Am 24.September 2020 wollte Ursula Egli (SVP) in einem Postulat vom Stadtrat wissen, wo der Tourismus in Wil bleibe. Das Corona-Jahr 2020 habe gezeigt, wie das eigene Land als Feriendestination wichtig werden könne. Die Stadt habe mit kirchlichen und profanen Bauten bereits einiges zu bieten. 

«Sie verdient es, als Kleinstadt zwischen Winterthur und St. Gallen und zwischen Churfirsten und Bodensee mehr als nur als Autobahnausfahrt wahrgenommen zu werden», schrieb Ursula Egli. Die Stadt mit ihren Einkaufsmöglichkeiten in der Fussgängerzone und in der Altstadt und ihrer gepflegten Gastronomie solle besser vermarktet werden. KMUs und das Gewerbe könnte davon profitieren. 14 Mitunterzeichner schlossen sich der Frage nach touristischen Entwicklungsmöglichkeiten von Wil an.


Kein neuer Bericht

In seiner Antwort vom 26. Mai 2021 beantragt der Stadtrat dem Parlament, das Postulat als nicht erheblich zu erklären. «Die beschränkt vorhandenen Ressourcen möchte er vielmehr in die stetige Weiterentwicklung investieren und von einem neuerlichen Bericht absehen.» Die von der HWT Chur erarbeitet Studie von 2016 gebe bereits einen umfassenden Überblick über die touristischen Möglichkeiten in Wil.

In seiner Stellungnahme listet der Stadtrat eine Reihe von Attraktionen, etwa die Wiler Weinstrasse, Artgarden, Stadtfest sowie den Aussichtsturm als Anreize, für Tagesbesucher auf. Auch von der Zukunft des renovierten Hofs zu Wil verspricht sich der Stadtrat durch «lebendigen Betrieb und attraktiver Begegnungsort für Menschen, Ideen und Anlässe» eine Sogwirkung.

Unterschätzter Hof

Seit Jahrzehnten wirbt Wil mit dem Slogan «Historische Äbtestadt». Historie kann leicht das Image des Angestaubten und Faden anhaften, wenn sie sehr konservativ, als nüchterne Anhäufung von Jahreszahlen und Namen, präsentiert wird. 

Wils Wahrzeichen könnte sich jedoch als attraktiv und als lukrativ erweisen. Die historische Bedeutung des Hofs wurde bisher unterschätzt, meint Dr. Patrick Cotting, seit 2019 Projektleiter der finalen Hofrenovationsetappe. In einem Interview zeigte er sich sehr zuversichtlich, dass ein erweitertes Angebote in der Gastronomie, in Bed &Breakfast, Versammlungsräume, Businesseinrichtungen sowie Wohnungen Einnahmen im historischen Komplex generieren werden.

Gemäss dem Inhaber eines Büros für strategische Beratung wurde die historische Bedeutung des Hofs bisher unterschätzt. Lange galt er als fürstäbtische Sommerresidenz. Diese sogar bei Fachleuten weitverbreitete Meinung, verkennt die tatsächliche ehemalige Funktion der Liegenschaft, ist der Experte überzeugt.


Wil als Beamtenstadt

Beim Amtsantritt von Ulrich Rösch 1457 stand das Kloster St. Gallen vor dem Ruin. Der neue Abt trieb ausstehende Schulden ein und tätigte verschiedene Zu- und Verkäufe von Immobilien, von Grundstücken und Rechten, in der Folge füllte sich die Klosterkasse wieder. 

Der Hof wurde in seiner Ära zum Gerichts-, Verwaltungs- und Finanzzentrum ausgebaut. Wil wandelte sich in dieser Epoche der Renaissance zur Beamtenstadt innerhalb des Klosterstaates, währenddessen das Kloster St. Gallen vor allem ein spirituelles Zentrum war. Die hohe administrative Bedeutung des Hofs für das Fürstenland blieb bis zur Auflösung der Abtei im Jahr 1805 bestehen, wie Patrick Cotting im Interview betonte.

UNESCO-Label

Der Komplex soll künftig in enger Verbindung mit dem Stiftbezirk in St. Gallen betrachtet werden, da sie zusammen - trotz der geografischen Distanz - historisch eine Einheit bilden. 

Damit stehen die Chancen gut, dass der Wiler Hofbezirk Teil des UNESCO-Kulturerbes des Stiftsbezirk St. Gallen wird. Patrick Cotting ist optimistisch, dass die entsprechende Urkunde den veränderten Umständen angepasst werden kann. Wil würde damit vermehrte Aufmerksamkeit zuteil.

Vor dem geplanten Baustart im April 2022 wird im Herbst 21 wird das Stimmvolk von Wil Stellung nehmen können. Wenn alles nach Plan läuft, ist die Umbauphase im Herbst 2024 abgeschlossen.

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Pankraz Vorster, letzter St. Galler Fürstabt. Dank modernsten digitalen Möglichkeiten könnte er zu neuem Leben erwachen.  Foto: wilnet


Hightech-Präsentation

Den Besuchern soll die wechselvolle Geschichte des Hofs mit modernsten interaktiven Instrumenten nähergebracht werden. Gemäss dem Konzept zur musealen Präsentation, das die renommierte Fachfrau Denise Tonella erarbeite hat, werden künftig moderne Medien, wie Tabletts, Touchscreens und künstliche Realitätsdarstellung, zur interaktiven Wissensvermittlung zum Zug kommen.