Schweiss perlt an seiner Stirn ab. Einige Schweisstropfen landen in seinen Augen. Von Sekunde zu Sekunde steigt seine Nervosität. Die Unsicherheit lässt er sich nicht anmerken. Seit bald einer halben Stunde bringt der Komiker eine Stand-up-Comedy-Nummer nach der anderen. Doch das Publikum reagiert nicht. Kein Lächeln. Schon gar kein lautes Lachen. Kein Klatschen. Kein Nicken. Absolut keine Reaktion. Und das obwohl er Pointen bringt, die sonst bei seinen Zuschauern gut ankommen. In diesem Moment wünscht er sich, hinter dem Bühnenvorhang zu stehen. Einfach nicht vor diesen Menschen stehen müssen. 

Heute kann Marco Knittel über diese Situation lachen. «Erst beim Apéro der Veranstaltung kamen die Zuschauer auf mich zu und sagten, dass sie von meiner Show begeistert waren», erinnert er sich noch heute. Während er den Kopf schüttelt, schmunzelt er. So als könne er sich diese Reaktion des Publikums bis heute nicht erklären. «Es war eine eher gehobene Veranstaltung im Stadtsaal», so Knittel. Er sitzt an einem langen Tisch in der «Trinkstube zum Hartz», stützt sich mit den Armen am Holzmöbelstück ab und erzählt von seinen Geschichten auf der Bühne. Geschichten, die ihn zu dem Bühnenmenschen gemacht haben, der er heute ist. 

Er trägt Wil im Herzen

Knittel spaziert an diesem kühlen Sommertag durch die Wiler Altstadt. Er möchte in ein kleines Café gehen – dieses ist aber voll. Er zuckt mit der Schulter und meint: «Dann gehen wir ins ,Hartz’». Sein Baseballcap sitzt tief. Der dunkle Übergangsmantel reicht bis zu den Knien. Sein Gang ist zügig. Er redet nicht viel. Seine Sätze sind kurz. So, als will er die Ruhe der Altstadt bewusst geniessen. Seiner Tochter Lara, die seinen langen Schritten folgt, antwortet er kurz und bündig. Sie plappert von ihrem neunten Geburtstag, der bald stattfinden wird.

Geboren und aufgewachsen ist Knittel in Wil. «Ich bin mit Leib und Seele ein Wiler», sagt der Entertainer, der mittlerweile mit seiner Ehefrau und den Kindern in Gossau wohnt, «und ich bin eben kein Gossauer». Die letzten zwei Wörter betont er besonders und hebt dabei seinen Zeigefinger. Denn seine Wurzeln wolle er nicht vergessen. Als er als «Reisendender mit dem Zirkus» unterwegs war, habe er sich nach seiner Heimatstadt gesehnt. Heute verbringe er viel Zeit in Wil. Und das sei ihm auch wegen seiner Tochter Lara wichtig, die gegenüber von ihm sitzt und an einer Tasse Orangen-Punsch nippt. «Wir sind viel am Weier», erzählt Knittel, «da habe ich schon als Kind gespielt.» Wil habe ihm viel gegeben. In Wil habe er viel erlebt. «Deshalb werde ich dieser Stadt nie den Rücken kehren», ist Knittel überzeugt. Auch wenn er aus der verrückten Zirkuswelt, die alles andere als konventionell ist, kommt, bezeichnet sich der Entertainer auch ein bisschen als traditionell. «In gewissen Lebensbereichen lege ich viel Wert auf Altbekanntes und Traditionen.» Er lacht laut. Er wisse, dass sich viele Menschen dies bei ihm nicht vorstellen können. 

 
Marco Knittel wird im Januar 2020 die Nacht des Wiler Sports moderieren. «hallowil.ch» hat schon einmal einen Vorgeschmack bekommen. (Video Magdalena Ceak)

Es war schon immer der Zirkus

Rückblende in seine Kindheit: Rössliwiese im Wiler Quartier Lindenhof. Der Circus Knie macht wieder einmal Halt in der Äbtestadt. Familie Knittel wohnt in der Nähe in einer Parterrewohnung. Als der kleine Marco sieht, dass die Wohnwägen des Familienunternehmens vorfahren und das Zirkuszelt aufgeschlagen wird, rennt er aus der Wohnung zur Rössliwiese. Die Mitarbeiter des Circus Knie kennen den Jungen, der jedes Jahr vorbeikommt und ihnen hilft. Er füttert und streichelt die Tiere. Schiebt den einen oder anderen Schubkarren. Packt beim Aufbau des grossen Zeltes. Die Zirkusmitarbeiter nennt der kleine Junge seine Freunde.

«Der Zirkus hat mich schon immer in seinen Bann gerissen», sagt Knittel heute. Mit dem Zirkusvirus habe er sich schon mit zwei Jahren angesteckt, als er mit seiner Mama das erste Mal eine Manegen-Show gesehen habe. Der zweifache Familienvater findet es schwierig zu erklären, was ihn genau am Zirkus fasziniert. «Ich kann es nicht genau sagen, aber es ist das Gesamtbild eines Zirkus», versucht er seine grosse berufliche Liebe in Wort zu fassen. Die kreativ einstudierten Kunststücke, die bunten Wohnwägen, die Tiere – alles habe ihm als kleinen Jungen gefallen. Seine Eltern seien davon überzeugt gewesen, dass mit dem Teenageralter andere Interessen aufkommen würden. Falsch gedacht – diese Begeisterung halte bis heute an. «Ja, ich war schon immer eine Rampensau», sagt Knittel und lacht. Er nimmt einen Schluck seines bestellten Süssgetränks. Klar, sind doch Bühnenkünstler extrem offene Geschöpfe. Knittel lächelt und schüttelt eifrig den Kopf. «Ich nicht.» Im Hallenstation in Zürich vor 10 000 Zuschauern auftreten, dass sei für ihn kein Problem. «Aber jemanden auf der Strasse ansprechen – nie im Leben», erzählt Knittel. Diese Gegensätzlichkeit könne sich der Wiler Künstler auch nicht erklären. «Vielleicht weil die Bühne eine Art Schutz für mich ist – und das Performen gibt mir ein grosses Stück an Selbstbewusstsein.»

Zirkusarbeit von der Pike auf gelernt

Noch immer nippt Knittel an seinem Süssgetränk, das er im «Hartz» zu Beginn des Treffens bestellt hat. Seine Tochter, die ihn gelegentlich an Terminen und Auftritten begleitet, wird etwas ungeduldig, denn sie hat ihren Punsch an diesem kalten Tag ausgetrunken. Das Gespräch mit der Journalistin scheint sie zu langweilen. Sie knabbert am Popcorn, das ihr die Kellnerin in einer kleinen Schüssel auf den Tisch gelegt hat. «Papa, darf ich dein Smartphone haben?», fragt Lara sie direkt. Knittel blickt seine Tochter  an. So, wie es Eltern tun, wenn sie ihr Kind auf etwas aufmerksam machen wollen: «Ausnahmsweise!» Er reicht ihr sein Smartphone und lächelt dabei. Dann erzählt er, wie Tochter Lara auch keine Mühe damit hat, ihn auf der Bühne zu unterstützen. «Sie singt sowohl gut, als auch gerne.»

Bevor Knittel beim Zirkus arbeitete, lernte er seinen Eltern zuliebe «etwas Rechtes». Knittel ist ein Mensch, der seine Worte mit Gesten und lebhafter Mimik unterstreicht. Auf seine Mitmenschen wirkt dies selbstbewusst, aber auch interessant. Also absolvierte er eine Lehre zum Innendekorateur. «Das ist schon gut, dass ich diese Lehre gemacht haben.» Es sei ein kreativer und handwerklicher Beruf, der ihm noch heute etwas bringe. Beispielsweise beim Gestalten seiner Requisiten. Seit seinen Lehrabschluss hat Knittel nicht einen einzigen Tag als Innendekorateur gearbeitet. «Ich folgte dem Ruf der Manege», sagt Knittel. Zuerst arbeitete er einige Jahre im Walter Zoo als Artist. Er habe alles von der Pike auf gelernt. «Ich kenne alle Facetten des Zirkus – vom Artisten über den Techniker bis hin zum Mitarbeiter, der die Bestuhlung macht», so Knittel. Deshalb respektiere er jeden einzelnen Menschen, der sich dem Zirkus verschrieben habe. Es seien eben nicht nur die Artisten wichtig. Später war er Bühnenpartner des in der Schweiz bekannten Zirkusmenschen Frithjof Gasser, der heute mit seiner Ehefrau Marion Gasser das Verzehrtheater «Clowns & Kalorien» führt. Während seiner Bühnenkarriere trat er in verschiedenen Zirkusproduktionen auf. 

Die Kunst des Bauchredens

Aus dem Kofferraum seines Autos zieht Knittel eine schwere Holzkiste heraus. Mit beiden Händen hält er die riesige Kiste fest. Seine Tochter Lara möchte ihm unter die Arme greifen und hüpft um ihn herum. Beim Baronenhaus in Wil stellt er die Kiste ab. «Hier ist doch ein schönes Örtchen», sagt der Wiler Entertainer. Er öffnet die Kiste, beugt sich langsam vor und zieht vorsichtig eine Puppe heraus. Die Puppe in Form eines Pinguins ist etwa einen halben Meter gross. «Hallo Rudi», sagt der Bauchredner. Der Pinguin horcht auf: «Jaaaaa!» Und dann beginnt das schlagfertige Gespräch zwischen den beiden. Tochter Lara sitzt daneben und lacht sich kaputt. Sie findet den Pinguin und ihren Vater «ziemlich cool». Deshalb sei sie jetzt an der Bauchrednerei interessiert. 

Durch Urs Kliby, dem bekanntesten Schweizer Bauchredner, ist Knittel zum Bauchreden gekommen. Kliby sei ein guter Freund, der ihm autodidaktisch die Technik des Bauchredens beigebracht hatte. «Es ist wirklich eine Sache der Technik und des Übens», gesteht Knittel. Bauchreden lernen, das könne jeder, der möchte. Trotzdem müssten einige Dinge gegeben sein, um ein guter Bauchredner zu sein. «Sich selbst in den Hintergrund stellen – die Puppe ist der eigentliche Star», sagt Knittel, der im Januar 2020 zum ersten Mal die Nacht des Wiler Sports moderieren wird. «Und schlagfertig muss man sein», ist Knittel überzeugt. Schliesslich sei man zu zweit auf der Bühne und nicht alleine. Genau das möge er an seiner aktuellen Situation als Entertainer.