werden die Mikrofone stummgeschaltet und jeder Sänger sowie die Dirigentin gehen mit viel Einsatz an ihre je eigene Aufgabe – Singen für die Sänger, Begleiten am Klavier für die

Neue Formen des Probens

Heidy Gerber versucht, jede Probe möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Auf YouTube findet sie Beispiele für ein passendes Einsingen. Dabei ist ihr wichtig, dass alle für das Singen wichtigen Körperpartien und Organe einbezogen werden. Das Suchen von hilfreichen Filmen für alle Arten des Übens - also auch für das Mitsingen von zu übenden Liedern – braucht sehr viel Zeit, kommt aber bei den Sängern gut an. Rückmeldungen im sogenannten „Chat“, die direkt über PC oder Tablet geschrieben werden können, zeigen ihr immer wieder, dass diese Art des Probens gefällt. Für den technischen Support durch Thomas Künzle ist sie sehr dankbar, dieser ist das A und O einer guten Probentätigkeit.

Üben ins Blaue hinaus

Die Dirigentin kann jedoch nicht hören, was die einzelnen Männer singen. Für das Einüben von neuen Liedern sitzt sie bei sich zuhause am Klavier und spielt die einzelnen Stimmen vor, in der Hoffnung, dass diese von ihren Sängern auch korrekt – und im richtigen Tempo und Rhythmus! - nachgesungen werden. Diese sehen die Noten auf ihrem Bildschirm. Heidy Gerber ist eine gute Mischung zwischen Erhalt des Repertoires und neuem Liedgut wichtig. Der Chor hat ein „Sackbüchlein“ im Taschenformat mit 12 Liedern – mit Text und Noten -, auf welches bei geselligen Anlässen zurückgegriffen wird. Da ist es gut, wenn möglichst viele die Lieder kennen. Das ist besonders jetzt wichtig, da nicht alle an den Proben teilnehmen können, weil nicht alle sind elektronisch vernetzt sind. Doch ein guter Grundstock an „Könnern“ hilft dem ganzen Chor, sobald wieder bedenkenlos miteinander und vor Ort gesungen werden kann.

Planung fast unmöglich

Da verschiedene Anlässe bereits frühzeitig vorbereitet werden müssen, ist es im Augenblick besonders schwierig, neue Anlässe planen zu können. Das Tonfenster ist turnusgemäss im kommenden Herbst wieder an der Reihe. Die Planung dafür beginnt aber meist mehr als ein Jahr früher. Dieser „Event“ bringt jede halbe Stunde eine musikalische Darbietung mit einheimischer Beteiligung auf die Bühne. Es gibt dazu ein eigens für diesen Anlass geschaffenes Reglement. Das Publikum kann sich ein à la carte-Menü zusammenstellen, dazu gibt es eine Festwirtschaft. Tonfenster Oberuzwil 2019

Hoffnung auf baldige Lockerungen

Das Rössli ist seit mehr als 100 Jahren das Probenlokal des Männerchors. Dort liegt auch ein grosser Teil des Archivs. Dieses enthält uralte Dokumente, vier Vereinsfahnen und unzählige Urkunden und Zinnbecher von vergangenen Sängerfesten und Wettsingen, Anlässe, die gerade in früheren Zeiten gerne besucht wurden. Im Moment ist das Restaurant verwaist, da die Wirtsleute Kiki und Robert Wyssling das Pachtverhältnis gekündigt haben. Sie konnten exakt einen Tag vor dem Versammlungsverbot noch bei einem berührenden Abschiedsfestchen gefeiert werden.

Noch weiss man nicht, wer in Zukunft hier Gastgeber sein wird. Der Chor hofft sehr, auch weiterhin im vertrauten Saal üben und danach ein Dunkles oder sonst ein durstlöschendes Getränk in der schönen Gaststube trinken zu können, dannzumal, wenn Restaurants wieder öffnen dürfen und im Rössli neue Wirtsleute gefunden worden sind.