Es braucht einiges an Fantasie, um sich vorzustellen, wie sich die Wilerinnen und Wilern in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts gefühlt haben; innert wenigen Jahrzehnten wurde ihre Stadt eine andere. Markanter Meilenstein des Fortschritts war die feierliche Eröffnung der ersten Bahnlinie 1856.

Viele neue Einwohner

Das Alltagsleben spielte sich fortan nicht mehr nur vor allem in der Altstadt ab. So führte etwa die Stickereiindustrie in der Region um den Bahnhof zu diesem Wachstumsschub für Wil. Zudem wurden neue Gaststätten, Hotels, und Brauereien eröffnet. Zu Beginn des Eisenbahnzeitalters wohnten 1555 Menschen in Wil, fünfzig Jahre später waren es bereits 5015.

Mit dem Zuzug von Arbeitskräften kamen auch zahlreiche Kinder nach Wil. Früher waren viele Familien kinderreich. Für sie brauchte es zusätzlichen Schulraum.

Für ein neues Schulhaus wurden damals verschiedene Grundstücke geprüft. Sogar die Aufschüttung des Stadtweiers zur Gewinnung eines Bauplatzes wurde erwogen. Schliesslich fiel die Wahl auf die Allee. 1905 wurde die entsprechende Bildungsstätte feierlich eröffnet.

Von der Geometrie nur Natürlichkeit

Das Alleeschulhaus weisst einen interessanten Kontrast zum Tonhalleschulhaus auf. Dieses wurde 19 Jahre früher, 1886, eröffnet und ist im klassizistischen Stil gehalten. Die Unterschiede im Erscheinungsbild dokumentieren einen Wandel im Zeitgeist.

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Das 1886 gebaute Tonhalle-Schulhaus weisst die typischen Merkmale klassizistischer Architektur aus. Im nachfolgenden Jugendstil werden die Formen geschwungener und lehnen sich an Vorbilder in der Natur an. 

Die Anfangszeit des 19.Jahrhunderts war künstlerisch geprägt von einer Faszination für die Antike. Entsprechende archäologische Grabungen hatten eine Vielzahl von antiken Skulpturen ans Tageslicht gefördert.

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Rekonstruktion eines Bühnenbildes des Balletts  Der Feuervogel  von Igor Strawinsky typischen Jugendstil. Das Ballett wurde 1910 in Paris uraufgeführt. 

In der Folge erinnern viele der damals neu gebauten Immobilien an griechische und römische Tempel. Sie weisen die dafür typischen Säulen, Friese und Dreiecke auf, wie sie beim Tonhalle-Schulhaus und bei der benachbarten Tonhalle gut zu erkennen sind.

Diese klaren geometrischen Formen haben sich Jahre später im Jugendstil in Mäander, Ranken und Schnörkel verwandelt. Aus der ehemals strengen Linienführung und den sparsam eingesetzten Verzierungen wurden üppige verspielte organische Formen. Was steckt hinter dem markanten Wandel im ästhetischen Empfinden?

Maschinenzeitalter setzt ein

Im Laufe des 19. Jahrhunderts änderte sich der Alltag für viele Menschen. Viele von ihnen hatten bisher auf dem Feld und im Stall gearbeitet, nun fanden sie ein neues Auskommen in den Fabriken. Dort waren sie mit lautstarken Maschinen konfrontiert. Es stand eine neue grosse Bevölkerungsgruppe der Industriearbeiter. Vormals war die Schweiz ein Agrar- und Gewerbeland.

Mit der aufkommenden Bahn wurde das Leben schneller als zuvor zu Fuss oder mit der Pferdekutsche. Zudem: Elektrischer Strom begann sich mit seinen Anwendungen auszubreiten. Die Fotografie wurde erfunden. Die Chemie machte Fortschritte. Telegrafen transportierten neuerdings Nachrichten in Windeseile. Zuvor war das Alltagsleben vom Läuten der Kirchenglocken getaktet gewesen, nun begann ein hektischeres Zeitmass.

Neues Gesundheitsbewusstsein

Viele waren überzeugt, dass diese Entwicklung zu Lärm und zu Eile ungesund sei. Sie propagierten eine möglichst naturnahe Lebensweise. Auch die bisher üblichen einengenden Kleider wurden durch entsprechend angepasste Schnitte körperfreundlicher gestaltet. Die Korsetts wurden verbannt. Und auch die Nahrung sollte möglichst naturnahe sein.

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Eingangspartie mit jugendstilartigem Relief im Westquartier. 

Auch die Komponisten, Architekten und Maler begannen sich als Reaktion auf die fortschreitende Technisierung auf die Natur zurückzubesinnen. Sie lehnten die bisherige klassizistische Kunst als erstarrt und rückwärtsgewandt ab.

Organische Formen aus der Natur

Den geometrischen Formen des Klassizismus wurden stilisierte Pflanzendarstellungen entgegengesetzt. Zudem sollte Kunst nicht mehr weiter vor allem bestimmten Gesellschaftsgruppen zugänglich, sondern im Alltag aller Menschen präsent sein, Kunsthandwerk und Kunst wurden näher zusammengebracht. So wurden Gebrauchsgegenstände wie etwa Blumenvasen, Geschirr und Lampenschirme mit organischen Formen gestaltet.

Markante Jungstilbauten

Während das Alleeschulhaus eher sparsam angedeutete Elemente des Jugendstils aufweist, sind die von der Natur inspirierten Formen am Haus Jupiter (1907) unverkennbar, ebenso beim Gebäude des ehemaligen Restaurants Krokodil (1908) im Westquartier. Alle drei Liegenschaften entwarf der Wiler Architekt Paul Truniger (1878-1946).