Als 16-Jährige wollte sich Helene Mayer im Notfall selber verteidigen können. Sie stiess dabei auf die Kampfkunst Aikido. Nach 20 Jahren Training ist sie seit kurzem Trägerin des ersten Meistergrades. „Als junge Frau war ich eher klein und fein gebaut“, erzählt Helene Mayer im Sitzungszimmer ihrer Treuhandfirma in Sirnach. „Ich wollte im Notfall selber einen Übergriff abwehren können.“ Dazu schnupperte sie in den Trainings von verschieden fernöstlichen Methoden zur Selbstverteidigung. „Schliesslich wurde ich bei Aikido fündig.“

Keine Kampfstimmung
Sie habe dabei nicht das gefunden, was sie eigentlich gesucht habe, dennoch hat sie ihre Wahl nie bereut. Das Ziel von Aikido ist es nicht, durch gezielte Schläge, Tritte oder Würgegriffe oder ähnliches einen Angreifer kampfunfähig zu machen.

Der feine, aber entscheidende Unterschied besteht darin, dass es sich nicht um eine Kampftechnik, sondern eine Kampfkunst handelt. Elemente aus verschieden Selbstverteidigungstechniken werden zur körperlichen und mentalen Schulung und Entwicklung eingesetzt.

Im Übungsraum, Dojo genannt, ist nicht ein Anflug einer aggressiven Stimmung zu verspüren, eher eine konzentrierte Trainingsatmosphäre, die nichts Verbissenes oder Verkrampftes an sich hat. Frauen und Männer aus unterschiedlichen Generationen trainieren hier miteinander ihre innere und äussere Harmonie.

Üben mit Partner
Wenn langjährig Aikido-Praktizierende gemeinsam ihre Partnerübungen trainieren, fühlt man sich an einen Art geschmeidigen Tanz erinnert. „Aikido ist eine japanische Kampfkunst, die auf harmonischen kreisförmigen Bewegungen basiert“, erläutert Helene Mayer. “Sie wird immer mit einem Partner trainiert.“ Es geht nicht um das Besiegen des Gegenübers, sondern um das harmonische Auflösen der gemeinsamen Bewegung.“ Ziel ist die Förderung des Fortschritts in der Verfeinerung der Technik, nicht der Zweikampf.

Bei dieser Auflösung der Bewegung kann es zwischendurch ganz schön lautstark Knallen. Überschläge des Partners werden häufig praktiziert. Beim Auftreffen auf den Matten kann es dabei ziemlich laut werden. Praktizierende lernen von Beginn weg das gezielte Abfedern des Bodenkontakts, schmerzhaft ist das geübte Fallen auf die Matten kaum.

Die weiten schwarzen Hosen, die an die Kleidung der japanischen Krieger Samurai angelehnt sind, verleihen den Bewegungen eine besonders dynamisch wirkende Komponente.

Hilft beim Abschalten
Das regelmässige Üben sei für sie der ideale Ausgleich zu ihrem eher hektisch geprägten Alltag, erzählt Helene Mayer, die ein Treuhandbüro mit drei Mitarbeiterinnen führt. Momentan ist eine besonders anspruchsvolle Phase im Jahreslauf, viele Buchhaltungen ihrer Firmenklienten müssen für die Abgabe an die Steuerbehörden reif gemacht werden. „Das Training beginnt immer mit Atemübungen, dadurch kann ich die Hektik des Alltags gut hinter mir lassen.“

Finanzfachfrau
Nach ihrer KV-Lehre auf einer Gemeindeverwaltung arbeitete Helene Mayer einige Jahre im Buchhaltungsbereich in der Privatwirtschaft. Mit 35 Jahren begann sie eine berufsbegleitende Ausbildung zur Spezialistin im Finanz- und Rechnungswesen. Nach drei Jahren Studium durfte sie ihren Fachausweis in Empfang nehmen.

Als Treuhänderin arbeitet sie nach dem Grundsatz: „Meine Kunden sollen bekommen, was sie brauchen, aber nicht mehr als unbedingt nötig.“

Neben ihrer eigenen Firma sitzt die zweifache Mutter auch als Finanzchefin in der Geschäftsleitung eines IT-Konzerns. Im Weiteren ist sie Teilhaberin an einem Hotel im Neckertal.

Ende des Praktizierens
Während ihrer Lehre begann sie mit ihrem Training im Wiler Budosport-Club Arashi Yama. Als sie Jahre später Mutter wurde, liess sich nicht mehr beides unter einen Hut bringen: „Das Training beginnt um 19 Uhr, dies liess sich schliesslich mit dem Kinder ins Bett bringen nicht vereinbaren.“

Rückkehr durch Kinder
Als die beiden Töchter ins Teenageralter kamen, begannen sie sich für die Kampfkunst, die ihre Mutter früher praktiziert hatte zu interessieren und selber zu trainieren. Auf diese Weise stand auch Helene Mayer nach langem Unterbruch wieder auf der Matte.

Meisterprüfung abgelegt
„Nach einem Jahr meinten sie, Tanzen würde ihnen doch besser gefallen“, meint die 52-Jährige nachsichtig schmunzelnd. „Ich blieb beim Aikido.“

Einerseits gefällt ihr, dass das regelmässige Training ihre Gesundheit fördert, aber auch das Praktizieren mit verschiedenen Partnerinnen und Partner. “Jede und jeder übt auf seine Weise, man muss sich immer wieder auf andere Menschen einstellen und einen gemeinsamen Weg finden.“

Nach insgesamt 20 Jahren des Trainings legte Helene Mayer kürzlich die Prüfung zum ersten Meistergrad, genannt Dan, ab. Ob ein weiterer folgen wird, bleibt abzuwarten.

Bodenständiger Gesang
Neben einer fernöstlichen Praxis pflegte Helene Mayer auch eine gut eidgenössische: sie ist leidenschaftliche Jodlerin und bringt ihre kräftige Stimme als erste Jodlerin in der Gemischten Jodelgruppe Münchwilen ein.

Nicht immer schlug ihr Herz beim Schweizer Traditionsgesang höher. „Ich bin in einem bäuerlichen Haushalt aufgewachsen. Es nervte mich, wenn mein Vater häufig im Radio volkstümliche Musik einschaltete.“ Jahre später wurde sie in einem Schnupperkurs in der Klangwelt Toggenburg von Nadja Räss mit dem Jodel-Virus angesteckt.

Die eher innovative Umsetzung des traditionellen Gesangs durch Nadja Räss entspricht Helene Mayer. Sie besuchte weitere Kurse an anderen Orten. Dabei sagte ihr ein Jodellehrer, dass sie Talent für diese Art von Musik habe. Sie liess ihre Stimme weiter schulen.

Als weitere Leidenschaft benennt die Finanzunternehmerin die Literatur. Vor allem der Stil der britischen und der skandinavischen Autoren entspricht ihrem Geschmack.