Die Glocken im Türmchen im Hof und in der Kirche St. Nikolaus schlagen acht Uhr. Die Händler stellen ihre Bänke auf und legen ihre Ware aus, und die Türen ihrer Häuschen öffnen sich, so beschreibt der Wiler Chronist Karl Ehrat den jeweiligen Auftakt zum Markttreiben im alten Wil. Seit rund 800 Jahren halten Händlerinnen und Marktfahrer Obst, Korn, Schmalz sowie Töpfe, Körbe und weiteres mehr in den Gassen der Stadt feil.

Erschwerte Zugänglichkeit

Die geografische Lage machte Wil zu einem idealen Handelsplatz. Bis zur Strassenkorrektion von 1833/34 war der Zugang allerdings nicht ganz einfach. «Die Höhenlage und die beidseitig steilen Zufahrten erschwerten den flüssigen Verkehr durch die Stadt», schreibt Ehrat.

Dass Wil von den Markstädten St. Gallen, Konstanz und Zürich nicht allzu weit entfernt lag, wertet Ehrat nicht als wirtschaftlichen Nachteil: «Im Gegenteil bedeuteten sie für die einheimischen Geschäftsleute günstige Möglichkeiten, sich mit fremden, weniger erhältlichen Waren einzudecken.»

Zusätzliche Markttage

Unter Fürstabt Ulrich Rösch kamen zusätzliche Markttage hinzu, er erwarb 1472 beim Kaiser das Recht für zwei Jahrmärkte, zusätzlich zum wöchentlichen Markt am Dienstag.

Historische Dokumente erzählen im Weiteren von einem zusätzlichen Augustmarkt und von einem Michaelsmarkt. Wann diese Märkte eingeführt wurden, bleibt unklar, ebenso ab wann sie nicht mehr abgehalten wurden.

Vielfältiges Warenangebot

Gemäss der Historikerin Magdalen Bless-Grabher waren in Wil der Viehmarkt, der Kernen-, Schmalz- und Garnmarkt von besonderer Bedeutung.

Vieh wechselte anfänglich in der Gegend des Restaurants Adler, später beim Viehmarktplatz, den Besitzer. Pferde wurden ursprünglich in der Oberen Vorstadt, später beim Restaurant Freihof beim Schwanenkreisel gehandelt. 

Der Kornmarkt, der Schmalzmarkt, der Obstmarkt, der Gewürzmarkt sowie der Garnmarkt waren hauptsächlich in der Oberstadt, in der Region des Goldenen Bodens, positioniert.

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Zeitgenössische Darstellung eines mobilen Glashändlers. (Bild: wikipedia) 


Konkurrenz vor den Toren der Stadt

Nicht immer war das Marktwesen frei von Spannungen. Wil sah sich zeitweise mit Konkurrenz in der näheren Umgebung ausgesetzt. So wollte beispielsweise der Abt von Fischingen einen Markt in St. Margarethen einführen. Dies erinnert an die heutige Situation, in der Supermärkte vor den Toren Wils als Mitbewerber gegen das städtische Gewerbe auftreten.

Handelsbeschränkungen

Zum Schutz des eigenen Handelsplatzes mussten die Wiler Behörden immer wieder aktiv werden. Mit verschiedenen Anordnungen versuchten sie die Konkurrenz in Schach zu halten. Gemäss Ehrat durften etwa fremde Gerber und Schuhmacher 1614 den Verkauf ihre Produkte erst ab 10 Uhr beginnen, sofern sie nicht Ausweise von Frauenfeld und Elgg vorlegten, dass die Wiler Kaufleute daselbst früher den Handel aufnehmen durften.

1662 war das Auslegen von Waren an Hochzeiten, Kirchweihen und Kreuzgängen externen Händlern untersagt. Dafür durften in Wil Untertanen des Klosters St. Gallen auch unter der Woche ihre Produkte feilbieten.

Krämer und Hausierer

Das Wiler Marktwesen war mit weiteren Mitbewerbern konfrontiert: «Hatte das Landvolk früher seine Bedarf an landwirtschaftlichen Geräten und besonderen Artikeln in der Stadt gedeckt, lieferten seit ungefähr dem Ende des 16. Jahrhunderts in den Dörfern eingesessene Krämer oder auch Hausierer viele Waren», berichtet Chronist Ehrat. Die Wiler Marktleute hätten diese Konkurrenz stark zu spüren bekommen.

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Der Samstagsmarkt ist heute ein beliebter Ort für Begegnungen. (Foto: Adrian Zeller)  


Steuereinnahmen

Der Fürstabt und der Wiler Rat hatten ein grosses Eigeninteresse an einem florierenden Marktwesen in der Stadt. Die Händler mussten den «Bankschilling» abliefern, eine Art Gewerbesteuer. Ein Teil der Einnahmen in Wil klimperten in der Münzschatulle des Abtes im Hof. Die Handelsprodukte mussten auf städtischen Waagen gewogen werden, die entsprechenden Gebühren flossen ebenfalls in den Säckel der Obrigkeit.

Gefüllte Kassen

Ein erfolgreicher Handel wurde gerne mit Wein oder mit Bier begossen, was der damaligen Gastronomie zuträglich war. Sie musste ihrerseits Abgaben entrichten. Kunden und Händler wollten sich zudem verpflegen und sich für den langen Heimweg rüsten. Im Weitern benötigten die Zugtiere sowie das gehandelte Vieh Futter. All dies füllte die privaten und die städtischen Kassen.